Mutig: Der impulsive Rafal Gikiewicz (grünes Trikot) stellte sich den vermummten Randalierern entgegen.
Foto: Bernd König

BerlinNoch drei Tage nach dem 1:0-Derbysieg über Hertha BSC ist Rafal Gikiewicz vom Kampf gezeichnet. Er krempelt sein rot-weißes Trainingsshirt hoch und macht seinen rechten Oberarm frei, auf dem das tätowierte Konterfei seines ältesten Sohnes Piotr, 9, hervorblitzt. „Mein Sohn hat jetzt eine kleine Narbe“, sagt er und grinst. Die Schramme zog sich der Torwart in der Schlussphase nach einem Zweikampf mit Hertha-Angreifer Dodi Lukebakio zu.

Auch ein Blick auf das linke Bein zeigt, dass das Stadtderby Spuren hinterlassen hat. Sieben runde Kreise zieren die Wade und das Schienbein von Unions Nummer eins. Es sind Abdrücke von den kleinen Gläsern, die während der Schröpftherapie auf der Haut mittels Unterdruck Verspannungen und Schmerzen lindern sollen. „Es zwickt ein bisschen“, sagt Gikiewicz.

Frotzeleien gegen Hertha

Aber das alles nimmt der ehrgeizige Keeper freilich in Kauf. Man sei ja schließlich Derbysieger. „Wir haben gewonnen und Berlin ist für ein halbes Jahr rot. Fertig.“ Was den 1,90 Meter großen Profi umso mehr freut: „Hertha hat vor der Saison gedacht: Union ist Aufsteiger. Gegen die holen wir sechs Punkte. Jetzt sind sie schon mal bei Minus drei.“

Nach dem skandalumwobenen Derby, bei dem Fans beider Vereine Pyrotechnik zündeten und bei dem aus dem Gästeblock sogar Leuchtraketen auf die Tribünen flogen, ist man in Köpenick bemüht, zur Tagesordnung überzugehen. Die Ereignisse habe man aufgearbeitet, sagt Gikiewicz, jetzt fokussiere man sich, auf das Gastspiel am Sonnabend um 15.30 Uhr beim FSV Mainz 05.

Ganz so einfach ist das dann aber nicht. Überall wird der Torhüter, der im Netz als wahrer Derbyheld gefeiert wird, auf seine mutige Aktion angesprochen, als er sich nach dem Abpfiff den eigenen Fans, die in den Innenraum geklettert waren, entgegenstellte. Mit Hilfe der Kollegen trieb er die Horde zurück und verhinderte eine Eskalation.

Es sei ein „Impuls“ gewesen, eine „ganz natürliche Reaktion“, erklärt der Pole, den es ärgere, dass man nach dem Prestige-Erfolg nicht mehr über den Fußball spricht. Der Derbysieg sei doch viel wichtiger. Dann erinnert er sich doch zurück: „Wir wollten nach dem Spiel mit unseren Fans jubeln, als ein paar Leute auf den Platz gerannt sind. Ich habe auf Polnisch, Deutsch und Englisch zu Ihnen gerufen: ’Geht weg! Geht zurück! Wir haben das Derby gewonnen. Das ist historisch. Wieso macht ihr da so blöde Sachen?’ Es kann nicht sein, dass da manche eine Show machen und 100 Meter auf die andere Seite rennen wollen.“

Für sein Verhalten erntete der impulsive Fußballer viel Lob – allerdings nicht von seiner Frau und seiner Mutter. Als Mama Barbara, 63, die mit vier Freunden ihres Sohnes extra aus dem polnischen Allenstein angereist war, die Szene hinterher noch mal sah, habe sie sich gedacht: „Klar, dass da der Gikiewicz dabei ist.“ Und seine Gattin Ania habe gar geschimpft: „Du bist ein Idiot, was machst du? Du hättest verletzt werden können.“

Gikiewicz zeigt die Schramme auf seiner tätowierten Haut.
Foto: Matthias Koch

Er habe aber gewusst, „was ich da mache. Ich kenne die Fans, sie stehen immer hinter meinem Tor, viele von ihnen fahren auch auswärts mit. Es ist besser, als wenn sich die Polizei da einschaltet. Ich wollte nicht, dass der Verein noch mehr Probleme bekommt oder wir am Ende sogar in einem Spiel ohne Zuschauer spielen müssen. Das wäre schlimm. Wir wollen die Klasse halten. Das geht nur zusammen.“

Seine Angehörigen haben das Spiel übrigens, wie die Familie von Siegtorschütze Sebastian Polter, nach zehn Minuten aufgrund der Randale im VIP-Bereich verfolgt. Gikiewicz hoffe nun, dass Hertha die gerechte Strafe erhalte.

Abgesehen von seiner Tat nach dem Spiel war Gikiewicz auch sportlich wieder top. Er hielt, was es zu halten gab und strahlte die gewisse Ruhe aus, die der Mannschaft auch in der Aufstiegssaison die nötige Sicherheit gab. Gikiewicz, der im vergangenen Jahr in 15 von 36 Spielen ohne Gegentreffer war, hat sich für die laufende Runde acht Zu-Null-Spiele auf seinen persönlichen Motivationszettel geschrieben. „Zwei habe ich schon“, sagt er.

Er glaube fest dran. „Ich schaffe das. Da bin ich sicher. Wir haben eine gute Mannschaft. Schauen Sie: Hertha hatte im Derby eine Kopfballchance durch Lukebakio. Wir waren besser. Hertha hatte keinen Plan, die wussten nicht, was sie gegen uns machen sollen. Wir haben auch nicht überragend gespielt, aber wir hatten sie im Griff und insgesamt mehr aufs Tor geschossen.“ Man spiele mutiger, als noch zu Beginn der Saison.

Frust wegen Nicht-Nominierung für Polens Nationalteam

Dass Gikiewicz vom polnischen Nationaltrainer Jerzy Brzeczek, 48, trotz guter Leistungen wieder nicht für die anstehenden Länderspiele berufen wurde, enttäuscht ihn, der mit 42 abgewehrten Bällen aktuell bester Torwart der Liga ist. 73,2 Prozent seiner Schüsse hielt der Unioner. „Was soll ich machen?“, fragt er rhetorisch. „Ich spiele jede Woche in der Bundesliga, in einer der Top-Vier-Ligen weltweit. Ich halte gut und bekomme keine Nominierung. Das muss ich akzeptieren.“ Aufgeben ist bei ihm aber nicht: „Ich habe immer noch Hoffnung. Mein Ziel ist nach wie vor, im Sommer 2020 bei der EM dabei zu sein. Keine Frage.“