Mönchengladbachs Visionär Max Eberl.
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MönchengladbachIrgendwann in der ersten Jahreshälfte hatte Max Eberl prominenten Besuch aus Frankreich. Lilian Thuram, mit 142 Einsätzen der Rekordnationalspieler Frankreichs, Welt- und Europameister, war gekommen, um sich mal ein bisschen umzusehen bei dieser Borussia aus Deutschland, die Interesse an einer Zusammenarbeit mit seinem talentierten Sohn Marcus bekundet hatte. Papa Thuram sich ließ also den Klub erklären, das Vereinsgelände mit dem Stadion, einem neuen Hotel, dem Jugendinternat, dem Klubmuseum und einer beeindruckenden Trainingsanlage, irgendwann fragte er Eberl: Wer hat Euch das eigentlich alles bezahlt? „Wir erklärten ihm, dass wir das alles selbst erwirtschaftet haben, dann sagte er: unfassbar“, erinnert der Sportdirektor sich an die Reaktion des früheren Weltstars. Marcus kam tatsächlich an den Niederrhein und empfängt mit seinen Kollegen am heutigen Sonnabend als Tabellenführer den FC Bayern – zu einem Topspiel, das sich in diesen Tagen noch ein Stück größer anfühlt als das Duell des BVB mit dem Rekordmeister.

Es sind in diesem Herbst nicht mehr die Dortmunder, die sich mit der Frage nach einem möglichen Gewinn der Meisterschaft herumplagen müssen, sondern die Gladbacher. Beim BVB wurde die bis ins Frühjahr durchgehaltene Zurückhaltung in allen Titelfragen als Mitursache für den Einbruch in der Rückrunde identifiziert. Eine echte Gewinnermentalität entstehe nur, wenn die Ziele offensiv formuliert werden, lautete die These im Saisonrückblick.

Ist es dieser Argumentation folgend nach acht Wochen an der Tabellenspitze nicht auch für die andere Borussia Zeit für eine verbale Offensive, Herr Eberl? „Die Frage ist, ob ich eine Mannschaft habe, der so eine Ansage hilft“, antwortet der Sportdirektor. „Für solche Ansagen brauchst du Spieler, die nicht nur den Druck haben wollen, jede Woche ein Bundesligaspiel zu gewinnen, sondern Spieler, die nach jedem Wochenende sehr konkret auf die Gesamtsituation schauen. Das löst ganz andere Gedanken aus. Der alte, aber doch sehr hilfreiche Vorsatz, immer von Spiel zu Spiel zu schauen, wird dadurch unmöglich.“

Am Borussia-Park erfreuen sie sich zwar an der Gesamtsituation, und niemand kommt auf die Idee zu sagen: Die Sache mit der Meisterschaft ist unmöglich, „wir sind kein Verein, der versucht sich kleinzumachen“, sagt Trainer Marco Rose, aber „wir sind auch keine Lautsprecher“.

Mit einem bemerkenswerten Selbstvertrauen beschreiten die Angehörigen des Klubs einen eigenen Weg, hinter dem sichtbar wird, wo ein sehr zentraler Erfolgsfaktor liegt. „Eine Besonderheit hier bei der Borussia ist ein großes Vertrauen der Menschen untereinander. Das Präsidium, die Geschäftsführung mit Stephan Schippers, unsere ganzen Direktoren, meine Person, wir sind jetzt fast alle 20 Jahre hier im Klub“, sagt Eberl. Der gebürtige Bayer wurde vor gut elf Jahren zum Sportdirektor der Borussia, die damals Tabellenletzter war, und hat gemeinsam mit den anderen Leuten im Verein geschafft, was in Köln, Stuttgart oder Hamburg seit vielen Jahren spektakulär schiefgeht: Einen runtergewirtschafteten Traditionsverein nachhaltig an die Spitze zu führen. All die Eitelkeiten, Machtspiele und Intrigen gibt es hier einfach nicht, was wichtige Grundlage ist für den Mut, hoch riskante Entscheidungen zu fällen.

Mit Wucht und Tempo

Die wenigsten Manager hätten sich auf das Wagnis eingelassen, ohne Not einen erfolgreichen Trainer wie Dieter Hecking zu entlassen. Die Bereitschaft, Altbewährtes zugunsten des Fortschritts aufzugeben, ist eine sehr gefragte Eigenschaft, überall, wo es um Entwicklung und Zukunftsfähigkeit geht, aber sie macht angreifbar. Eberl war das egal, er hat mit Rose einen Trainer eingestellt, dem es gelungen ist, ein paar Schritte weiter zu gehen als Hecking. „Basierend auf der Zeit mit Lucien Favre von 2011 bis 2015 haben wir hier jetzt sieben, acht Jahre sehr erfolgreich Ballbesitzfußball gespielt“, sagt der Sportdirektor, aber es sei ein Punkt erreicht gewesen, „an dem wir mit dieser Spielweise nur noch die letzten drei, vier Prozent perfektionieren konnten“.

Von einem neuen Trainer, der das Element der aggressiven Balleroberungen und ein versiertes Umschaltspiel mit viel Tempo und Wucht ergänzt, versprachen die Gladbacher sich die Erschließung brachliegender Potenziale. Der Plan ist aufgegangen, auch weil Typen wie Thuram oder Breel Embolo diesen Stil perfekt verkörpern. Jetzt dürfen sie sogar von der Meisterschaft träumen, bei einem Sieg gegen den FC Bayern betrüge der Vorsprung auf die Münchner schon beeindruckende sieben Punkte.