Draußen vor der Geschäftsstelle liegt ein umgekippter Baum. Könnte ein Symbolbild sein. Drinnen empfängt Michael Preetz zum Gespräch. Herthas Manager will wie versprochen eine erste Zwischenbilanz ziehen nach zehn Ligaspielen und vor dem Auswärtsduell am Sonntag in Wolfsburg (18 Uhr). Eine Art Sturm hat ja auch Hertha erlebt zuletzt. Wir haben über Ursachen und Folgen gesprochen.

Herr Preetz, warum mussten wir zehn Spieltage auf die Zwischenbilanz warten? Weil die Zehn eine runde Zahl ist oder weil man gewisse Tendenzen erst jetzt erkennt?

Das muss man nicht akademisch betrachten. Es ist knapp ein Drittel der Saison gespielt und das Tabellenbild fängt an, eine Aussagekraft zu entwickeln.

Wie würden Sie die bisherige Saison benoten?

Es ist insgesamt okay. Wir stehen in der Liga ziemlich genau in der Mitte der Tabelle, es sind vier Punkte nach oben zu den Europapokalplätzen, sechs Punkte nach unten zur Abstiegszone, das lässt uns Möglichkeiten – in beide Richtungen allerdings. Im Pokal ist es nicht okay, wir wollten weiterkommen. Und in der Europa League haben wir nach zwei unnötigen Auswärtsniederlagen nun den ersten Sieg eingefahren und uns die Chance aufs Weiterkommen bewahrt. Ob das Überwintern gelingt, werden wir nach dem Spiel in Bilbao wissen. Also in Noten: zwischen Drei und Vier.

Was macht Sie zufrieden?

Die Mannschaft ist weiter im Vergleich zu den beiden Vorjahren. Wir haben mehr Breite im Kader, die Rotation hat funktioniert, auch wenn man das nicht an den Ergebnissen festmachen kann. Wir sind mit der Mehrfachbelastung ganz gut klargekommen. Wir sind ja körperlich in der Lage, noch mal zuzulegen in der Schlussphase eines Spiels.

Und womit sind Sie unzufrieden?

Wir haben uns spielerisch bisher nicht so weiterentwickelt, wie erhofft. Dazu sind die Trainingszeiten zwischen den Spielen zu kurz. Wir tun uns schwer bei Ballbesitz, haben Probleme im Spielaufbau gegen Mannschaften, die tief stehen und auf Umschaltmomente warten. Wir haben eine gute Balance, aber das Zündende fehlt. Wir wollten die Anzahl der an Toren und Assists beteiligten Spieler erhöhen, das ist uns bisher so na ja, geht so gelungen.

Woran liegt das?

Einige Spieler haben mehr Zeit gebraucht, um ihren Rhythmus aufzunehmen, sie sind zu Beginn der Saison immer einen Tick hinter ihrem wahren Leistungsvermögen geblieben. Wir sind eine Mannschaft, die darauf angewiesen ist, idealerweise an jedem Spieltag ans Optimum zu kommen. Das hat nicht immer funktioniert.

Das gilt etwa für Mitchell Weiser.

Bei ihm ist durch die verkürzte Vorbereitung, die vielen Spiele und die ausbleibenden Ergebnisse ein wenig die Leichtigkeit verloren gegangen, es fehlt das Selbstverständliche in seinen Aktionen. Mitch lebt von seiner Kreativität. Er probiert immer noch viel, geht in Dribblings, aber er bleibt öfter mal hängen oder der letzte Pass kommt nicht an. Und wenn er ankommt, machen die Stürmer nichts daraus. Dennoch sehe ich seine Entwicklung positiv. Er hat mit die meisten Minuten in den Beinen und macht trotzdem einen frischen Eindruck.

Nehmen wir Vedad Ibisevic. Er hat noch kein Ligator erzielt. Was aber mehr erstaunt, ist ein Rückfall in alte Verhaltensmuster. Er hadert, er diskutiert. Seit der Roten Karte wegen Schiedsrichterbeleidigung in Mainz scheint er noch frustrierter zu sein.

Diese Beobachtung ist nicht verkehrt. Der Platzverweis hat sicher noch mal etwas verändert, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, immer noch, er kann damit nicht abschließen. Er lässt sich zu viel ablenken. Wir haben vor dem Hamburg-Spiel darüber gesprochen. Das Einzige, was er machen kann: Er muss sich nur auf sich selbst fokussieren. Es geht jetzt weniger um seine Vorbildfunktion als Kapitän.

Es gab dann diese eine Szene in der ersten Minute, als auch Sie sich sehr aufgeregt haben.

Da haben sich zwei Hamburger gegenseitig gefoult und bekommen dafür einen Freistoß. Warum? Weil Vedad in der Nähe war. Ich meine, beobachtet zu haben, dass die Schiedsrichter wieder anders hingucken bei ihm. Der Vierte Offizielle sagte auch: Ja, war ein Fehler. Aber machen Sie sich keine Sorgen, das hat nichts mit Ibisevic zu tun. Wir haben das Gefühl, dass da doch was dran ist – auch er spürt das.

Haben Sie Saisonzielsorgen?

Nein. Man braucht einen realistischen Blick auf die Dinge. Wir haben eine gute Saison gespielt, die uns nach Europa geführt hat. Es war nicht das Ziel und kann es auch nicht automatisch sein, dass wir vor dem Hintergrund Mehrfachbelastung in der Lage sind, wieder um die ersten sechs Plätze zu spielen. Wir haben vor der Saison darüber gesprochen, was ein realistisches Ziel kein kann und haben dann die Top Ten ausgegeben, die ja die ersten sechs einschließt – aber eben auch sieben bis zehn.

Gibt es in der Öffentlichkeit eine falsche Erwartungshaltung?

Es ist normal, dass die Leute sich nach Jahren der Abstinenz wünschen, dass wir jedes Jahr europäisch spielen. Das ist noch nicht realistisch. Außerdem sehen wir, dass die Lust auf Europa groß ist. Wenn wir da sind, ist sie aber nicht so groß, dass wir zahlreich unterstützt werden. Das ist nicht anklagend gemeint, sondern einordnend.

Pal Dardai hat zuletzt einige Symptome ausgemacht: Kopfblockade, fehlende Lockerheit, Leistungslöcher. Der Trainer nannte es eine Problemphase, wehrte sich aber heftig gegen das Wort Krise. Was ist eigentlich die konkrete Diagnose?

Fehlende Erfolgserlebnisse, die zu mangelndem Selbstvertrauen führen.

Wie kann man das therapieren?

Jeder muss sich erstmal selbst fragen: Was kann ich dazu beitragen, dass meine Leistung besser wird, damit auch das große Ganze wieder funktioniert? Was die Bereitschaft angeht, haben wir es nicht in jedem Spiel geschafft, an die Grenzen zu gehen. Ich hoffe, dass wir wieder freier und mutiger werden, dass wir Spielzüge zeigen, die uns ausgezeichnet haben. Wenn der Mut in der Kabine bleibt, spielst du nicht mehr, und wenn du nicht mehr spielst, spielst du nicht gut, dann sieht es irgendwann auch nicht schön aus und dann fehlen eben die Ergebnisse – das ist der klassische Kreislauf.

Dardai sieht das nicht so gelassen.

Nach der Pokalniederlage sind ein paar Dinge verrutscht. Ich habe einen Trainer erlebt, der sich intensiv beschäftigt hat mit den Dingen und der Frage, wie er sie verändern kann. Es hat ihn gestört, wie darüber diskutiert wurde, was bei uns passiert. Er hat einiges als Angriff auf seine Arbeit gewertet. Man muss das nicht überbewerten. So ist er nun mal. Egal, was berichtet wird, es hilft uns nicht dabei, zu gewinnen. Wir müssen uns selbst helfen und uns darauf fokussieren, was wir beeinflussen können.

War es spannend zu beobachten, wie Dardai auf diese, nennen wir es krisenähnliche Situation reagiert hat?

Es ging mir weniger um die Erkenntnis, wie er sich unter Druck verhält. Wichtiger war die Beobachtung, dass alle in dieser Phase, in der wir zum ersten Mal gefordert waren, zusammengerückt sind und dass alle auf der Suche waren nach Lösungsansätzen. Wir hatten einen sehr konstruktiven Austausch mit dem Trainerteam und den Spielern. Das hat mir gezeigt, dass da etwas gewachsen ist, das auch belastbar ist. Wir sind eine Einheit, niemand schwirrt hier irgendwo im Orbit herum.

Haben Sie vor versammelter Mannschaft gesprochen?

Es ist nicht wichtig, was ich alles im Einzelnen gemacht habe. Wichtig ist, was die Gruppe gemacht hat.

Sind Sie überrascht von der teils negativen Stimmung im Umfeld?

Dass die Fans unzufrieden sind in solchen Phasen, das ist okay. Doch wie Unzufriedenheit geäußert wird, darüber muss man sprechen. Wir hatten einen Austausch, der war in Ordnung und auch durchaus konstruktiv. Es sind aber ein paar Dinge passiert, die nicht in Ordnung waren. Wenn sich Fans Zutritt zum Stadioninnenraum verschaffen oder gegen Absprachen verstoßen, müssen wir und werden uns damit beschäftigen. Ein Austausch mit den Fans und ihrem harten Kern ist uns sehr wichtig. Wir müssen uns die gegenseitigen Erwartungshaltungen klarmachen und Grenzen ziehen. Wir müssen ein vernünftiges Gleichgewicht hinbekommen zwischen Unterstützung und nachvollziehbar geäußerter Sorge. Das alles aber mit klaren Leitplanken.

Das Gespräch führte Paul Linke.