Für zwölf Euro ist Messi dann wohl doch nicht zu haben.
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Berlin/BarcelonaBöse Zungen in Katalonien behaupten, dass Lionel Messi schon vor seiner Ankündigung am Dienstag, den Klub verlassen zu wollen, längst weg war beim FC Barcelona. Spätestens in der zweiten Halbzeit des deprimierenden 2:8 gegen Bayern München im Champions-League-Viertelfinale. Eine Halbzeit, auf die er so gar keine Lust hatte, wie ein Kamerablick während der Pause in die Kabine zeigte, und in der er dann kaum noch in Erscheinung trat. Vorwerfen mochte ihm das niemand in Barcelona, auch ein Lionel Messi kann ein desolates, schlecht gecoachtes Team nicht jedes Mal retten.

Der Wunsch des 33-Jährigen, ähnlich dem großen Rivalen Cristiano Ronaldo sein Glück auf die alten Tage noch einmal woanders zu suchen, war schon vorher gereift. Spätestens im Juli, als der FC Barcelona mit schwachen Auftritten die Meisterschaft an Real Madrid verspielte und Messi seinem Vater auftrug, die Verhandlungen über eine vorzeitige Vertragsverlängerung zu beenden. Der aktuelle Kontrakt mit einer fixen Ablöse von 700 Millionen Euro gilt bis zum Sommer 2021, doch eine Klausel erlaubt dem Argentinier alljährlich einen ablösefreien Wechsel,  wenn er bis zum 10. Juni Bescheid sagt. Abgelaufen, behauptet der Vorstand, natürlich noch gültig, sagen die Messis, schließlich sei die Saison wegen Corona fast bis Ende August verlängert worden. Sollte es die Klubführung um den in Barcelona inzwischen durchaus verhassten Präsidenten Josep Maria Bartomeu auf einen Rechtsstreit mit einem derart verdienten Spieler ankommen lassen, wäre das der Gipfel einer überaus unseligen Regentschaft. Und Messi würde vermutlich Recht bekommen.

Die Wut des Argentiniers hatte sich stetig gesteigert, seit Bartomeu im Januar den von ihm geschätzten Trainer Ernesto Valverde entließ und durch Quique Setién ersetzte, die fünfte Wahl im hektischen Coach-Casting. Es folgten ein heftiger Streit mit Sportdirektor Eric Abidal sowie ungewohnte öffentliche Kritik des in dieser Hinsicht bis dahin zurückhaltenden Messi an der Klubführung und am Trainer. Angesichts vieler schlechter Spiele sagte Messi schon im Februar, so werde man weder Liga noch Champions League gewinnen.

Eine Prophezeiung, deren ultimative Erfüllung das peinliche 2:8 gegen die Bayern in Lissabon war, das keinen Zweifel mehr an der Notwendigkeit einer kompletten Erneuerung des Teams ließ. Betraut wurde damit Ronald Koeman, der im Januar den Job noch abgelehnt hatte, weil er mit den Niederlanden Europameister werden wollte, nun aber bereit war, die äußerst komplizierte Aufgabe in Barcelona zu übernehmen. Fallstricke gibt es reichlich.

Im Frühjahr sind Präsidentschaftswahlen, bei denen Bartomeu nicht mehr antreten darf. Ein Sieg des Oppositionellen Víctor Font ist wahrscheinlich, der aber will den ehemaligen Kapitän Xavi als Trainer installieren. Viel Geld für neue Spieler gibt es nicht, nachdem das orientierungslose Management seit 2015 rund eine Milliarde Euro für Transfers mehr oder weniger verpulvert hat. Und dann war da noch die Frage, was beim Neuaufbau eigentlich die Rolle von  Lionel Messi sein sollte, unumschränkter Mittelpunkt des seit Jahren etablierten Machtzentrums aus älteren Spielern, das es nun zu zerschlagen galt. Als Förderer und Mentor junger Talente war der Argentinier bisher nicht aufgefallen.

Gut möglich, dass Ronald Koeman im Stillen aufgeatmet hat, als Messi seinen Wechselwunsch bekannt gab. Die spielerische Brillanz des nach wie vor weltbesten Fußballers wird dem Team natürlich fehlen, aber der Generationswechsel dürfte um einiges reibungsloser laufen. Dass die Tage der Messi-Herrschaft in der Kabine und auf dem Platz gezählt sind, hatte Koeman dem Kapitän schon vorher in einem Gespräch klar und kühl mitgeteilt. Mit den Privilegien sei es vorbei, so der 57-Jährige, der seit dem Gewinn des Landesmeister-Cups 1992 selbst eine Barça -Ikone ist. Er unterstrich den Stilwandel, als er den Uruguayer Luis Suárez ohne Rücksprache mit dessen Kumpel Messi verabschiedete. Er fühle sich mehr draußen als drin, sagte Lionel Messi nach dem Treffen mit Koeman, die Konsequenzen ließ er nun folgen.

Europas Fußball stehen jedenfalls sehr spannende Tage bevor. Ist Pep Guardiola bei Manchester City tatsächlich bereit, sein System messigerecht zu justieren? Erlebt das Duell mit Cristiano Ronaldo eine italienische Neuauflage, wenn Inter Mailands ambitionierte chinesische Besitzer den dringenden Wunsch des Trainers Antonio Conte erfüllen? Oder gibt es gar bei Paris Saint Germain die unverhoffte Wiedervereinigung mit Spezi Neymar, einem anderen Weltstar, der Lissabon und die Champions League am liebsten vergessen würde.