Melanie Leupolz wechselt vom FC Bayern zum FC Chelsea.
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BerlinMelanie Leupolz hilft es in diesen Tagen, dass sie sich eine positive Lebenseinstellung zuschreibt. Die Fußballerin vom FC Bayern bewohnt anders als die berühmten Männer-Stars kein villenartiges Anwesen mit großzügigem Garten. Sondern eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem kleinen Balkon, wie die 25-Jährige erzählt. „In der Nähe ist ein Park, wo ich spazieren gehen kann, aber bei mir drinnen ist es klein und eng.“ Trotzdem fügt sie sich den neuen Gegebenheiten klaglos: „Prinzipiell habe ich das anfangs unterschätzt. Letzten Endes weiß ich jetzt auch, wie gravierend die Lage ist. Ich appelliere an jeden einzelnen, verantwortungsvoll mit der Situation umzugehen. Je strikter wir Kontakt vermeiden, desto schneller bekommen wir unsere Freiheiten zurück.“

Dass ihr in Zeiten der Coronakrise nicht die Decke auf den Kopf fällt, dafür sorgen ihre vielseitigen Interessen. „Ich koche und backe sehr gerne. Ich lese viel, derzeit ein hintergründiges Buch über den US-Präsidenten Donald Trump. Und ich habe noch mein Studium.“ Sie hat ihren Bachelor für Wirtschaftspsychologie, Leadership und Management gemacht, der Master ist noch geplant, um für die Karriere nach der Karriere gewappnet zu sein. Auch wer mit den Bayern-Frauen eigentlich dieser Tage ein Champions-League-Viertelfinale gegen den Titelverteidiger Olympique Lyon bestritten hätte, hat für später nicht ausgesorgt.

Leupolz hält Gleichberechtigung für utopisch

Melanie Leupolz ist eine der interessantesten Gesichter des deutschen Frauenfußballs: charmant, intelligent, zielstrebig. Trotzdem ist es gewiss nicht ihr erstes Anliegen, sich zu einer Marke aufbauen zu lassen. Authentisch zu bleiben ist der reflektierten Profisportlerin deutlich wichtiger. Ihren Instagram-Account mit fast 180 000 Followern pflegt sie selbst – und auch nur dann, wenn sie es für nötig hält. Der fußballerischen Zwangspause, von der niemand weiß, wie lange sie noch dauert, versucht sie das Beste abzugewinnen: „Man hat jetzt Zeit für Dinge, die sonst zu kurz gekommen. Ich kannte das ja kaum mehr, einfach nur auf dem Sofa zu liegen. Ich spiele seit fast zehn Jahren professionell Fußball, ich hatte immer nur kurze Winter- oder Sommerpausen. So viel Zeit wie jetzt hatte ich noch nie.“ Die Entschleunigung täte sogar ganz gut, um mal runterzukommen. Trainiert wird derzeit individuell daheim: Die Spielerinnen werden über eine App verbunden und erledigen ihre Übungen und filmen sich dabei, „aber die Tage sind nicht so gefüllt wie sonst, das ist ja klar“, sagt Leupolz.

Serie

Die Geschichte(n)macher: Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

An die die Kapitänin der FCB-Fußballerinnen wird immer wieder mal das Thema „Equal Pay“ herangetragen, wobei sie solche Forderungen utopisch findet: „Ich kann nicht zum Klub gehen und sagen, ich verlängere, wenn ich dasselbe verdiene die Thiago. Wie soll man das rechtfertigen?“ Über einen Gehaltsverzicht sei demzufolge in ihrer Mannschaft auch nicht geredet worden. „Wir würden über einzelne Maßnahmen in der Mannschaft sprechen – z.B. über die Unterstützung anderer Vereine oder soziale Projekte – wenn feststehen sollte, dass die Saison abgebrochen werden muss.“ Was hält sie von einer Fortsetzung mit Geisterspielen? „Da wir nicht ganz so viele Fans haben, wäre der Unterschied nicht so riesengroß wie bei den Männern. Ich persönlich würde einfach gerne noch mal für den FC Bayern spielen. Es ist kein schöner Gedanke, wenn ich mir vorstelle, dass ich für den Klub schon mein letztes Spiel gemacht habe.“

Vertragsunterzeichnung in London

66 Mal hat die aus Wangen im Allgäu stammende und später beim SC Freiburg ausgebildete Fußballerin bereits das Nationaltrikot getragen. Der letzte Einsatz der Europameisterin (2013) und Olympiasiegerin (2016) datiert vom 4. März, als die vielseitige Mittelfeldspielerin, mit viel Übersicht und feiner Technik ausgestattet, beim 1:0-Sieg gegen Schweden zum Auftakt des Algarve-Cups zur Anfangsformation zählte. In jenen Zeiten begann das Coronavirus, sich in Deutschland auszubreiten, doch der DFB hatte damals keine Bedenken gegen die Reise nach Portugal. Doch dann überschlug sich die Entwicklung: Das Endspiel der DFB-Frauen gegen Italien konnte gar nicht mehr ausgetragen werden, weil der Gegner in die gebeutelte Heimat reiste.

Für Leupolz ging es danach direkt nach London, wo die Vertragsunterzeichnung beim FC Chelsea anstand. „Ich war sechs Jahre in München, das ist auch bei den Frauen inzwischen eine lange Zeit. Der Wunsch, einmal ins Ausland zu gehen, besteht schon seit Beginn meiner Karriere“, sagt sei. Sie wollte vergangenen Sommer bewusst nur einen Einjahresvertrag unterzeichnen, dass nämlich Fußballerinnen aus laufenden Verträgen gekauft werden, ist immer noch unüblich. Zwei weitere europäische Topklubs hatten ihr ein Angebot gemacht, doch ihr passte das Gesamtpaket der Blues am besten.

Die Gespräche mit Chelseas Trainerin Emma Hayes und Manager Paul Green hatten sie überzeugt. Und als sie mit ihrem Manager Henner Janzen – der Anwalt berät sie seit Oktober 2018 – in London eintraf, warteten Kamerateams; als sie aus dem Auto stiegen. Es folgte weiterer Rummel rund um ihre Vorstellung an der Stamford Bridge, wo sie – verbunden mit einigem Ärger bei ihrem Arbeitgeber - das Trikot mit ihrer Nummer acht präsentierte. Eigentlich hätte sie sich nächsten Tag noch das Trainingsgelände ansehen sollen, doch dann kam ein Coronafall bei den Männern dazwischen: Callum Hudson-Odoi, der schon mal auf der Wunschliste des FC Bayern stand, war positiv getestet worden.

Beeindruckt ist Leupolz davon, dass Frauen und Männer von der Marketingabteilung des englischen Spitzenvereins als gemeinsame Einheit behandelt werden. Die meisten Kampagnen laufen im Gleichklang.  „In der Außendarstellung stehen beide Teams auf einer Stufe, das kenne ich so aus Deutschland nicht.“ Und auch sportlich glaubt sie, dass der Ortswechsel ihrem Reifeprozess zu einer internationalen Topspielerin noch einmal einen Schub geben könnte. „Ich habe mir über die FA-Player-App auch einige Spiele angeschaut und glaube, dass ich mein Spiel dort noch weiterentwickeln kann.“

Nur Ergänzung in Frankreich

Was auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hofft: Vor der WM 2019 in Frankreich gehörte Leupolz eigentlich zum erlauchten Kreis der Führungsspielerinnen; sie war diejenige, die im frechen WM-Werbespot („wir haben keine Eier – wir haben Pferdeschwänze“) eine Hand mit acht lackierten Fingernägeln zeigte, um die Zahl der gewonnenen EM-Titel zu illustrieren. Doch aus der Stammkraft sollte in Frankreich eine Ergänzungsspielerin werden, die öfter als ihr lieb war, nur die Bank drückte. Sie konnte damals nach den WM-Spielen zwischen Rennes und Montpellier ihr Unverständnis nur schwerlich unterdrücken. Beim bitteren Aus im Viertelfinale gegen Schweden (1:2) kam sie gar nicht mehr zum Einsatz. Erst nach der WM kam es zur Aussprache mit der Trainerin.

Leupolz möchte beim nächsten Turnier, der EM in ihrer neuen Wahlheimat England, eine prägende Rolle für die DFB-Frauen spielen. Nur wann wird dieses mit einigem Aufwand vorbereitete Event mit einem Eröffnungsspiel in Old Trafford und einem Endspiel in Wembley stattfinden? Mit der Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 sind auch die europäischen Topnationen Niederlande, Schweden und England nächsten Sommer gebunden, vermutlich muss die Frauen-EM 2021 als Manövriermasse ins Jahr 2022 weichen, wenn die Männer ihre absurde WM in Katar im Winter austragen. Beschlossen ist das aber nicht, weshalb Leupolz ganz pragmatisch feststellt: „Ehrlich gesagt ist mir egal, wann das Turnier stattfindet. Ob in ein oder zwei Jahren: Das Wichtigste ist gerade, dass möglichst viele Menschen gesund bleiben.“