Max Verstappen hat seine Sieg-Chance in Silverstone erkannt und genutzt.
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BerlinDie Reifen also machen diese Formel-1-Saison spannender als gedacht, bezwingen erstmals Mercedes, wecken hier neue Hoffnungen und verstärken da die Verzweiflung. Das Jubiläumsrennen zeigt vor allem die Kluft zwischen Lust und Frust, den großen Unterschied zwischen Sieger Max Verstappen im Red-Bull-Honda und dem Verlierer Sebastian Vettel im Ferrari. Der eine überzeugt sogar sein zweifelndes Team von der Erfolgschance, der andere zweifelt mehr und mehr an seinem Rennstall. So viel Drama!

Gegen den Strom schwimmen, als einziger ganz vorn die harten Reifen aufziehen, und dann stur sein Ding durchziehen: Max Verstappen, 22, hat die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben, doch noch jüngster Weltmeister der Formel-1-Geschichte zu werden. Erstmals in diesem Jahr vor Favorit Lewis Hamilton, in der WM-Wertung nach fünf Rennen 30 Zähler hinter dem Titelverteidiger. Schwer ausrechenbar zu sein, das ist das Credo von Red Bull Racing, nicht nur bei den Reifen. „Hätten wir dasselbe wie Mercedes getan, wären wir hinter ihnen gelandet“, weiß Teamchef Christian Horner.

Es ist die Kraft der Verzweiflung, gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an sich, der den Niederländer beim Jubiläums-Grand-Prix nach vorn treibt. Egal, welche Mischung an seinem Auto aufgezogen wurde, nie warfen die Gummis Blasen oder bekamen tiefe Rillen. Da sein, wenn die Favoriten straucheln, sie mit Frechheit und Virtuosität hinter dem Lenkrad unter Druck setzen, das ist Verstappens Ding. Er wirkt so mutig wie eh und je, aber gereifter. Plötzlich wird der Draufgänger sogar zum Reifenstreichler. Er bleibt aber einer, der lauert, blitzschnell seine Chance erkennt und nutzt. Wenn er seinem vorsichtigen Renningenieur bescheidet, er wolle nicht wie eine Großmutter hinterherfahren, dann klingt das lustig – aber es ist sein voller Ernst. „Er muss nur etwas schnuppern, und schon verbeißt er sich wie ein Pitbull“, kommentiert die BBC.

Hitzerennen sind die Achillesferse von Mercedes, das wussten sie bei Red Bull. Was sie nicht ahnen konnten, war die Magie, die das eigene Auto plötzlich entfaltete. Der RB 16 befand sich in perfekter Balance. „Auch wir haben erst im Rennen gesehen, was möglich ist“, gesteht Horner. Verstappen hatte es als erster gespürt und sich dabei als Leader entpuppt. „Ich will Rennen mit solchen Herausforderungen“, behauptet der geschlagene Hamilton, „das macht es aufregend.“

Verstappens Vorstellung erinnert an jene Rennen Anfang des letzten Jahrzehnts, mit denen Sebastian Vettel viermal in Folge mit Red Bull Weltmeister geworden war. Ähnlich unbeschwert, ähnlich souverän. Heute, im Ferrari, schwimmt der Heppenheimer nur mit – und droht dabei unterzugehen. Zwölfter Platz, Teamkollege Charles Leclerc Vierter. Die unerklärliche Diskrepanz liegt wohl am Chassis, diesmal besonders im Zusammenspiel mit den Reifen, aber es kommt eben alles zusammen. Sebastian Vettel und seine Scuderia befinden sich in einer tiefen Beziehungskrise. Von Rennen zu Rennen bröckelt das Vertrauen, nicht mal mehr die Fassade wird aufrechterhalten.

Längst ist klar: Mit diesem Chassis wird er nie mehr glücklich, da kann Ferrari noch so oft den Rückhalt versprechen. Die Taktik, ohnehin seit Jahren ein Schwachpunkt der Roten, wird zum Zankapfel. Wenn Vettel sagt, dass seine Reifen noch locker zehn Runden halten, rufen ihn die Strategen trotzdem an die Box. Anschließend bleibt er im Verkehr stecken, was zu einem wütenden Funkspruch führt: „Ihr habt es versaut. Jetzt ist genau das passiert, was wir ausdrücklich verhindern wollten.“ Der Heppenheimer beklagt den fehlenden Mut bei Ferrari.

Deren Teamchef Mattia Binotto gibt die Vorwürfe nonchalant zurück: „Sebastians Dreher in der ersten Runde hat sein Rennen stärker beeinträchtigt als die Reifenstrategi.“ Wundern muss sich der Italiener über die zerrüttete Beziehung nicht, sie hat mit den merkwürdigen Umständen der Vertragsgespräche vor dem Neustart zu tun. Ferrari glaubt nicht an Vettel und dessen Zukunftsfähigkeit, Vettel wiederum erkennt mehr und mehr, dass der SF 1000 keine Zukunft hat. Binotto behauptet dennoch: „Ich glaube nicht, dass Sebastian den Glauben verloren hat, ihm fehlt nur Vertrauen ins Auto.“

Es ist der Versuch, die Krise in Nuancen zu bewerten – doch das Gesamtbild ist fatal. Zehn mickrige Punkte nach fünf Rennen, Platz 13 in der aktuellen Fahrer-Weltmeisterschaft, so schlecht ist der Hesse nach seinem Toro-Rosso-Debüt noch nie in eine Saison gestartet: „Irgendwas fehlt, ich bin mir aber nicht sicher, was es ist.“ Bleibt nur ein Trost: „Ich glaube, von da wo ich bin, kann es nicht mehr schlimmer werden.“ Max Verstappen hingegen denkt als aktueller WM-Zweiter immer noch an seine letzte Möglichkeit in diesem merkwürdigen Rennjahr, Sebastian Vettel als jüngsten Champion der Geschichte abzulösen. Auch das ist eine Glaubensfrage.