Das Spiel lässt nur zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder erzählt Bundestrainer Joachim Löw vor den Medien andere Erkenntnisse über den Gegner als vor der Mannschaft, oder seine Leute verstehen sein Badensisch nicht. Schließlich hatte er vor der Partie gegen Mexiko gewarnt, die Mittelamerikaner verstünden sich darauf, mit sechs, sieben Spielern unangenehm zu attackieren und beim Gegner Chaos anzurichten.

Dann wurde angepfiffen, die Mexikaner rückten immer wieder aggressiv vor. Und bei Löws Deutschen herrschte blankes Chaos. Würden die Mexikaner im Abschluss vor dem Tor genauso sicher vorgehen wie bei der Gestaltung ihres außerehelichen Partylebens – das Auftaktspiel wäre schon vor dem Halbzeitpfiff gegessen gewesen.

Individualisten statt ein Team

So konfus hat der geneigte Fan eine deutsche Nationalmannschaft länger nicht mehr auftreten sehen. Im Prinzip liegt die Tücke schon in der Begrifflichkeit. Der DFB hat sich im Marketingsprech darauf festlegen lassen, seine Nationalauswahl nur „Die Mannschaft“ zu nennen. Doch von der implizierten Einheit der Elf war auf dem Platz nichts zu sehen: Da ließen die Profis Mats Hummels und Jerome Boateng hinten gern mal beim Aufrücken den Kontakt zu den Kollegen abreißen.

Der Profi Marvin Plattenhardt, durch eine unglückliche Fügung für den Positionskonkurrenten Jonas Hector kurzfristig zur Ehre des Auftritts gekommen, stolperte erst nervös durch die Gegend und verbesserte sich dann in die Unauffälligkeit. Und die Außen Thomas Müller und Julian Draxler sahen ihre Zuständigkeit ausschließlich in der gegnerischen Hälfte. Und so entstanden Räume, ungefähr so fatal wie jene in der Nähe von Objekten, die eine so erhebliche Gravitation ausüben, dass keinerlei deutsche Materie oder gar deutsche Information sie verlassen konnte: gigantische schwarz-rot-goldene Löcher.

Manndeckung für Kroos

Unangenehm wurde es, weil die physikalischen Gesetze für Mexiko nicht galten. Die Männer der El Tri standen genau in diesen Räumen oder sie liefen so zielsicher hinein als seien sie von hilfreichen Kräften ferngesteuert. Dass sie zugleich Deutschlands zentralen Mann, Toni Kroos, mit Manndeckung eliminierten, erhöhte weder deutsche Kreativität noch Erfolgsaussichten.

Nach dem Seitenwechsel änderten sich die Verhältnisse, weil die Mexikaner sich zunehmend auf die Absicherung ihrer Ein-Tor-Führung konzentrierten und sich nur auf wenige überfallartige Offensivaktionen einließen. Konditionell ließ sich das offenkundig besser mit der Physis vertragen. Und beim Bundestrainer Löw wuchs parallel der Mut, weniger gegnerischem Chaos mit mehr gezielter Offensive zu begegnen. Er wechselte den Schleichgiganten Sami Khedira aus und in der Folge weitere Defensivstatiker, um vor allem mit Marco Reus vorne mehr Druck zu erzeugen.

Aber auch so geriet Geschwindigkeit eher nicht zu einer deutschen Tugend. Stattdessen haben sie sich ein bisschen daran versucht, Spanien zu imitieren: viel Tiki-Taka, Ball kreiseln lassen, bis ihm schwindelig wurde, und vielleicht dem Zuschauer, aber eben nicht dem Gegner - rein deutsch, also ohne knackiges Zack-Bumm.

Zwar folgten später noch ein paar Torabschlüsse wie es eben so ist, wenn sich jemand hinten reinstellt. Doch die Effektivität der Mexikaner in der Kunst des Mauerbaus bewies nicht nur Donald Trump ein Fakt: Die beste deutsche Chance resultierte aus einem Standard, als Toni Kroos einen Freistoß an die Latte donnerte.