Startsprung in sieben Phasen: Maya Tobehn hofft, dass sie 2021 bei den Olympischen Spielen ins Wasser springen kann.
Foto: Markus Wächter

BerlinMaya Tobehn ist mit dem Fahrrad zur Schwimmhalle an der Landsberger Allee gekommen. Sie hat es nicht weit vom Sportinternat in Hohenschönhausen. Jetzt muss sie das robuste Korbfahrrad in den Aufzug bugsieren, der ins Untergeschoss zu den Trainerzimmern führt. Denn nach dem Interview in den Katakomben der Halle fährt ihr Coach Martin Dautz sie zum Optiker. Tobehns neue Brille ist fertig, sie kann abgeholt werden.

Tobehn und Landestrainer Dautz sind in den vergangenen Corona-Monaten eine Menge Dinge zusammen angegangen, die nicht direkt etwas mit Schwimmen zu tun hatten. Wobei auch das Training neue Herausforderungen für sie bereithielt. Als Dautz im März vom Lockdown erfuhr, sagte er zu Tobehn, sie solle die Kraftgeräte einpacken und für einige Zeit nach Gransee zu ihrer Mutter fahren. Das tat sie. Als sie zurückkam, war das Internat wegen eines Corona-Falls geschlossen. Sie hatte nur zwei Hosen und drei Oberteile eingepackt. An ihren Schrank kam sie nicht mehr ran.

Kurz darauf wurden die Olympischen Spiele in Tokio für diesen Sommer abgesagt. „Das war ein Genickschlag“, sagt Tobehn. Sie ist erst 18 Jahre alt. Aber die vergangenen vier Jahre hatte sie trotzdem auf dieses Ereignis hintrainiert, gelebt, gelitten, gehofft. Ihre Vergleichswerte vor dem Lockdown waren deutlich besser als in den Vorjahren, ihr Glaube an die Olympiateilnahme über 200 oder gar 100 Meter Freistil, groß.

Und jetzt stand sie plötzlich mit Dautz allein in der riesigen, leeren Schwimmhalle an der Landsberger Allee und sollte weiter trainieren – ohne Gruppe, ohne Freundinnen wie Emily Roloff, die aufgrund von Alter und Kaderstatus nicht mehr ins Wasser durften. „Spätestens nach einer Woche wird man deprimiert. Man sieht keinen. Man hört keinen. Man denkt: Jetzt hab’ ich noch vier Kilometer. Man fängt das erste Mal an zu rechnen, wie lange man noch für die Einheit braucht“, sagt Tobehn. Eigentlich ist sie sonst eine Athletin, die nicht aus dem Wasser zu kriegen ist.

Kam sich zwischen den Topathleten vor wie ein Lauch: Maya Tobehn.
Foto: Markus Wächter

„Für einen Leistungssportler ist ein Trainingsstopp gesundheitsschädlich, denn sein Ablauf ist maschinell. Wenn diese Maschinen brachliegen, werden sie krank, weil sie eben keine Maschinen sind“, sagt Dautz. Das Einzeltraining in der leeren Halle fühlte sich für Maya Tobehn fremd an, wie im Bunker, unwirklich, ineffektiv, ohne Sinn, „denn Training heißt für mich: zielgerichtet und systematisch“, sagt die Schülerin des SLZB in Hohenschönhausen. Seit März trainiert sie ins Nichts hinein.

Und sie ärgert sich, wenn jemand tröstlich klingen will, Dinge sagt wie: „Maya, du bist doch noch so jung. Oder: Maya, falls die Spiele in Tokio ganz ausfallen, bist du beim nächsten Mal auch erst 22, das kann doch nicht so doll wehtun. Es tut aber weh“, verdeutlicht Tobehn. Trainer Dautz richtet sich im Schreibtischstuhl auf. Auch er findet, im Alter von 18 Jahren wäre es diesen Sommer ein guter Olympia-Einstieg für Maya gewesen. Internationale Erfahrung zwischen den Besten der Besten sei wichtig, „sonst stehst du wie ein Schwein vorm Uhrwerk und weißt nicht, was passiert“.

Voriges Jahr brach Tobehn über 100 Meter Freistil bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften den 24 Jahre alten Altersklassen-Rekord von Franziska van Almsick – 53,52 Sekunden. Wobei Tobehn Vergleiche mit der Berliner Schwimm-Ikone sofort abwimmelt: „Ich würde mal behaupten, dass ich keine zarte Blume bin und nicht wie van Almsick übers Wasser schwebe“, sagt die 1,86 Meter lange Schülerin. Von der Junioren-EM in Kasan war sie mit zwei Goldmedaillen in der Staffel, zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen zurückgekommen.

Der DSV nominierte sie für die Kurzbahn-EM in Glasgow, von der Tobehn dachte, es wäre die letzte Möglichkeit vor Olympia 2020, international Erfahrung zu sammeln. Maya schiebt ihre Brille zurecht. Sie grinst: „Es war gut, dass ich dort war. Da habe ich richtig auf den Sack gekriegt.“ Über 100 und 200 Meter Freistil schied sie im Vorlauf aus.

Trotzdem, sagt Tobehn, sei die Kurzbahn-EM wertvoll gewesen. Ein neues Gefühl, schon im Vorstartzelt mit Sprecher und Musik. „Und dann stehen da Leute neben dir, die Viecher sind. Und du stehst selber da wie so ein Lauch und bist denen nur einen Furz wert. Auf dem Startblock habe ich gezittert. Ich hatte das Gefühl, alle glotzen mich an.“ Zumindest, was Tobehns Berliner Schnauze angeht, ist sie van Almsick gar nicht unähnlich.

Als mit der Olympiaverschiebung das Ziel 2020 weg war und die Schule nur eingeschränkt stattfand, begann Tobehn, die Zeit, die plötzlich frei war, für anderes zu nutzen: für den Führerschein etwa. In der ersten Praxisstunde sei der Fahrlehrer baff gewesen, erzählt sie. Er wusste ja nicht, dass Dautz längst mit ihr auf einem Parkplatz in Oberschöneweide Fahren geübt hatte. Außerdem ging Tobehn auf Wohnungssuche, weil sie so eine Situation wie mit dem geschlossenen Internat nicht noch mal erleben wollte. Wenn sie verhindert war, schaute Dautz die Wohnungen für sie an.

Er fuhr sogar mit ihr nach Lübeck, weil sie dort einen Hund gefunden hatte: einen Barsoi. Tobehn hat ein Foto von der russischen Windhundrasse auf ihrem Handy. „Bitte nicht lachen“, sagt sie. „Ja, diese Hunde sind schlank, groß, und, ja, sie haben eine sehr lange Schnauze.“ Barsoi Donnie lebt jetzt bei ihr in Berlin. „Ein Hund hört dir zu. Er ist eine mentale Stütze“, sagt sie.

In der Corona-Zeit hat sich Maya Tobehn auf das Erwachsenenleben eingestellt, begleitet von Trainer Dautz. Zum 18. Geburtstag schenkte er ihr eine Flugsimulator-Stunde in Wedding, „weil Maya wahnsinnige Flugangst hat“. Bisher hielt sie es nur mit Beruhigungsmitteln an Bord aus. Wenn die Spiele 2021 in Tokio stattfinden und mit der Qualifikation alles glatt läuft, ließe sich ein Flug nach Japan ja nicht vermeiden.

Die Norm über 200 Meter Freistil liegt bei 1:57,20 Minuten, Tobehns Bestzeit bei 1:59,46. Sie glaubt, dass sie bei den drei Wenden je drei Zehntel gutmachen kann. Für die Staffel, meint Dautz, könnte es reichen. „Eine 1:57-er Zeit zu schwimmen ist nicht so einfach als saubere Frau“, sagt Maya Tobehn. Sie ist eine, die genauer hinschaut. Und jetzt muss sie mit ihrem Trainer los, die neue Brille abholen.