Mehr Haut, mehr Geschichte: Benjamin Patch fotografiert für Volleys-Kalender

Der frühere Diagonalangreifer des deutschen Volleyball-Meisters aus Berlin erzählt in seinen Fotos seine Geschichte des Wandels, des Fallens, des Wachsens.

Kalenderboys: Die Spieler der BR Volleys, arrangiert und fotografiert von ihrem früheren Mitspieler Benjamin Patch.
Kalenderboys: Die Spieler der BR Volleys, arrangiert und fotografiert von ihrem früheren Mitspieler Benjamin Patch.Benjamin Patch

Die Volleyballspieler sollten sich nicht die Haare machen. Sie sollten ganz normal zum Fotoshooting auf Schloss Diedersdorf in den Berliner Süden kommen. Unverkrampft, unverstellt. Die große Parkanlage dort, umgeben von alten Bäumen, hatte Benjamin Patch als Hintergrund für die Fotografien des neuen BR-Volleys-Kalenders ausgesucht. Schon für den Jahreskalender 2022 hatte Patch seine Teamkameraden fotografiert. In der Ausgabe für 2023, die es im Fanshop und am Dienstag beim Champions-League-Spiel gegen Halkbank Ankara in der Max-Schmeling-Halle (Beginn 19.30 Uhr) zu kaufen gibt, zeigen sie ein bisschen mehr Haut, mehr Bewegung und mehr von Patchs Geschichte. Der Erlös des Kalenders kommt der Berliner Stadtmission zugute. 

Benjamin Patch war einer der Publikumslieblinge der BR Volleys

Voriges Jahr war Patch noch Hauptangreifer der Berliner Volleyballer, einer der Publikumslieblinge, dessen spektakuläre Sprungkraft die Zuschauer erstaunte, dessen Gestik, Mimik und Emotionalität sie ebenso in den Bann zog wie seine Persönlichkeit, seine Geschichte als queerer Athlet, Fotograf, Künstler, Designer, Model. Nach dem Gewinn des dritten deutschen Meistertitels entschied sich der 2,05 Meter große US-Amerikaner Anfang Juni zu einer Sportpause, die wohl überleitet in sein Karriereende als Volleyballprofi.

Voriges Jahr fotografierte er die großen Männer als Teil des Teams. Dieses Mal schaute er nicht mehr als Athlet durch die Linse, war nicht mehr Teil der Gruppe. „Voriges Jahr waren die Fotos mehr von den Spielern her gedacht, nicht so sehr meine Perspektive, wie ich über Kunst denke, sondern: Wie kann ich mein Auge für Fotografie, meine Perspektive nutzen, um einen Moment der Spieler einzufangen?“, sagt Patch.

Dieses Jahr wollte er in den Fotos der anderen sich selber zeigen, „ausdrücken, wer ich bin, eine Art Geschichte erzählen“. Sie entwickelte sich während der Aufnahmen. Patch, 28, sagt, er habe ein Konzept im Kopf gehabt: „Volleyballer machen Volleyball-Bewegungen in der Natur. Das war meine Idee. Aber es hat sich während der Fotos in emotionale Momente gewandelt.“

Berlins Außenangreifer Cody Kessel.
Berlins Außenangreifer Cody Kessel.Benjamin Patch

Der Drang, seine Geschichte zu erzählen, habe den Moment überlagert. Patch wies die Spieler zusammen mit einer befreundeten Tänzerin an, Bewegungen zu machen: „Rennen. Aufeinander bauen. Einander aufbauen. Fallen. Das war meine Gefühlslage. Trotz des wunderbaren Sommers, den ich hatte, wurde mir in dem Moment klar, dass ich etwas physisch verlassen hatte, das so ein großer Teil von dem war, was ich gewesen bin: Teil der BR Volleys, Teil der Stadt als Athlet.“ 

Patch hatte bei Cut for You, dem Anzugschneider des Vereins, weiße Hemden, Sakkos und Hosen mitgenommen, die er verteilte. „Es war das erste Fotoshooting für mich. Und dazu in einem Style, der anders ist als ich normalerweise lebe“, sagt Zuspieler Johannes Tille. „Aber es hat superviel Spaß gemacht. Ben strahlt so eine Ruhe aus. Du fühlst dich null unter Druck.“

Der schöne Schmerz des Fallens

Die Spieler bewegten sich barfuß in dem Brandenburger Schlosspark. Sie ließen sich auf Patchs Arrangements ein. „In dem neuen Kalender gibt es eine Menge Männer ohne Shirt. Es ist definitiv mehr Haut zu sehen. Aber es war kein Moment, in dem ich mich sexy gefühlt habe, sondern einfach: Schönheit. Dieser schöne Schmerz, sich zu wandeln, zu bewegen, zu fallen. Wenn wir ans Fallen denken, ist es immer mit Traurigkeit verbunden. Aber Fallen kann so schön sein. Es ist einfach eine Art von Bewegung, und Bewegung ist unser Kompost für Wachstum“, sagt Patch. 

Berlins neuer Zuspieler Johannes Tille.
Berlins neuer Zuspieler Johannes Tille.Benjamin Patch

Aus der Dynamik der Bilder entstand nicht nur ein Kalender, sondern auch ein Fotobuch. Es enthält Gedanken, die Patch 2022 aufschrieb, und Gedichte einiger Spieler. Die Fotos, sagt Patch, erzählen auch von der Schönheit, mit Fremden warm zu werden. Mit Volleyballern wie Tille, der erst diesen Sommer nach Berlin kam. „Ben ist jemand, der eine Gruppe zusammenschweißt“, sagt Tille, der als Zuspieler nun im Jahr eins nach Patch und Kapitän Sergej Grankin sowie nach der Verletzung des neuen Kapitäns Angel Trinidad die Regie auf dem Feld übernommen hat.

„Es ist großartig zu sehen, wie die BR Volleys nach einem Kapitel, das irgendwie ikonisch war, mehr und mehr ihre Identität finden“, meint Patch. „So ein Teamgefüge hatte ich noch in keiner Saison. Wir sind gut auf dem Court, weil jeder weiß, was der andere will und braucht“, ergänzt Tille. Wie gut das Team funktioniert, wollen die BR Volleys nun im letzten Heimspiel des Jahres mit einem Sieg gegen Ankara zeigen.