BerlinDie Ausnahme ist schon längst zum Regelfall geworden. Corona, Abstand, soziale Kontakte minimieren. Dank des Internets konnte sich Herthas Zugang Matteo Guendouzi am Mittwoch bei den Journalisten vorstellen. Im leeren Presseraum des Klubs saß er auf dem Podium und beantworte in der interaktiven Runde geduldig die Fragen. Immer wenn der 21-jährige Franzose länger über seine Antwort nachdenken musste, strich er sich durchs Haar. Aber was heißt Haar? Das ist eine dunkle Lockenmähne, die bis über die Schultern hängt. Die Übersprungreaktion gab ihm sicheren Halt im Auftreten. Überhaupt gibt ihm die auffällige Frisur schon ein Leben lang eine gewisse Balance, an der er nichts ändern will.

„Ich hatte schon als kleines Kind diese langen Haare. Meine Locken behalte ich, bis mir die Haare ausfallen“, sagt er nach der obligatorischen Frisurfrage, die ihm gestellt wird, seit er Fußball spielt. Es war so beim Jugendteam des Topklubs Paris Saint-Germain, beim Erstligisten FC Lorient, beim FC Arsenal und jetzt eben auch bei Hertha. Es liegt eine gewisse Beharrlichkeit in dem Statement, die viel über seine Persönlichkeit sagt.

Trotz Wuschelmähne hat er einen ziemlich klaren Kopf, mit dem er aber in seiner jungen Karriere schon andere vor den Kopf stieß. Beim FC Arsenal wurde er im Juni suspendiert, weil er mal wieder zu laut war.

Damit will er sich aber jetzt nicht mehr aufhalten und wischt die jüngste Vergangenheit mit ein paar Sätzen weg: „Ich hatte eine sehr gute und lehrreiche Zeit in London. Doch jetzt habe ich mich für den nächsten Schritt entschieden. Ich freue mich auf Hertha BSC und auf die Bundesliga. Ich will hier besser werden und schaue in die Zukunft.“

Guendouzi hat Großes bei den Blau-Weißen vor. Er kündigte schon mal an, dass er für sein Debüt körperlich in Form ist: „Ich fühle mich sehr fit und möchte am liebsten am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg 90 Minuten durchspielen.“

Zurückhaltung kennt der Franzose mit marokkanischen Wurzeln nicht. Vielleicht ist er wirklich die passende Antwort auf die vielen Mittelfeldfragen bei Hertha. Denn seit dem Abgang von Marko Grujic im Sommer fehlt ein Spieler, der die Fäden zusammenhält und der Mannschaft einen Rhythmus gibt.

Schon bei der ersten Trainingseinheit am Dienstag war zu erkennen, dass er als neuer Spieler nicht nur dabei ist, sondern mittendrin. Er war im Trainingsspiel sofort im Mittelpunkt. Die Mitspieler suchten ihn als Anspielstation. „Ich fordere gerne Bälle und verteile sie auch genauso gerne“, sagt er.

Hilfreich könnte sein, dass er mit Lucas Tousart in Frankreichs U21-Nationalmannschaft oft zusammengespielt hat. „Wir kennen uns sehr gut, wir wissen beide, wie wir spielen. Der eine kennt die Schwächen und Stärken des anderen“, erklärt Guendouzi. Viele Fans träumen jetzt schon von einem Les-Bleu-Duo in Blau-Weiß.

Doch dazu gehört auch viel Geduld. Guendouzi wurde selbst auf die Probe gestellt. Am 5. Oktober unterschrieb die Leihgabe vom FC Arsenal am letzten Tag des Transferfensters für ein Jahr und düste danach sofort weiter zur Länderspielereise nach Frankreich. Dort infizierte er sich mit Corona und musste bei der Rückkehr nach Berlin sofort in Quarantäne.

Einzeltraining in der Wohnung unter Anleitung per Handy und Computer. „Das waren sehr intensive zehn Tage. Es war ein hartes Training. Jetzt freue ich mich, dass ich endlich mit der Mannschaft auf dem Rasen bin“, sagt Guendouzi. Vielleicht wird die Freude am Sonntag bei dem Lockenkopf noch größer, wenn ihn Labbadia gleich spielen lässt.