Da, schaut her: Megan Rapinoe zeigt ihre Geste, die berühmt geworden ist.
Foto: Kelly O'Hara

BerlinMegan Rapinoe weiß sich in Szene zu setzen. Auf dem Fußballfeld führt das meist dazu, dass die Reporter lauter kommentieren, schneller sprechen, unkontrollierter, um dann, wenn die Fußballerin zum Schuss ansetzt, den Ball mit unglaublicher Präzision zur Mitspielerin passt, ihn in den Winkel knallt oder den Elfmeter an der Torfrau vorbei ins Netz zirkelt, zu brüllen: „Rapinoooe, what a World Cup“, wie im vergangenen Sommer. Oder einfach: „Rapinoooe, absolutely wonderful!“ 

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Megan Rapinoe, diese dünne, drahtige Miss F*ck you, fegte durch die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich wie ein wild, nein, pink gewordener Wirbelwind. Ihr Auftritt und alles, was darum herum passierte, brachte der amerikanischen Mittelfeldspielerin 2019 weltweit wohl mehr Aufmerksamkeit ein als irgendeinem anderen Athleten.

Beste Spielerin, beste Torschützin

Fünf Spiele, sechs Tore, WM-Titel Nummer zwei. Die 34-Jährige erhielt den Goldenen Ball als beste Spielerin, den Goldenen Schuh als beste WM-Torschützin, wurde Weltfußballerin des Jahres und vom prestigeträchtigen US-Magazin Sports Illustrated als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet.

Das mit der Aufmerksamkeit lag nicht nur an Rapinoes Art, Team USA mitzureißen, zum Weltmeistertitel zu führen und ihren pink gefärbten Haaren, sondern auch an dem trotzigen „F*ck you“, das sie Donald Trump und allem, was sie für falsch oder ungerecht hält, entgegenschleuderte. Strahlkraft bekam diese Mixtur mit dem Erfolg der US-Fußballerinnen in Paris, wo sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während der Siegerzeremonie mit Rapinoe besonders engagiert unterhielt.

"Sie war schon immer ein Star"

„Auf vielerlei Weise war sie unser Gesicht in diesem Jahr“, sagte Nationalmannschaftskollegin Becky Sauerbrunn über ihre Teamkollegin. „Sie war schon immer ein Star. So habe ich sie schon immer gesehen. Und 2019 konnte jeder andere das auch sehen. Sie hat nie etwas anderes getan als das, woran sie glaubt.“

Woran glaubt Megan Rapinoe aus Redding in Kalifornien, aufgewachsen mit fünf Geschwistern, darunter Zwillingsschwester Rachael, am nördlichen Ende des Sacramento Valley als Tochter eines ehemaligen Soldaten der US-Army, der zu den Trump-Wählern zählt? An Solidarität. Und an Protest. Das machte sie deutlich, als sie 2016 vor Spielen mit dem US-Nationalteam bei der Hymne niederkniete. So, wie es Footballer Colin Kaepernick zuvor getan hatte, um gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze zu demonstrieren. Einen Job hat der Quarterback seither nirgends mehr bekommen. Rapinoe schweigt dagegen noch immer, wenn die Hymne ihres Landes im Stadion gespielt wird. Bei der WM in Frankreich tat sie das auch, trotzdem sie ihr Land liebt.  

Einsatz für die Lesben-und Schwulenbewegung

Rapinoe glaubt an Gleichberechtigung, gleiche Chancen, gleiche Bezahlung. Also kämpft sie für Equal Pay. Deshalb verklagten die US-Fußballerinnen ihren eigenen Verband, am Weltfrauentag. Der Fall wird als Sammelklage verhandelt. „Ich bin mehr als eine Fußballerin. Das Gefühl, etwas nicht zu sagen, das falsch läuft, ist für mich so viel schlechter als alles, was passieren könnte, wenn ich aufstehe“, sagt Rapinoe.

Sie ist die erste aktive Profifußballerin in den USA, die sich  bekennt, lesbisch zu sein. Ihre Freundin Sue Bird, als Basketballerin eine der besten Spielmacherinnen der nordamerikanischen Basketballliga WNBA, gewann bislang vier Goldmedaillen bei Olympia 2004, 2008, 2012 und 2016. Rapinoe wurde mit dem US-Team 2012 in London Olympiasiegerin. „Wir sind die größten Fans voneinander“, sagt Rapinoe. Sie setzt sich seit Jahren für die Lesben- und Schwulenbewegung in den USA ein, auch so ein Thema, das nicht das von Donald Trump ist.

Anweisung von Donald Trump

Vorigen Sommer forderte sie, im Grunde unbeabsichtigt, Trump direkt heraus. In einem Interview sagte Rapinoe auf einen möglichen WM-Triumph und eine Ehrung beim Präsidenten angesprochen: „I’m not going to the f*cking White House.“ 2015 nach ihrem ersten WM-Titel war sie dort gewesen. Barack Obamas Einladung folgte sie damals sehr gerne.   Sue Bird erzählte, dass sie und Megan daheim aus allen Wolken fielen, als Trump sich offenbar angepiekst sah, eine Antwort zu zwitschern: Er sei ein großer Fan des amerikanischen Teams, aber „Megan sollte zuerst GEWINNEN bevor sie REDET! Beende deinen Job!“

Sue Bird schrieb in einem langen Text für „The Player’s Tribune“ vor dem Halbfinale von dem Druck, unter dem ihre Freundin während der WM stand. Unter dem Druck, Leistung zu bringen unter der Beobachtung der Anhänger, der Gegner, der Bewunderer, der Hasser. Rapinoe sei sensibel, empfindlich wie andere auch, „aber sie macht ihre Sachen in ihrem eigenen verdammten Rhythmus und sie wird sich bei genau NIEMANDEM dafür entschuldigen.“ Birds Text trug die Überschrift: „So the president F*cking Hates My Girlfriend“.

Eine Pose, die um die Welt geht

Rapinoe gab ihre Antwort, mit ihren Toren, mit dem Titel, mit einer Geste: Während des Halbfinalspiels der WM gegen die Gastgeberinnen aus Frankreich erfand sie eine Pose, die um die Welt ging, die Eindruck machte, diskutiert wurde. Sie schoss beide Tore beim 2:1-Sieg der Amerikanerinnen, und nach jedem ihrer Treffer lief sie strahlend und stolz übers Feld, Kinn nach hinten, Brust heraus, den rechten Arm seitlich gereckt, den linken schrag nach oben gebreitet. Arme wie Flügel, frei, wie ein Vogel am Horizont, eine Frau, stolz darauf, Megan Rapinoe zu sein.

Die Geste und aller Trotz, alle Auflehnung, die in ihr mitschwingt, ist geblieben, weltweit. Fußballerinnen aus Collegeteams wie dem der Burlington High School machten die Geste nach, während sie T-Shirts mit der Botschaft #EqualPay trugen. Schon vor dieser WM war sie ein gern geladener Gast in Talkshows, oft fotografiert auf Titelseiten von Magazinen. Danach wurde sie anders gehört.

"Wir müssen mehr lieben"

„Die WM gab den Leuten einen Anstoß“, sagt Rapinoe. Bei der Siegesfeier lautete ihre Botschaft: „Wir müssen besser sein. Wir müssen mehr lieben und weniger hassen. Das ist die Verantwortung von jedermann.“ Rapinoe provoziert weiter. Sie trägt eine goldene Rolex, die sie sich als Belohnung für den WM-Titel gekauft hat. Sie redet absichtlich über Geld, so wie es manche Männer tun. Sie sei nicht arm, sagt sie. Aber sie verdiene noch immer weniger als die männlichen Fußballer, die weitaus weniger erfolgreich sind, in der Major League Soccer von weitaus mehr Sponsoren unterstützt werden als die Frauen der US-Liga.

Rapinoe bleibt Rapinoe. Auf Twitter teilte sie zuletzt eine Liste der Aussagen von Donald Trump über das Coronavirus, die der frühere NBC-Korrespondent Geoff Bennett chronologisch zusammenstellte. Der Thread beginnt im Januar mit dem Satz: „Wir haben alles total unter Kontrolle.“ Er endet mit Donald Trumps Aussage: Er habe schon lange bevor von einer Pandemie die Rede war, gefühlt, dass es um eine Pandemie gehe. Rapinoes Kommentar: „Das ist ein sehr wichtiger und schrecklicher Thread. Holt dich das Leben ein?“