Marvin Plattenhardt genießt es, wieder eine Führungsrolle bei Hertha BSC zu haben.
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OrlandoWas wiedergewonnenes Selbstvertrauen ausmachen kann, demonstrierte Marvin Plattenhardt, 27, am zweiten Tag des Trainingslagers in Orlando. Herthas Linksverteidiger zirkelte zum Ende der fast zweistündigen Trainingseinheit einen Freistoß über die Köpfe seiner Kollegen direkt in den Winkel. Es folgte der bisher größte blau-weiße Applaus in Florida.

Keine Frage, Plattenhardt ist, seitdem Jürgen Klinsmann als Cheftrainer im November übernahm, auf dem Weg zurück zu alter Stärke und der vielleicht größte Gewinner unter der Regie des ehemaligen Bundestrainers. „Ich war im Aus gestanden. Das war keine einfache Zeit. Aber seit dem Trainerwechsel bin ich wieder da und konnte der Mannschaft helfen“, sagt Plattenhardt, der Maximilian Mittelstädt verdrängte und seinen Anteil daran hat, dass Hertha sich in den Wochen vor der Winterpause mit acht Punkten aus fünf Spielen in der Tabelle Luft verschaffen konnte. Schließlich stand der Schwabe nach nur vier von 14 möglichen Einsätzen unter dem früheren Coach Ante Covic bei Klinsmann in vier von fünf Spielen wieder in der Startelf.

Plattenhardt profitiert vom Klinsmann-Effekt

„Er hat den Schwerpunkt auf die Defensive und das Umschaltspiel gelegt. In den letzten Spielen haben wir das alles gezeigt und wenig Gegentore bekommen“, sagt Plattenhardt, der den Klinsmann-Effekt auch auf dessen Aura zurückführt. „Er hat in vielen Bereichen Erfahrung gesammelt und kennt sich gut aus. Seine Vita spricht für sich. Das wissen wir Spieler.“

Klinsmann scheint eine Ahnung zu haben, wie er Plattenhardt zur Höchstform treibt. Direkt nach seinem Amtsantritt Ende November suchte er als einem der ersten Spieler mit ihm das Gespräch. Klinsmann wird sich vermutlich an dessen starke Auftritte in der Vergangenheit erinnert haben, die seinen Nachfolger Joachim Löw dazu veranlassten, Plattenhardt 2017 zum Nationalspieler zu machen. Nun sagt Klinsmann: „Platte muss sich das Ziel setzen, ich will zurück zum Jogi. Er war schon dort, er hat es verdient, auch dort zu sein. Aber das muss er jetzt konstant zeigen. Wie er es in den letzten Spielen gemacht hat, ist klasse.“

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Löwen verlässt Hertha BSC

Nach nur einem halben Jahr verlässt der frühere U21-Nationalspieler Eduard Löwen Bundesligist Hertha BSC. Der 22-Jährige verabschiedete sich am Sonntag aus dem Trainingslager in den USA.  Wenig später bestätigte Ligakonkurrent FC Augsburg, den Mittelfeldspieler ausgeliehen zu haben, eine Kaufoption bis 2021 inklusive. Löwen war im Sommer für rund sieben Millionen Euro Ablöse vom Absteiger 1. FC Nürnberg nach Berlin gewechselt.

Die Wertschätzung ist so groß, dass Klinsmann Plattenhardt in den beiden Spielen vor Weihnachten in Leverkusen und gegen Mönchengladbach zum Kapitän ernannte – auch weil er die eigentlichen Amtsträger Vedad Ibisevic, 35, und dessen Vertreter Niklas Stark, 24, aus der Startelf nahm. Die Mannschaft aufs Feld zu führen, mache ihn stolz, sagt Plattenhardt. „Ich bin bald sechs Jahre hier. Hertha-Kapitän zu sein, ist ein großes Ding.“ Die damit gestiegene Verantwortung samt der Ansprache vor den Kollegen liege ihm. „Das sind Dinge, die man nicht lernen kann. Das ist ein Reifeprozess und ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen. Schauen wir mal, wie es weitergeht.“

Hertha steht im Vordergrund

Von einem derartigen Selbstverständnis schien Plattenhardt lange meilenweit entfernt zu sein. Die verkorkste WM in Russland und der Verlust seines Stammplatzes im Verein hatten ihm zugesetzt. Auch die Schlagzeilen, dass seine DFB-Kollegen ihn bei der 0:1-Auftaktniederlage in seinem siebten und bisher letzten Länderspiel gegen Mexiko bewusst nicht anspielten. „Als Spieler merkt man das auch, wenn man keine Bälle bekommt“, sagt Plattenhardt heute, nachdem er lange dazu schwieg. Damals sei nun mal vieles schiefgelaufen. „Wir sind in der Gruppenphase rausgeflogen. Dann ging es los mit Diskussionen um den Trainer und den Präsidenten.“ Reinhard Grindel musste gehen. Joachim Löw durfte bleiben – und leitete den Umbruch ohne Plattenhardt ein. Einen Haken an die Nationalmannschaft macht er deswegen nicht. „Wenn man so ein Riesenturnier gespielt hat, möchte man weitere erleben. Ich glaube fest daran“, sagt Plattenhardt.

Wie sein DFB-Comeback im EM-Jahr funktionieren kann, weiß er. „Im Vordergrund steht nur Hertha. Ich muss meine Leistung bringen, Stammspieler bleiben und der Mannschaft helfen“, sagt Plattenhardt, der wegen seiner feinen Schusstechnik, die ihm neben einem guten Freistoßschützen auch zu einem gefährlichen Flankengeber macht, zum   ersten blau-weißen Nationalspieler seit Arne Friedrich avancierte. „Ich möchte meine Mitspieler füttern. Und ein direktes Freistoßtor wäre mal wieder schön“, sagt Plattenhardt. Den Anfang machte er keine zwei Stunden später.