Berlin - Hefte raus, Mathetest! Man kann die Antwort wissen, muss man aber nicht, ist ja nur eine Schätzfrage. Marvin Plattenhardt nimmt sich erst mal eine Denkpause, zieht die Augenbauen hoch, kratzt sich am Bart und hinterm Ohr, zupft verlegen an seiner Mütze, doch dann sagt er recht zuversichtlich: „Ich glaube, um die dreißig Prozent.“

Nicht ganz. Es sind zehn bis fünfzehn. „Echt jetzt?“ Echt jetzt. Zehn bis fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung, Männer übrigens etwas häufiger als Frauen, sind Linkshänder. In der Regel auch Linksfüßer. So wie Plattenhardt einer ist. Und das ist schon ein Vorteil in seinem Berufsleben. Allein das macht ihn ja zu einem gesuchten und überall begehrten Fußballer.

Wer links schießt, fällt auf

Wer lieber mit links am Ball ist, fällt nämlich eher auf in der schieren Masse an Rechtsvorlegern, hat es damit leichter auf seinem Karriereweg. Man kann das sogar belegen. Bei allen Bundesligaklubs stehen durchschnittlich 6,3 Linksfüßer oder 7,9 beidfüßige Fußballer im Kader, das macht 22,4 oder 27,4 Prozent aller Spieler aus.

Im großen Weltbevölkerungsvergleich sind Rechtsfüßer demnach stark unterrepräsentiert. Man könnte sagen, sie werden diskriminiert. Jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass auf den zentralen Positionen wie Torwart, Spielmacher und Stoßstürmer eigentlich Gleichberechtigung herrschen sollte.

Man kann es aber auch so wie Plattenhardt formulieren: „Ein Linksfuß zu sein, ist schon etwas Besonderes.“ Besonders nervig ist nur, dass man schmiert beim Schreiben und mit dem Ellenbogen anstößt beim Mannschaftsessen.

Dardais Lobeshymne

Ein guter Linksfuß ist selten, ein sehr guter Linksverteidiger eine Rarität. Plattenhardt sagt: „Man liest und hört es schon oft, dass gerade wir gefragt sind.“ Die Besten der Bundesliga kommen aus dem Ausland. Da sind der österreichische Bayer David Alaba, der portugiesische Dortmunder Raphaël Guerreiro, der brasilianische Leverkusener Wendell, Wolfsburgs Schweizer Ricardo Rodríguez oder auch Mönchengladbachs Schwede Oscar Wendt.

Irgendwo dazwischen muss man die deutschen Dortmunder Erik Durm und Marcel Schmelzer verorten. Und dann gibt es noch den Kölner Nationalspieler Jonas Hector und eben Marvin Plattenhardt, 24, von Hertha BSC. Am Sonnabend um halb vier im Olympiastadion werden die beiden zum Linksaußengipfel erwartet. Und eine Frage die dabei zu klären ist, lautet: Könnte sich Joachim Löw nicht auch mal bei Plattenhardt melden?

Grüße an den Bundestrainer

Pal Dardai findet, der Bundestrainer sollte zumindest mal darüber nachdenken. Herthas Trainer will sich da nicht einmischen. Er kann Plattenhardt zurzeit nur loben und warten, dass auch Löw erkennt, wie Herthas Linksverteidiger sich gewandelt hat: von einem scheuen, bloß Fehler vermeidenden und zu schnell Flanken schlagenden Flügelspieler, zu einem, der plötzlich höher steht, auf lange Diagonalpässe spekuliert und immer öfter erfolgreich ins Dribbling geht, dabei hübsche Finten zeigt.

Plattenhardt sagt: „Ich bin mutiger geworden.“ Und dass er nur hoffen kann, dass Löw sich vielleicht mal bei ihm meldet. Dardai sagt: „Er ist mutiger geworden.“ Und: „Vielleicht kriegt er irgendwann mal eine Einladung von oben.“ Oben sitzt Löw.

Lobend hat sich auch Michael Preetz über Plattenhardt geäußert. Wobei die Lobeshymne des Managers die schwierige Vorgeschichte umfasst. „Jeder weiß“, sagte Preetz, „dass Marvin, bevor Pal übernommen hat, vorsichtig gesagt, eine untergeordnete Rolle gespielt hat.“ Doch jetzt bereue er es nicht mehr, nach Berlin gewechselt zu sein. Jetzt sei er: „Eine Fixgröße, ein Leistungsträger. Er ist gesetzt.“ Das abschließende Urteil: „Der Junge macht Spaß.“

Früher der Gefahrenherd

In seinem ersten Berliner Bundesligajahr, als noch Jos Luhukay das Trainersagen hatte, war Plattenhardt, und das ist jetzt nicht ganz so vorsichtig gesagt, ein ständiger Gefahrenherd – für die eigene Mannschaft. Erinnert sei an sein Startelfdebüt, bei dem er beide Gegentore verschuldete und ... – „ja, ich weiß, gegen Hannover“, unterbricht Plattenhardt.

„Das bleibt im Kopf. Aber man muss die Erinnerung daran irgendwann ausblenden.“ Nach Luhukays Entlassung war Plattenhardt sofort Stammspieler. Dardai hatte etwas in ihm gesehen, das seinem Vorgänger immer verborgen geblieben war.

Zum Beispiel Plattenhardts überdurchschnittliches Talent, sehr präzise und sehr scharfe Flanken zu schlagen. Oft auf den ersten Pfosten, wo in der vergangenen Saison Vedad Ibisevic genau auf diese lauerte. Fünf Assists sind ein sehr guter Wert für einen Außenverteidiger. „Man entwickelt so einen Instinkt, wo der Ball hinkommen muss.“ Oder seine Freistöße.

Zwei Mal traf er schon direkt. „Wenn ich davon überzeugt bin“, sagt Plattenhardt, „dass ich einen guten Tag habe, wenn ich schon beim Aufwärmen ein paar Schüsse gut getroffen habe, natürlich sage ich dann, hey, Jungs, ich mach den jetzt.“ Auffällig ist nur, dass Hertha wenige Standards in zentraler Position zugesprochen bekommt. Man habe darüber schon mehrmals geredet in den Mannschaftssitzungen, versichert Plattenhardt. Man müsse sich dort auch mal fallen lassen, habe Dardai ihnen gesagt.

Vergleich mit Jonas Hector

Fragt man Plattenhardt direkt nach Hector, wirkt er wieder etwas verlegen. Was macht der Kölner eigentlich besser? Und was nicht? Antwort: „Da kann ich nicht viel sagen. Das möchte ich auch gar nicht.“ Weil: „Das wäre nicht angebracht.“ Klar, er schaue sich die Länderspiele schon an, wenn er gerade daheim ist, man könne sich immer etwas abgucken. Nur was genau? Hat er ein Vorbild? „Nein.“

Marvin Plattenhardt will lieber Taten für sich sprechen lassen. Oder eben seinen Trainer. Als Dardai seinen Appell an den Bundestrainer beendet hatte, machte es laut klong im Medienraum. Bei Hertha wird ja gerade gebaut. Fenster, Fassade, Gerüste stehen überall herum. Dardai aber glaubte etwas anderes gehört zu haben: „Und das Zeichen von oben – ist da.“