Die Schritte kraftvoll, der Blick fokussiert, den Ball unter Kontrolle. Als Martin Dausch am Sonntag eingewechselt wurde, war dem Mittelfeldmann nicht anzumerken, dass der Sport jüngst nur eine Nebenrolle in seinem Leben spielte. „Es gab Trainingseinheiten, in denen ich nicht wirklich auf dem Platz stand“, sagt der Fußballer des 1. FC Union. Die Gedanken kreisten um seinen Sohn, der vor fünf Monaten geboren wurde.

Luca sei lebendig und neugierig, erzählt der 27-Jährige. Für einen Moment ist er der erwartet stolze Papa. Doch die Sonnenbrille, die sein Junge stets trägt, ist kein hipper Coolnessfaktor – sie ist eine medizinische Notwendigkeit. Luca kam ohne Regenbogenhaut zur Welt. Die fehlende Iris, der farbige Teil der Augen, ist Folge eines Aniridie genannten Gendefekts. Weil das Auge den Lichteinfall nicht regulieren kann und auch Hornhaut sowie Sehnerv betroffen sind, kann sich die Sehfähigkeit nicht voll entwickeln. Manche Patienten erblinden.

Die Gefühle zu kontrollieren ist für den Vater schwieriger, als einen Ball in die gewünschte Richtung zu lenken. „Wir versuchen zu sehen, wie toll er ist“, sagt Dausch. Eltern haben eine Vorstellung davon, was ihr Kind können sollte. Sich von den Bildern freizumachen, die er sich von der Zukunft ausgemalt hat, fällt Dausch schwer. Er sitzt in einer Laube nahe des Stadions seines Klubs. Er möchte sich von der Last befreien und aufmerksam machen auf eine seltene Krankheit.

Immer, wenn er an die Einschränkungen denkt, die seinen Sohn erwarten, holt er tief Luft. Auto fahren? „Eher nicht“, seufzt er. Luca wird wohl nur 20 Prozent Sehfähigkeit erreichen. Doch Dausch hofft, denn die Diagnose ist kompliziert. Es gibt so viele Unterarten der Krankheit wie Betroffene in Deutschland: etwa 500. Ein Mädchen mit ähnlicher Veranlagung wie Luca hat eine Sehstärke von 60 Prozent, das würde für den Führerschein reichen. Aber: „Es kommen immer wieder schlechte Nachrichten“, sagt Dausch.

Unerforschte Krankheit

Zunächst hatte er gedacht, die Trübung der Augen seines Kindes sei normal. Mitspieler aber widersprachen. Der Weg führte vom Kinderarzt über den Augenarzt in eine Spezialklinik. Hier wurde zwar die Krankheit erkannt, weiter half den Ärzten aber nur der Blick ins Lehrbuch. Aniridie ist selten und kaum erforscht. Erst vor einer Woche fand Dausch dank des einzigen Selbsthilfevereins für Aniridie-Betroffene in Deutschland nach Homburg zu der Professorin Barbara Käsmann-Kellner. Um den Notstand zu lindern, haben der Fußballer und der Selbsthilfeverein ein Spendenkonto eingerichtet. Das Geld, Dausch überweist 10 000 Euro, ist ausschließlich für die Forschung an der Universitätsklinik Saarland unter Leitung von Käsmann-Kellner bestimmt.

Dausch weiß, dass mögliche Forschungsergebnisse für seinen Sohn zu spät kommen. Das Gehirn entwickelt sich nur bis zum sechsten Lebensjahr. Bis dahin muss das Sehen so gut wie möglich ausgebildet sein. Danach helfen auch neu entdeckte Methoden nicht, da das Gehirn die zusätzlichen Reize nicht verarbeiten kann. Für Vater und Mutter zählt deshalb nur eins: „Luca so positiv wie möglich ins Leben lassen.“

Weitere Informationen unter: luca-forschung@gmx.de