Berlin - Arm in Arm zitterten die deutschen Skispringer und schauten gebannt auf die Anzeigetafel im bitterkalten Stadion von Zhangjiakou. Als der Gewinn der Bronzemedaille im olympischen Teamwettkampf mit dem winzigen Vorsprung von rund 40 Zentimetern vor den viertplatzierten Norwegern feststand, brach alles aus ihnen heraus. „Jaaa“, brüllten Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe und Constantin Schmid unisono laut und durchdringend. Dann sprangen sie ausgelassen im Kreis. „Ich wollte unbedingt diese Scheiß-Medaille“, sagte Eisenbichler kurz darauf völlig euphorisch im ersten Interview mit der ARD. „Ich weiß gar nicht, wohin mit meinen Emotionen“, sagte er und stolzierte im Anschluss direkt jubelnd hinüber zur Flower-Zeremonie.

Bundestrainer Stefan Horngacher wirkte da etwas reservierter, war aber ebenfalls begeistert. „Ich bin extrem froh. Das war echt auf Messers Schneide heute“, sagte er. Das deutsche Quartett musste sich am Montag bei Temperaturen von unter minus 20 Grad in China nur den siegreichen Österreichern und Silbergewinner Slowenien geschlagen geben. „Ist das geil“, rief der frühere Weltklasse-Springer und ARD-Experte Sven Hannawald im Studio. Und Geiger sagte zum dramatisch-knappen Ausgang: „Ich habe mir nur gedacht: Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte. Und es hat gereicht. Das war cool.“

Bundestrainer mit positivem Gesamtresümee

Zum Abschluss der Skisprung-Wettkämpfe auf der riesigen Schanzenanlage war es die zweite Medaille für das deutsche Männer-Team. Geiger hatte am Wochenende im Einzel von der Großschanze Bronze gewonnen und damit für eine Trendwende der deutschen Skisprung-Männer gesorgt. Auch wenn sich die erfolgsverwöhnten Adler des Deutschen Skiverbands (DSV) vor den Spielen mehr erhofft hatten, zog Horngacher unter dem Eindruck der jüngsten Podestplätze ein zufriedenes Fazit. „Natürlich weiß ich, dass wir auch noch mehr hätten gewinnen können, aber das ist leider nicht passiert“, sagte der 52-Jährige. „Ich denke, das Gesamtresümee ist am Ende positiv, weil wir einfach die Kurve noch mal gekriegt haben nach dieser kleinen Schanze – und uns wirklich hineingekämpft und jetzt zwei Medaillen gewonnen haben.“

Für Eisenbichler und Schmid war die Bronzemedaille das erste Edelmetall bei Winterspielen der Karriere. Vor allem für den 30 Jahre alten Eisenbichler hatte der Erfolg eine zusätzliche spezielle Komponente: 2018 in Pyeongchang war der Siegsdorfer zwar dabei gewesen, wurde für die Mannschaft, die Silber gewann, aber nicht nominiert. „Das vor vier Jahren hat an mir genagt“, sagte Eisenbichler. „Ich bin einfach brutal dankbar.“ Mit Sprüngen auf 136 und 139,5 Meter trug er selbst sehr viel dazu bei, seine persönliche Olympia-Rechnung zu begleichen. Schon nach seinem ersten Versuch jubelte Eisenbichler ausgelassen. Zur Halbzeit lag das Team auf dem vierten Platz, im zweiten Durchgang steigerte es sich noch mal.

Als er fast die 140 Meter geknackt hatte, schrie er mehrfach ausgelassen. „Yes“, schallte es durch das fast leere Stadion. Zwischendurch habe Horngacher gedacht, sein Team brauche ein Wunder, verriet der Coach. „Das Wunder ist Gott sei Dank geschehen: Der Eisei hat noch mal eine richtige Rakete gezündet.“ Geiger vollendete die Vorarbeit seines Kumpels als Schlussspringer mit einem Satz auf 128 Meter und zog damit noch an den zuvor drittplatzierten Norwegern vorbei. Was Eisenbichler in den Momenten vor der Ergebnis-Bekanntgabe gedacht habe, wurde er gefragt. „Ich habe nicht gedacht. Ich habe gehofft, ich habe gebetet – was ich normal selten tue“, sagte er.

Auf der Normalschanze hinter den Ansprüchen

Für die deutschen Springer nehmen die Winterspiele so doch noch ein zwischenzeitlich nicht für möglich gehaltenes positives Ende. Platz 15 für den im Gesamtweltcup führenden Geiger und Rang 31 für Eisenbichler auf der Normalschanze lagen weit unter den Ansprüchen. Bei der olympischen Premiere des Mixed-Wettkampfes war die Niederlage emotional sogar noch härter. Deutschland befand sich auf Medaillenkurs, doch Einzel-Silbermedaillen-Gewinnerin Katharina Althaus wurde wegen eines nicht regelkonformen Sprunganzugs disqualifiziert. Das Team schied nach dem ersten Durchgang aus.

Nach misslungenen Trainingssprüngen auch auf der Großschanze schien Geiger aus dem Tief nicht mehr herauszukommen, Eisenbichler übte sich in Bezug auf das Ergebnis in einer Art Jetzt-ist-alles-egal-Haltung. Rang drei für Geiger und Platz fünf für Eisenbichler leiteten dann die Wende ein. Mit Bronze zum Abschluss kam das deutsche Männer-Team zwar nicht an die Ausbeute der Winterspiele von Pyeongchang 2018 mit einmal Gold und zweimal Silber heran. Angesichts des verkorksten Starts können Geiger, Eisenbichler, Leyhe und Schmid dennoch zufrieden die Heimreise antreten. Zuvor haben sie allerdings noch etwas Zeit in China. „Wir werden uns jetzt schon was einfallen lassen, wo wir feiern“, kündigte Horngacher an. Markus Eisenbichler war da schon konkreter: Ein, zwei Bier am Abend würden es wohl werden, bevor es am nächsten Tag zum Langlauf geht. Um nach anstrengenden Springen den Kopf frei zu bekommen.