Berlin - Noch ein letzter Angriff, noch ein letzter Versuch, um sich den Traum von der Qualifikation zur European Conference League zu erfüllen. Ein bisschen ist der Glaube schon gewichen, Mönchengladbach führt in Bremen 4:2, aber dann kommt Sheraldo Becker an den Ball, nimmt den Kopf hoch und flankt. Auf Max Kruse, der sich am zweiten Pfosten angeschlichen hat. Und Kruse, was für eine Geschichte, köpft in der Nachspielzeit tatsächlich das 2:1 für den 1. FC Union. Alle fallen sich danach um den Hals, die Spieler auf dem Platz, die Verantwortlichen auf Ersatzbank und Tribüne. Und nach einer weiteren Minute der Zitterns ist es wahr: Union hat sich mit diesem Erfolg gegen RB Leipzig Platz sieben in der Fußball-Bundesliga und damit die Teilnahme an den Play-offs zum neugeschaffenen Wettbewerb gesichert.  

Und dann wurde gefeiert, die Spieler in T-Shirts mit der Aufschrift „Irgendwann einmal ist jetzt - Union spielt international“. Vor dem Stadion An der Alten Försterei wurden Leuchtfeuer gezündet. Ein Verein, ein Stadtteil außer sich vor Freude.

„Das ist ein Wahnsinn. Der Spielverlauf war wie im Drehbuch, wenn man es sich ausmalen könnte, würde man es genauso schreiben. Aber so richtig einordnen kann man es noch nicht. Unser Torwart hatte heute gefühlt acht Arme, das haben wir gebraucht, um im Spiel zu bleiben und um zum Schluss noch das entscheidende Tor zu machen. Wenn man so einen Erfolg ohne Fans hätte feiern müssen, wäre es schade gewesen. Das ist heute einfach ein tolles Gefühl“, so Trainer Urs Fischer in einer ersten Reaktion.

Das Spiel war in vielerlei Hinsicht ein besonderes für die Eisernen. Klar, wegen der sportlichen Chance, aber natürlich auch wegen der Anwesenheit von 2000 Fans. Union hatte für das Pilotprojekt vom Senat das Okay bekommen, hatte souverän die Organisation der notwendigen Corona-Tests durchgezogen, um am Sonnabendnachmittag diesen besonderen Moment zu bekommen.

Wir fühlen uns wohl damit. Die Vereine sind gut gerüstet, dass die Menschen wieder zurückkommen.

Union-Präsident Dirk Zingler

Um 14.48 Uhr war es soweit: Als die Mannschaft zum Warm-up auf den Platz kam, brandete endlich wieder mal Applaus auf, wurden sogleich Schlachtgesänge intoniert. Ach was, das waren nicht nur Applaus und Schlachtrufe, es war eine dröhnende Welle aus Euphorie und Erleichterung zugleich, die da von der Gegentribüne und von einem Hauptribünen-Block übers Feld donnerte.

Das berührte alle im Stadion, natürlich auch Präsident Dirk Zingler, der sich im Sommer letzten Jahres beim Thema Zuschauer-Rückkehr als Vorkämpfer eingebracht und dafür mitunter scharfe Kritik abbekommen hatte. Zingler gab im Sky-Interview Folgendes zum Besten: „Wir fühlen uns wohl damit. Die Vereine sind gut gerüstet, dass die Menschen wieder zurückkommen.“ 

Matthias Koch
Union verabschiedet Karius und Awoniyi

Torwart Loris Karius und Stürmer Taiwo Awoniyi werden den Bundesligisten 1. FC Union Berlin nach ihrer Leihe wieder verlassen. Das Duo wurde am Sonnabend vor dem Spiel gegen RB Leipzig im Stadion An der Alten Försterei verabschiedet. Auch Joel Pohjanpalo, Christopher Lenz, Florian Hübner und Christian Gentner bekamen zum Abschied von Präsident Dirk Zingler den obligatorischen Blumenstrauß überreicht.

Die 2000 Glücklichen auf den Rängen in Rot-Weiß hielten sich mit Anpfiff aber erst mal eine Viertelstunde lang zurück. So wie das auch beim ersten Bundesligaspiel des 1. FC Union am 18. August 2019 der Fall war. Der Gegner damals wie heute: RB Leipzig. Ein Protest gegen den ungeliebten Ligakonkurrenten aus Sachsen muss nun mal sein, der Hintergrund ist bekannt. 

Was sie zunächst ganz schweigsam zu sehen bekamen, waren zwei Mannschaften, die sich im hohen Pressing neutralisierten. Wobei die Leipziger etwas mehr Ballbesitz hatten als die Gastgeber, die in Abwesenheit des gelbgesperrten Robert Andrich (für ihn spielte Julian Ryerson) vor allen Dingen in der Abwehrarbeit mit organisatorischen Aufgaben beschäftigt waren. 

Musa trifft den Außenpfosten

Das war – mal abgesehen von einem frechen Weitschussversuch von Kruse (5.) – in der Anfangsphase alles da wie dort nicht allzu aufregend, sondern eher was für Freunde der Taktikanalyse. Oder eben für Freunde des forschen Tacklings. Da wurde bis weit in die erste Hälfte hinein eher Fußball gearbeitet als Fußball gespielt. 

Von zwei Großchancen aus dem ersten Spielabschnitt kann aber doch noch berichtet werden. Die eine hatte Petar Musa, der nach einem Konter über die Vorbereiter Kruse und Christopher Lenz aus 14 Metern nur den Außenpfosten traf (34.). Die andere hatten die Leipziger zu verzeichnen. Doch sowohl Emil Forsberg als auch Hee-Chan Hwang scheiterten innerhalb einer Sekunde am bravourös parierenden Schlussmann Andreas Luthe (44.).

Julian Nagelsmann wollte sich das Durcheinander im Spiel seiner Mannschaft nicht mehr länger mit ansehen. Bei seinem letzten Auftritt als Trainer der Leipziger brachte er deshalb bereits in der 54. Minute zwei neue Spieler ins Spiel, nämlich Christopher Nkunku für Hwang und Yussuf Poulsen für Forsberg. Und in der 55. Minute war es doch tatsächlich Nkunku, der nach einem leichten Ballverlust der Unioner beim Führungstreffer der Gäste als Schlüsselfigur in Erscheinung trat. Scharf und zielgenau passte er in den Lauf von Justin Kluivert, der 20 Meter vor dem Union-Tor den viel zu früh herausgeeilten Luthe locker umkurvte und ins leere Tor traf.

Luthe pariert mehrmals glänzend

Das zwang wiederum Coach Fischer zu einer Reaktion. Der Schweizer brachte in der 56. Minute Taiwo Awoniyi für Musa, in der 64. Minute auch noch Keita Endo für Gentner und Cedric Teuchert für Ingvartsen - und siehe da, auch der Eingriff des Schweizers zeigte Wirkung. Teuchert holte nämlich in der 66. Minute gleich mal einen Eckstoß raus. Einen Eckstoß, den Christopher, der Meister des ruhenden Balles, schließlich halbhoch nach innen trat. Marvin Friedrich rauschte heran, verwandelte schließlich volley zum Ausgleich.

2000 machten nun einen Lärm wie 20.000. Ein Treffer noch, das wussten natürlich alle im Stadion, würde Union nach Europa bringen. Das Spiel war nun auch hochklassig, mitreißend. Und nachdem Luthe in der 80. Minute mit drei Paraden in zwei Sekunden seine Klasse unter Beweis gestellt und sein Team im Spiel gehalten hatte, legte Fischer weiter nach. Marius Bülter und Sheraldo Becker kamen ins Spiel, sodass Union ab der 81. Minute mit sechs Angreifern auf das 2:1 drängte. 

Und wie sie das taten. Mit einem Luthe, der noch zweimal fantastisch reagierte, und mit einem Kruse, der letztlich Geschichte schrieb. Unmittelbar nach dem Spiel brachte es der Angreifer gleich mal auf den Punkt: „Es ist Weltklasse, dass wir uns für diese fantastische Saison doch noch belohnen konnten.“