Es ist wohl das bisher wichtigste Jahr seiner Karriere. Marvin Plattenhardt, 26, ist bei Hertha BSC auf der linken Abwehrseite im Dauereinsatz, will sich in den noch ausstehenden Spielen dieser Saison bei Bundestrainer Joachim Löw für die Weltmeisterschaft in Russland empfehlen. Zwischen zwei Trainingseinheiten und vor dem Mittagessen hat sich der Nationalspieler Zeit für ein Interview genommen.

Herr Plattenhardt, vor der Saison haben Sie gesagt, das Ziel sei es „oben mitzuspielen“. Nach 24 Spieltagen steht Hertha auf Platz elf. Wie bewerten Sie vor der Auswärtspartie auf Schalke die Saison?

Durchwachsen würde ich sagen. Wir wollten uns eher nach oben orientieren. Auch wenn klar war, dass wir mit der Teilnahme an der Europa League neue Erfahrungen machen werden. Die Chance haben wir immer noch. Wir wissen aber auch, dass das Polster nach unten nicht besonders groß ist. Es geht insgesamt eng zu. Wir müssen uns auf die nächsten Wochen konzentrieren, Punkte sammeln. Die Mannschaft haben wir dafür. Auch die einzelnen Typen, es ist eine gute Mischung. Da ist noch einiges drin.

Im der vergangenen Saison war Hertha besonders heimstark und auswärtsschwach. Dieses Jahr ist es genau umgekehrt. Woran liegt das?

Manchmal gibt es Situationen, die sich nicht richtig erklären lassen. Vielleicht haben wir auswärts unsere Chancen besser genutzt. Das hat uns letztes Jahr zu Hause ausgezeichnet und in den vergangenen Heimspielen leider gefehlt.

Hat Hertha Probleme das Spiel selbst zu machen?

Natürlich wollen wir vor eigenem Publikum am liebsten immer gewinnen. Es kann schon sein, dass wir zu Hause Probleme mit der Rolle haben, das Spiel zu machen. Dafür haben wir in Leipzig und Leverkusen gewonnen, in München gepunktet. Dort haben wir defensiv gut gestanden, nichts zugelassen. Nach vorne ist bei uns immer was möglich.

Es ist WM-Jahr. Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Leistungen?

Wenn man keine Sekunde fehlt und zusätzlich mit der Nationalmannschaft unterwegs ist, kommt man mehr in den Rhythmus. Ich fühle mich fit, habe auch in der Schlussphase noch die Luft richtige Läufe zu starten. Es gab sicher das ein oder andere Spiel, in dem es nicht so gut lief. Das gehört dazu. Ich wünsche mir, dass ich beim nächsten Lehrgang dabei bin. Es sind wieder zwei große Spiele, zwei echte Klassiker.

Die Umstände sind wie für Sie gemalt: Am 27. März geht es im Olympiastadion gegen Brasilien. Fiebern Sie der Kader-Nominierung entgegen?

Natürlich. Bis dahin möchte ich mich weiter mit guten Leitungen zeigen. Ich muss einfach weiter Gas geben. Der Rest kommt von alleine.

Besteht regelmäßiger Austausch mit Bundestrainer Joachim Löw?

Es ist nicht so, dass wir alle zwei Wochen Kontakt haben. Da lässt uns das Trainerteam auch in Ruhe, damit wir uns auf die Liga fokussieren können. Wenn es soweit ist, telefoniert man miteinander oder schreibt.

Beim Confed-Cup hat Löw auf eine Abwehr-Dreierkette gesetzt. Sie kamen auf der linken Seite deutlich offensiver zum Einsatz als bei Hertha. Ist es für Sie ein Nachteil, dass Sie im Verein in einer Vierkette spielen?

Das glaube ich nicht. Es ist immer eine kleine Umstellung, aber daran gewöhnt man sich schnell. Wenn es klappt, bin ich im Sommer ein Jahr lang beim DFB dabei. Ich habe die ganzen Systeme und Abläufe drin.

Wie wichtig ist es, als Nationalspieler im Verein international zu spielen?

Natürlich ist es mein Ziel, mal Champions League oder regelmäßig Europa League zu spielen. Ich glaube, jeder von uns möchte sich auf diesem Niveau beweisen. Ich versuche mich hier für die Nationalmannschaft zu empfehlen. Ich habe die WM vor Augen. Darauf bereite ich mich gut vor.

Was ist, wenn Hertha sich nicht für Europa qualifiziert?

Dann spielen wir nicht international. Und nehmen in der nächsten Saison einen neuen Anlauf.

Leipzig spielt Champions League. RB-Sportdirektor Ralf Rangnick verriet, dass er Sie im Winter verpflichten wollte. Heiße Luft oder war es konkret?

Sie wollen etwas aus mir rauskitzeln. Ich habe bei Hertha erst im Herbst (bis 2023, d. Red.) verlängert und fühle mich hier sehr wohl.

Freiburgs Stürmer Nils Petersen hat davon gesprochen, dass Fußball-Profis heute „kontrollierter und kälter“ sind, weil sie an jeder Ecke erkannt werden und durch Smartphones ständig der Gefahr ausgesetzt sind, fotografiert zu werden. Inwieweit passen Sie sich außerhalb des Platzes an?

Ich glaube, dass es durch das Internet in den letzten Jahren für alle Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, noch schwieriger geworden ist. Man muss aufpassen, wie man sich verhält und was man macht. Aber da braucht man sich bei mir keine Sorgen zu machen. Und zudem ist in Berlin alles sehr weitläufig und verstreut, da lauert nicht an jeder Ecke jemand.

Die Größe Berlins ist ein Vorteil?

In Mitte hat man meistens seine Ruhe. In Charlottenburg schauen einen ein paar Leute ab und zu mal länger an. Aber wenn man einen Profi-Sportler oder Nationalspieler sieht, guckt man eben genauer hin. Das ist ja auch etwas Spannendes. Mich stört das nicht.

Ihr jüngerer Bruder Luca, 20, spielt auch Fußball. Gibt es bald zwei Plattenhardts in der Bundesliga?

Luca hat das Potenzial, hatte aber auch viel Pech in der Jugend von 1860 München. Er spielt in der Oberliga beim SSV Reutlingen. Wir haben viel Kontakt, ich gebe ihm Tipps, was er verbessern kann. Leider sehe ich ihn selten spielen. Dafür schaut mein Papa oft zu, der bei den Stuttgarter Kickers höherklassig gespielt hat. Viele haben es erst mit 22 oder 23 geschafft. Da ist noch alles drin.

Liegt es also an den Genen?

Unsere ganze Familie ist sportlich. Meine Mama hat Volleyball gespielt. Ich glaube, da habe ich genetisch einiges mitbekommen. Aber Talent allein reicht nicht aus. Man braucht Durchsetzungsvermögen, Fleiß und Motivation. Auch Glück gehört dazu. Man muss viel einstecken können, auf vieles verzichten. Aber wenn man es geschafft hat, ist man sehr glücklich und bereut die ganzen Schritte nicht. Für mich ging es mit 16 Jahren nach Nürnberg ins Internat. Hätte ich das nicht gemacht, weiß ich nicht, was ich heute machen würde.

Was wäre dann aus Ihnen geworden?

Ich wollte immer Fußballer werden. Klar hatte ich auch andere Dinge im Kopf. Ich mag beispielsweise Tiere. Wenn es nicht mit dem Fußball geklappt hätte, würde ich heute wahrscheinlich im Zoo arbeiten.