Marokko wirft sensationell Portugal und Cristiano Ronaldo raus

Der Favoritenschreck hat erneut zugeschlagen: Marokko bezwang Portugal im WM-Viertelfinale dank einer leidenschaftlichen sowie beherzten Vorstellung.

Youssef En-Nesyri (M.) feiert sein entscheidendes Tor für Marokko unter anderem mit Ex-BVB-Star Achraf Hakimi (l.).
Youssef En-Nesyri (M.) feiert sein entscheidendes Tor für Marokko unter anderem mit Ex-BVB-Star Achraf Hakimi (l.).AFP/PATRICIA DE MELO MOREIRA

Die marokkanischen Fans rasteten aus und wussten gar nicht, wohin mit ihren Emotionen. Wenige Sekunden zuvor hatte ihr Stürmer Youssef En-Nesyri zum entscheidenden 1:0 für den Underdog eingeköpft, weil sich Portugals Keeper Diogo Costa bei einer Halbfeldflanke von Linksverteidiger Yahia Attiyat Allah verschätzt hatte und an ihr vorbeigesegelt war (43. Minute).

So brauchte der Angreifer des FC Sevilla nur noch einnicken und löste bei den vielen Anhängern seines Landes pure Ekstase aus. Auch anschließend waren die nordafrikanischen Zuschauer im  mit 44.198 Menschen gut gefüllten Al-Thumama Stadium in Doha in der Überzahl und lautstark zu vernehmen.

Nach dem Elfer-Coup im Achtelfinale gegen Spanien wechselte Coach Walid Regragui bei den Löwen vom Atlas notgedrungen zweimal: Attiyat Allah und Jawad El Yamiq ersetzten die bisherigen Leistungsträger Noussair Mazraoui und Nayef Aguerd (beide verletzt und deshalb nicht im Kader).

Auf der anderen Seite nahm Fernando Santos nach dem 6:1-Spektakel gegen die Schweiz nur eine Veränderung vor: Ruben Neves lief für William Carvalho auf, der auf der Bank saß - wie auch Cristiano Ronaldo. Der Superstar sah von außen, wie Bruno Fernandes wenige Zeigerumdrehungen nach dem Anpfiff einen Freistoß aus dem rechten Halbfeld in die Mitte brachte, wo Joao Felix zum Kopfball kam, aber am aufmerksamen Bono scheiterte (4.).

Joao Felix vergab für Portugal gleich mehrere gute Chancen.
Joao Felix vergab für Portugal gleich mehrere gute Chancen.IMAGO/NurPhoto

Marokko stoppt Portugals Offensivwirbel oft schon im Ansatz

Doch auch der vermeintliche Underdog versteckte sich nicht. En-Nesyri köpfte allerdings nach einer Ecke aus wenigen Metern drüber (6.). Es blieb in der Folge ein temporeiches und intensives Duell zweier Mannschaften, die Gas gaben. 

Den Nordafrikanern merkte man an, dass es sie beflügelte, die Unterstützung eines ganzen Kontinents hinter sich zu wissen. Sie spielten mit Herz, Leidenschaft und agierten als echte Einheit, die defensiv sicher stand, sich mit Verve in die Zweikämpfe warf und offensiv immer wieder ausschwärmte bzw. schnelle Gegenstöße startete.

Die Spielkontrolle gehörte Portugal, das wegen fehlender Präzision, Kreativität, fehlenden Tempo-Verschärfungen und des starken gegnerischen Auftritts viel zu selten Lücken in der dicht gestaffelten Abwehr Marokkos fand. So wussten sich die Iberer oft nur mit langen Schlägen zu helfen.

Sofyan Amrabat (r.) und Youssef En-Nesyri (M.) machten Portugal um Otavio das Leben richtig schwer.
Sofyan Amrabat (r.) und Youssef En-Nesyri (M.) machten Portugal um Otavio das Leben richtig schwer.IMAGO/NurPhoto

Youssef En-Nesyri köpft Marokko gegen Portugal in Führung

Durch einen davon entstand eine Großchance. Der Favorit bekam den zweiten Ball, Felix zog aus 20 Metern ab, traf El Yamiq, der die Kugel gefährlich abfälschte, doch der Schuss sauste knapp über den Kasten (31.). Auf der Gegenseite fehlte auch Selim Amallah das nötige Zielwasser (34.), ehe Diogo Costa beim unplatzierten Schuss von Sofiane Boufal sicher zupackte (35.). 

Das belegte: Die Löwen vom Atlas wurden mit zunehmender Dauer immer mutiger und starteten mit ihren dynamischen sowie technisch versierten Akteuren nun regelmäßig zielstrebige Konter, weshalb die Portugiesen gehörig aufpassen mussten - es aber ein Mal nicht taten!

Costas falsche Berechnung der Hereingabe und En-Nesyris perfektes Timing hatten zur Folge, dass der Underdog mit 1:0 führte (43.).

 Youssef En-Nesyri (l.) köpft zum 1:0 für Marokko ein, weil Portugals Keeper Diogo Costa (2. v. r.) sich verschätzt.
Youssef En-Nesyri (l.) köpft zum 1:0 für Marokko ein, weil Portugals Keeper Diogo Costa (2. v. r.) sich verschätzt.AP/Noroozi

Beinahe hätten die kurzzeitig wütend angreifenden Iberer direkt zurückgeschlagen, aber Fernandes traf mit seinem wuchtigen Vollspannstoß aus spitzem Winkel nur die Latte (45.). Es wurde hitziger, doch zur Pause blieb es bei der sensationellen Führung der Nordafrikaner. 

Die sorgten im zweiten Abschnitt direkt wieder für Gefahr, als Hakim Ziyech einen Freistoß aus dem rechten Halbfeld mit links vors Tor schlug, El Yamiq leicht mit dem Kopf dran war und der herausspringende sowie sich breit machende Costa mit etwas Glück abwehren konnte (49.). 

Volle Offensive: Portugal wechselt Cristiano Ronaldo ein und drückt

Cristiano Ronaldo (Nr. 7) wurde in der 51. Minute zusammen mit Joao Cancelo in die Partie gebracht.
Cristiano Ronaldo (Nr. 7) wurde in der 51. Minute zusammen mit Joao Cancelo in die Partie gebracht.AFP/ANDERSEN

Nun reichte es Santos, er brachte unter anderem Ronaldo in die Begegnung und setzte auf zwei Mittelstürmer (51.). CR7-Nebenmann Goncalo Ramos, der Held aus dem Achtelfinale, hatte jetzt mehr Platz und hätte diesen fast genutzt, köpfte allerdings haarscharf vorbei (58.). Auch Fernandes setzte seinen wuchtigen 18-Meter-Schuss um Zentimeter zu hoch an (63.).

Portugal drängte, doch Marokko hielt weiter mit allem, was man hatte, dagegen. Es war nun ein Spiel auf ein Tor. Die Iberer rannten an, verzweifelten aber an ihren einsatzfreudigen Kontrahenten, die nach 75 Minuten die ersten Krämpfe plagten.

Auch deshalb entwickelte sich eine spannende und dramatische Schlussphase. Eine elektrisierende Nervenschlacht, in der Bono einen überragenden Reflex gegen einen wuchtigen 16-Meter-Schuss von Felix auspackte und seinem Team die Führung rettete (82.). Beim Versuch von Ronaldo packte er ebenfalls zu (90.+1). Außerdem verfehlte Pepe das Gehäuse mit seinem Kopfball (90.+7).

Bono (l.), immer wieder Bono: Marokkos Torhüter greift hier vor Cristiano Ronaldo (M.) zu.
Bono (l.), immer wieder Bono: Marokkos Torhüter greift hier vor Cristiano Ronaldo (M.) zu.dpa/Tom Weller

Walid Cheddira sieht in der Nachspielzeit Gelb-Rot

Dazu kassierte der übermotivierte Joker Walid Cheddira die Gelb-Rote Karte (90.+3), weshalb der Underdog einen Teil der achtminütigen Nachspielzeit in Unterzahl agieren musste. Dennoch hatte Zakaria Aboukhlal die Top-Chance, als er bei einem Konter frei auf Costa zulief, diesen überlupfen wollte, aber nur den Schlussmann des FC Porto traf (90.+6).

Doch mithilfe ihrer tanzenden, hüpfenden und anfeuernden Fans brachten die Löwen vom Atlas das knappe 1:0 tatsächlich über die Zeit, blieben erneut ohne Gegentor und stehen als erste afrikanische Mannschaft überhaupt in einem Halbfinale der Weltmeisterschaft, wo man am Mittwoch (20 Uhr) auf den Sieger der Partie England gegen Frankreich trifft.