Mehr Chips, bitte! Warum wir Bastian Schweinsteiger so gerne beim Geldverdienen zuschauen

Für viele ist der Fernsehexperte Bastian Schweinsteiger immer noch der Schweini. Und der darf alles. Deswegen regt sich auch kaum jemand über seine Doppelrolle in Katar auf.

Schweini gehabt: Berlin im Weltmeistersommer 2014.
Schweini gehabt: Berlin im Weltmeistersommer 2014.bongarts/getty images/dfb

Als Bastian Schweinsteiger noch der Schweini war und sich mit Lukas Podolski aka Poldi werbefilmreif eine Chipstüte und das Teamhotelbett in Grunewald teilte – wir schreiben das Sommermärchenjahr 2006 –, da war die deutsche Fußballwelt eine heile bis himmlische. Wir waren ja wieder wer. Entspannte Patrioten. Weltmeister der Herzen. Und am Horizont glänzte es bereits golden.

Wobei Schweinsteiger damals kein Schweini mehr sein wollte. Zwei Jahre zuvor hatte er über seinen Anwalt ausrichten lassen, dass er seinen Spitznamen nicht mehr hören wolle, weil: „Gerade bei Auswärtsspielen könnte dies gegnerische Fans dazu animieren, meinen Mandanten durch Verwendung dieses Wortes in Sprechchören zu verunsichern.“ Stand so in der Bild am Sonntag. Und blieb dort erstmal folgenlos stehen.

Es dauerte vier Jahre, bis Uli Hoeneß, der damalige Präsident des FC Bayern, die öffentliche Verniedlichung Schweinsteigers mit zwei Machtsätzen beendete. „Der heißt für mich nicht mehr Schweini, der heißt Bastian. Er ist ein Mann geworden.“ Und wie männlich Schweinsteiger tatsächlich und für alle sichtbar war, das erlebten wir spätestens 2014 in Rio de Janeiro, wo der heroischste Zweikampfführer der deutschen Nationalmannschaft für uns blutete wie Jesus am Kreuz und uns erlöste von den Qualen der Rumpelfußballzeit. Endlich wieder Weltmeister. Auf Jahre unschlagbar. Mehr Chips, bitte.

2019, wenige Tage nachdem Schweinsteiger seine Spielerkarriere in Chicago hatte austrudeln lassen und längst mehr Werbeverträge als Titel hatte, teilte die ARD stolz mit: „Wir freuen uns, dass wir Bastian Schweinsteiger als Fußballexperten für Das Erste gewinnen konnten. Er war und ist ein Mensch mit Vorbildfunktion für uns und Idol für unsere Kinder.“ Ganz so vorbildlich war der erste Experteneinsatz bei einem Großturnier dann doch nicht. Und das lag nicht unbedingt an Schweinsteigers egalen Spielanalysen.

Schweinsteigers Vermögen? 60 Millionen Euro, Tendenz steigend

Bei der EM 2021 und während der Halbzeitpause des Viertelfinals zwischen England und der Ukraine setzte Schweinsteiger einen Tweet ab, der Werbung machte für eine Uhr, die er rein zufällig auch an seiner Mikrofon haltenden Expertenhand trug. Produktplatzierung nennt man das, oder eben Schleichwerbung, jedenfalls mag man das bei der ARD nicht, wenn es auffällt. Schweinsteiger musste zum Rapport, entschuldigte sich, war alles nicht so gewollt. In Katar stand er wieder vor der Kamera.

Wer Schweinsteiger googelt, bekommt „WM 2014“ als sinnvolle Begriffsergänzung vorgeschlagen, allerdings erst auf Platz vier. Auf den ersten drei Plätzen landen: „Vermögen“, „Alter“ und „Werbepartner“. Für wen oder was Schweinsteiger – gerne mit seiner Ehefrau Ana Ivanovic – sein Gesicht hergibt, scheint die Leute immer mehr zu interessieren. Was nicht verwunderlich ist, sieht man den Experten Schweinsteiger doch ständig auch in Werbespots singend und lachend sein geschätztes Vermögen von 60 Millionen Euro vermehren. Kein kritisches Wort seitens der ARD, kein Satz von Hoeneß, kein Anwaltsschreiben, kein öffentlicher Aufschrei, nicht mal Twitter brennt. Für die meisten ist Schweinsteiger eben immer noch der Schweini. Und der darf alles.