Mehr als kontern: Zum Glück gezwungen

Berlin - Im Überschwang der Gefühle wollte sich Pierre-Michel Lasogga, der bullige Mittelstürmer von Hertha BSC, offenbar auch noch für den Job des Stadionsprechers im Berliner Olympiastadion bewerben. Nach dem ersten seiner beiden Treffer beim 3:0 gegen den 1. FC Köln war der 19 Jahre alte Angreifer zuerst auf Knien und mit weit ausgebreiteten Armen auf die Ostkurve zugerutscht - dorthin, wo er schon längst einer der Publikumslieblinge ist. Danach küsste er wie immer nach Torerfolgen seine Tattoos auf den Unterarmen, wo er sich das Konterfei seiner Mutter in die Haut stechen ließ. Doch damit nicht genug. Lasogga stürmte auf Udo Knierim, einen der beiden Stadionsprecher, zu. Er wollte ihm das blaue Mikrofon entreißen. Lasogga hatte vor, seinen ersten Bundesligatreffer in der heimischen Arena vor den 59 491 Zuschauern selbst anzusagen. Doch nach kurzem Gerangel gab Lasogga auf. Seine Ansage wäre ein Novum in der Bundesligageschichte gewesen, doch garantiert mit einer Gelben Karte geahndet worden. Herthas angestammter Stadionsprecher hielt sein Mikrofon fest umklammert.

Lasogga war einer der gefeierten Protagonisten eines vor allem bis zur Pause exzellenten Spiels der Berliner. Neben dem Stürmer, der ein Mal abstaubte und ein Mal per wuchtigem Kopfball traf, beeindruckte vor allem der schnelle Änis Ben-Hatira auf der linken Außenbahn. Der Zugang vom Hamburger SV, ein gebürtiger Berliner, spielte mit dem Brasilianer Andrezinho in Kölns Abwehrkette Katz und Maus und bereitete beide Lasogga-Tore glänzend vor. Das 3:0 war Raffael vorbehalten, der einen Freistoß von Christoph Janker volley ins Kölner Tor jagte.

Das Publikum war hin-und hergerissen und sich am Ende nicht einig, welchen Profi aus dem Trio Lasogga/Ben-Hatira/Raffael es am frenetischsten feiern sollte. Jeder bekam dann reichlich Beifall ab und Ben-Hatira war später gar so aufgewühlt, dass ihm beinahe die Stimme versagte. "Ich kann gerade nicht in Worte fassen, was ich fühle. Ich bin ganz leer im Kopf."

Es gehört zur kuriosen Geschichte dieses Spiels, dassmehr kann als kontern Lasogga, Ben-Hatira und auch Verteidiger Janker, der einen selbstbewussten Auftritt zeigte, höchstwahrscheinlich nur in die Anfangself rückten, weil mit Adrián Ramos und Christian Lell zwei unumstrittene Stammkräfte nach ihren Gelb-Roten Karten aus dem Spiel in Bremen nicht spielberechtigt waren. Trainer Markus Babbel, nicht unbedingt ein Freund der Rotation, ist so beinahe zu seinem Glück gezwungen worden. So konnte er etliche neue Erkenntnisse mit ins lange Wochenende nehmen, das er bei seiner Familie in München verbrachte.

Der Aufsteiger hat - und das war die eigentliche Botschaft dieses Auftritts gegen Köln - nicht nur elf, zwölf oder dreizehn erstligataugliche Profis, sondern etliche Spieler, die Stammkräfte bei Bedarf sofort auf hohem Niveau ersetzen können und sogar neue Facetten einbringen. Lasogga, der von Babbel behutsam an die neue Spielklasse herangeführt wird, Ben-Hatira und auch der Dauerreservist Janker gehören zu diesem Kreis.

Es war zudem ein Spiel, das Hoffnungen nährte, in Zukunft nicht nur erfolgreiche, sondern auch attraktive Auftritte der Hertha zu erleben. Zum ersten Mal in dieser Saison zeigte die kompakte Mannschaft, dass sie ein Spiel über weite Strecken auch gestalten und dominieren kann. Bislang war Hertha lediglich als gefährliche Kontermannschaft auffällig geworden und einige Beobachter sprachen dem Team schon die Fähigkeit zur intelligenten Spielgestaltung ab. Babbel freute sich, dass "die Truppe genau die richtige Balance aus Kontrolle und Angriff fand" - eine Eigenschaft , die im Olympiastadion bislang nur selten so gut zu bewundern war.

Vergleich mit Gomez

Mit Ben-Hatira, auch das ist eine Erkenntnis des Erfolgs, verfügt Babbel neben Raffael über einen weiteren Profi, "der uns in Zukunft unausrechenbarer macht", wie der Trainer befand. "Änis kann sich hervorragend in Eins-zu-eins-Situationen durchsetzen und hat zudem ein Auge für den Mitspieler." Auch Lasogga, der verhinderte Stadionsprecher, bekam noch ein Extralob vom Trainer ab: "Pierre hat 63 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, ungewöhnlich für einen Stürmer." Babbel wagte schon mal vorsichtig den Vergleich mit dem jungen Mario Gomez vom kommenden Hertha-Gegner FC Bayern: "Ich kenne Mario schon lange. Lasogga erinnert mich an den jungen Gomez. Pierre muss zwar noch viel lernen, aber ich wünsche ihm, dass er einen Weg wie Gomez gehen wird."