Michael Gross, posiert 1984 in Los Angeles in einem Luxusauto mit seiner olympischen Medaillen-Sammlung.

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New YorkAls Michael Gross kürzlich gefragt wurde, was er als Unternehmens- und Personalberater den Menschen für den Umgang mit der Coronakrise mitzugeben habe, griff er, wie er das oft zu tun pflegt, tief in Kiste der Sportmetaphern. Man solle die Zeit des Lockdowns wie ein Trainingslager begreifen, riet der dreifache Olympiasieger, als eine zeitlich begrenzte Phase mit klaren Strukturen und einer Konzentration aufs Wesentliche. „Die Tatsache, dass wir einige Regeln und Abläufe einfach nicht mehr aufrechterhalten können, dass das Motto ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ außer Kraft gesetzt ist, kann dazu führen, dass wir auch nach der Krise zu Verbesserungen kommen“, erklärte der 55-Jährige in einem Interview mit Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und: „Dazu braucht es in Zeiten von Corona vier Dinge: Flexibilität und Kreativität beim Erarbeiten neuer Lösungen, Disziplin und Ausdauer bei der Umsetzung, aktuell bei den Verhaltensvorgaben durch die Pandemie.“

Gross, der früher Groß hieß, aber das „ß“ irgendwann mal ablegte, weil es im Ausland auf Unkenntnis stieß, erzählt in den letzten Jahren oft Geschichten aus seiner Schwimmkarriere, die zwei Olympische Spiele und einen Zeitraum von zehn Jahren umfasste, in denen er den Sport prägte. Ob in seinen Büchern, die vom Selbstcoaching-Ratgeber bis hin zu Abhandlungen über die digitale Transformation der Wirtschaft reichen, oder bei Vorträgen – Gross sucht gerne seine sportliche Erfahrung nach Verwertbarem für das Berufsleben ab.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 33: Michael Gross

Diese Art von Transfer passt zu dem Mann, der zwar einer der erfolgreichsten deutschen Sportler aller Zeiten ist, für den der Sport jedoch nie alles war. Schon als Gross vor den Olympischen Spielen 1984 vom amerikanischen Fernsehen interviewt wurde, sagte er mit verblüffender Bestimmtheit, dass Schwimmen für ihn eine Phase sei, eine schöne Nebensache. Das wahre Leben, darüber war er sich schon auf dem Höhepunkt seines sportlichen Erfolgs klar, finde jenseits des Schwimmbeckens statt. Auch heute noch betont er immer wieder gerne, dass die olympischen Finals, in denen er gestanden hat, insgesamt nicht mehr als zehn Minuten seines Lebens ausgemacht haben.

Einen solchen Abstand zum eigenen Tun findet man heute unter Topsportlern nur noch schwerlich, nicht einmal in den Olympischen Sportarten. Die Durchprofessionalisierung macht es schwer, sich dem Sport nicht voll und ganz hinzugeben, wenn man in der Weltspitze mitmischen will. Die 80er Jahre, das letzte Jahrzehnt des olympischen Amateurismus, waren jedoch noch eine andere Zeit.
Michael Gross wäre der erste deutsche Sportstar aus dem olympischen Metier gewesen, der sich hätte professionell vermarkten können. Doch das Modell war ihm fremd. Als Ion Tiriac ihm anbot, ihn nach den Spielen von 1984 zu managen, lehnte er dankend ab. Er wollte ein schwimmender Student bleiben, fest in den deutschen Vereinsstrukturen verankert. Als die Ehrung zum Sportler des Jahres im Jahr 1983 auf denselben Termin fiel wie die Deutschen Mannschaftsmeisterschaften mit seinem Offenbacher Schwimmclub entschied er sich ohne zu zögern für Letzteres.

Vielleicht war es auch diese innere Distanz zum Leistungssport, die Michael Gross daran gehindert hat, ein Dominator in seinem Sport zu werden, wie Michael Phelps das später geworden ist. Am Talent hat es jedenfalls nicht gefehlt.

Seinen Durchbruch schaffte Michael Gross im Jahr 1980 als gerade einmal 16-Jähriger. Gross hatte sich für die Olympischen Spiele in Moskau qualifiziert, doch der Boykott brachte ihn um seinen ersten Olympiastart. Bei einem Ersatzwettkampf in Kanada schwamm Gross jedoch schneller als der Olympiasieger in Moskau. Phelps wurde bei seinen ersten Spielen, mit 15, Fünfter.

Vier Jahre später war Gross auf dem Höhepunkt seines Könnens. Die Spiele von Los Angeles sollten seine Spiele werden. Er flog als Weltrekordhalter in zwei Einzeldisziplinen nach Kalifornien, drei Einzelgoldmedaillen und ein Staffelsieg waren eine vollkommen realistische Erwartung. Doch Gross marschierte nicht durch. Er siegte überlegen über 200 Freistil, ließ sich jedoch überraschend über 200 Schmetterling von dem jungen Australier Jon Sieben auf den letzten Metern überrumpeln.

Der vielleicht dramatischste Tag seiner Karriere kam jedoch am 30. Juli. In einem Herzschlag-Finish über 100 Meter Schmetterling gewann er gegen den Weltrekordhalter Pablo Morales überraschend Gold. Keine Stunde später wurden jedoch die Rollen vertauscht. Als Schlussmann in der 4 x 200-Meter-Freistilstaffel ließ sich Gross auf den letzten Metern von dem unbekannten Amerikaner Bruce Hayes knapp abfangen. 

Gross sieht das verpasste Finish bis heute als wohl schmerzlichste Niederlage seiner Karriere. Aber auch nach diesem Rennen, wie nach allen Niederlagen seiner Laufbahn, bleib er sportlich und gratulierte respektvoll den Amerikanern. Michael Phelps schüttelte nach Niederlagen, wenn überhaupt, nur missmutig seinen Gegnern die Hand.

Das Staffelrennen von Los Angeles war trotz der Niederlage einer der Höhepunkte von Gross’ Karriere – ein Duell, dass im Schwimmsport an Dramatik nie mehr überboten wurde. Für Gross persönlich war hingegen das nacholympische Jahr 1985, abseits des Scheinwerferlichts, im Rückblick der Gipfel seiner Sport-Laufbahn. Er hielt vier Weltrekorde zur selben Zeit und gewann sechs Goldmedaillen bei den Europameisterschaften.

1988 hatte Gross’ herausragende Stellung im Schwimmsport jedoch bereits zu bröckeln begonnen. Der Philologie-Student stagnierte sportlich, der Rest der Welt hatte aufgeholt. Über seine Paradestrecke, die 200 Meter Freistil wurde er in einem überaus knappen Rennen Fünfter. Nur über die 200 Schmetterling konnte er seine Brillanz noch einmal aufblitzen lassen.

Gross’ letzter internationaler Einsatz wurden die Weltmeisterschaften 1991, der erste Auftritt einer gesamtdeutschen Schwimm-Mannschaft. Er gewann Gold mit der Ost-West-Staffel und nahm zwei Mal Silber im Einzel mit nach Hause.

Dass er nicht noch ein Jahr bis zu den Spielen von Barcelona dran hängte, war damals für viele unverständlich. Für Gross war es eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung. Er hatte alles erreicht in seiner Laufbahn, noch einmal ein Einzelgold zu gewinnen, würde schwer werden. Und um einfach nur dabei zu sein, wollte er als 28-Jähriger nicht noch ein Jahr seiner Berufsausbildung opfern.

Gross war mit dem Kopf und mit dem Herzen schon weiter, beim zweiten Akt seines Lebens. Die Phase Schwimmen war vorbei. Ein nostalgisches Hängenbleiben würde es bei ihm nicht geben, Gross machte einen harten Schritt und schaute nach vorne. Der Leistungssport wurde für ihn fortan nur noch ein Erfahrungspool, den es hier und da anzuzapfen gilt, um im Leben danach Probleme zu lösen. Die Identität als Sportstar blieb hingegen im Spind des Offenbacher Freibades hängen.

Lesen Sie im nächsten Teil: Jan-Ove Waldner oder:Der Mann, den sie Mozart nannten.