BerlinEs ist ziemlich leicht, als Anfänger Rekorde aufzustellen. Allein mit dem zweiten Erfolg ist die Anzahl der Dreier glatt mal verdoppelt. Abgesehen davon, dass alles ja irgendwie das erste Mal ist. All das hatten die Jungs vom 1. FC Union vor einem Jahr ganz fix erledigt. Nach den dritten 90 Minuten und dem damaligen 3:1 gegen Borussia Dortmund durften sie hinter all das einen Haken setzen: das erste Spiel, das erste Tor, der erste Punkt, der erste Sieg … Auch bis zum ersten Auswärtserfolg, dem 3:2 in Mainz, hat es nicht lange gedauert.

Union hat Tennis Borussia im Handstreich geknackt

Mit der Zeit wird es immer schwieriger, Bestmarken aufzustellen, auch wenn der höchste Sieg zuerst auf ein 4:0 (gegen Mainz) und nun auf ein 5:0 (gegen Bielefeld) geschraubt ist. Geht es um, ich nenne sie „moralische Bestmarken“, wird es ein wenig regional-emotional. Als fünftes Team aus Berlin haben sich die Rot-Weißen den Traum von der Bundesliga erfüllt. Dazu, dass sie in der „ewigen Tabelle“ an Tasmania vorbeiziehen würden, brauchte es keiner hellseherischen Fähigkeiten. Auch nicht, dass Blau-Weiß 90 geschluckt wird. Nun aber haben sie im Handstreich Tennis Borussia geknackt. Jetzt sind sie in der „Berliner Tabelle“ die Nummer 2. Damit hat es sich erst einmal, denn an die Nummer 1 ist nicht ranzukommen. Zumindest nicht in diesem Jahrhundert, die Blau-Weißen aus Charlottenburg haben 36 Spieljahre Vorsprung. Es ist eben nur als Anfänger leicht, Rekorde aufzustellen.

Trotzdem werden die Eisernen inzwischen als Primus mitgenannt in einer Disziplin, deren Bestmarke eine uralte ist. Als die aufgestellt wurde, stand die Mauer noch, die eisernen Stars hießen Andreas Hawa, Lutz Hendel, Ingo Weniger, Lutz Möckel, Bernd Quade, Uwe Borchardt und Ingo Kimmritz und im Westen hatte gerade Franz Beckenbauer die Töppen an den Nagel gehängt. Es ist diese Disziplin, die jene Elfmeterschützen führt, die vom Punkt die meisten Treffer erzielten und bei all ihren Schüssen keinen Fehlversuch hatten.

Max Kruse hat die 37 Jahre alte Bestmarke von Hans-Joachim Abel eingestellt - er traf bei 16 Bundesliga-Strafstößen 16 Mal. Nun tauchen als Vereine Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen und 1. FC Union auf. Spaßvögel mögen meinen, Manager Oliver Ruhnert habe nur eine Abkürzung gesucht, um die Eisernen schon in ihrer zweiten Saison mit einem schier unantastbaren Rekord für alle Ewigkeiten in Verbindung zu bringen. Nur deshalb habe er den Deal mit Kruse ausgeheckt.

Elfmeter und die Männer aus der Alten Försterei, das ist ohnehin eine Geschichte, die immer wieder fasziniert. Da geht es um den Triumph im FDGB-Pokal 1968 gegen Jena, um das Halbfinale im DFB-Pokal 2001 gegen Mönchengladbach und auch, ganz frisch, weil erst ein Jahr alt, um Sebastian Polter und das 1:0 im Stadt-Derby gegen Hertha BSC. Es geht aber auch um jenes epische Schießen aus dem Sommer 2000 in Osnabrück, als die Eisernen auf dem Sprung in die 2. Bundesliga eine ihrer bittersten Niederlagen einstecken mussten.

Max Kruse wird auch mal scheitern

Was das für Max Kruse bedeutet? Dass auch er mal scheitert, weil die Wahrscheinlichkeit dafür immer größer wird. Mathe-Asse werden widersprechen, Union-Fans gehen erst recht auf die Barrikaden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elfer reingeht, ist immer gleich und nicht davon abhängig, wie oft jemand getroffen oder nicht getroffen hat. Vielleicht ist das aber besser eine Sache für Albert Einstein.

Anhänger der Rot-Weiß sehen die Dinge ganz anders, nämlich so: Kruse soll auch den nächsten reinmachen, damit er den Rekord allein hält, den nächsten auch, den nächsten wieder und überhaupt. Diesen Rekord zu brechen, wird allerdings schwer, vielleicht unmöglich. Dann wäre der 1. FC Union aber auch kein Anfänger mehr.