Ein Unikum: Max Kruse.
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BerlinEs hat sie schon immer gegeben, diese Gratwanderungen zwischen dem Gestern und Heute, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Feuer und Eis. Oder, bei Künstlern vor allem kommt das häufiger vor: zwischen Genie und Wahnsinn. Was das mit einem Fußballer zu tun hat? Gegenfrage: Was sind diejenigen, die den Ball mit den Füßen wie im Schlaf und nahezu wie in Trance beherrschen anderes als Künstler?

Um von einem Arbeiterverein wie, zumindest der Tradition nach, dem 1. FC Union den Bogen zur Kunst zu schlagen, zumal fünfeinhalb Wochen vor dem Start in dessen zweite Bundesligasaison, ist nicht ganz einfach. Schlosserjungs taugen nun mal nicht so gut zum Entertainer. Trotzdem gibt es sie. Einer, dem das stets und immer gelungen ist, war Jimmy Hoge. Als der Angreifer Anfang 1966 ein Eiserner wurde, war er längst ein Tausendsassa, zweimal Meister mit dem ASK Vorwärts Berlin und Nationalspieler ohnehin. Kult, mit dem Fan auf du und du, aber ist Jimmy erst in der Alten Försterei geworden.

Nun haben sie wieder so einen in Köpenick. Einen Titel hat er bisher zwar nicht gewonnen, aber Nationalspieler ist er, dieser Max Kruse, wie einst Hoge. Noch besser: Wie Jimmy passt auch er in keine Schublade. Wahrscheinlich ist er in der Wuhlheide auch deshalb genau richtig, weil sich die Eisernen ebenso in keine Schublade zwängen lassen.

Dieser Max hat das Zeug zum modernen Jimmy. Weil er unangepasst ist wie der einstige Dribbelkönig, und weil er manche Sachen von einer anderen Seite her denkt. Das ist nicht immer einfach, vor allem nicht für einen Trainer, aber einfach wäre gerade bei einem Stürmer wie ihm irgendwie auch langweilig.

Was haben Torjäger, die immer und überall treffen, 74 Treffer sind es für ihn in 250 Bundesligaspielen, nicht für Besonderheiten, um nicht zu sagen: Macken. Aber das sollen und das dürfen sie. Mein Paradebeispiel dafür ist Joachim Streich, einen besseren Knipser als ihn hat es in der DDR-Oberliga mit 229 Toren nicht gegeben. Legendär sind die Streich-Streiche, die dem jungen Stürmer bereits in Rostock den Ruf eines Hallodri einbrachten. Da mühte sich sein dortiger Trainer Heinz Werner, der, der bei den Eisernen später eine Ära begründete, bei einem Match in Athen darum, die Spieler mögen aus dem Bus aussteigen, um sich die Akropolis aus der Nähe anzusehen. Nicht mit Streich, der lehnte mit der für einen Skatspieler logischsten aller Begründungen ab, er habe gerade ein grandioses Blatt auf der Hand. Auch hat Werner, um den Fleiß seines torgefährlichsten, zugleich aber auch lauffaulsten Angreifers zu erhöhen, diesem im Training die Freiheit gelassen, sich seine Position selbst auszusuchen. Streich stellte sich ins Tor …

Das hat Jimmy Hoge nie gemacht und das wird auch Max Kruse kaum tun. Ein Unikum allerdings war der eine und ein Unikum ist der andere. Womöglich haben die Eisernen genau nach einem von Kruses Kaliber Ausschau gehalten, auch weil sie wissen, wie sie aus einer solch nahezu aussterbenden Spezies von Stürmer noch immer das eine oder andere Tor mehr herauskitzeln. Die Fans haben ihn sowieso längst in den Kreis ihrer Fußball-Götter aufgenommen. Um aus diesem Olymp zu fallen, müsste Kruse seinen linken Zauberfuß schon in Istanbul gelassen haben.

Fast sollte man meinen, da haben sich zwei gesucht und gefunden, der etwas andere Spieler und der sowieso etwas andere Verein. Jimmy jedenfalls würde sich diebisch freuen.