Nach der Saison ist vor der Saison. Also hat sich Michael Preetz. Manager von Hertha BSC, nach der Jahreshauptversammlung die Zeit genommen, im Gespräch die brisanten Themen zu erörtern: Stadion-Neubau, Zuschauerschwund, die regelmäßig zur Rückrunde schwindenden Spielerleistungen.

Herr Preetz, einer der wichtigen Punkte des Neubaus ist die Finanzierung, die Hertha alleine tragen will. Sind die kolportierten Kosten von bis zu 250 Millionen Euro nur mit einem weiterem Investor zu stemmen?

In der Tiefe steht unsere Finanzplanung nicht. Aber unser Geschäftsführer für Finanzen, Ingo Schiller, hat vorgearbeitet. Es wird sicherlich nicht der eine Investor sein. Es wird auf jeden Fall eine Finanzierung mit verschiedenen Bausteinen sein. Aber eine, von der wir überzeugt sind, dass wir sie stemmen können.

Mit Hilfe eines zweiten Großinvestors?

Es ist bekannt, dass wir seit Jahren Ausschau nach einem weiteren Investor halten. Das ist natürlich auch für das Stadion ein denkbares Modell. Aber wir können auch durch die Möglichkeit einer Bausteinfinanzierung das Projekt stemmen.

Eine Bedingung, die Innensenator Andreas Geisel stellt, ist eine Konkurrenzausschlussklausel. Auf ihrer Mitgliederversammlung wurde auf einem Aushang mit 10 Argumenten für das neue Stadion geworben, unter anderem, dass die Arena eine Lücke als Veranstaltungsort schließen würde. Ist das nicht genau das, was Herr Geisel ausschließen möchte?

Wir verstehen natürlich die Sorgen und Nöte des Senats hinsichtlich der Nachnutzung des Olympiastadions. Wir haben in dem Segment um die 50.000 Zuschauer in Berlin keinen vergleichbaren Veranstaltungsort. Es könnte aus gesamtstädtischer Sicht ein interessanter Baustein sein, um Künstler in die Stadt zu bekommen, für die das Olympiastadion zu groß und die Waldbühne zu klein ist. Das lässt sich in den nächsten Wochen einvernehmlich besprechen.

Für viele Bundesligisten sind Fremdveranstaltungen wie Konzerte eine essenzielle Einnahmequelle. Wäre die neue Arena für Hertha auch nur mit 17 Heimspielen finanzierbar?

Das ist das Terrain unseres Geschäftsführers Finanzen, Ingo Schiller. Wir trauen uns definitiv zu, dieses Projekt wirtschaftlich zu stemmen, und vor allem im weiteren konstruktiven Austausch mit dem Senat Lösungen zu den Punkten zu finden, zu denen es Gesprächsbedarf gibt.

Herr Schiller sprach auf der Mitgliederversammlung im Indikativ über den Neubau und empfahl den Mitgliedern sich den 25. Juli 2025 im Kalender anzustreichen. Was macht Sie so optimistisch, dass das Abgeordnetenhaus einem Erbbaurechtsvertrag – gegen einen unter der aktuellen Miete des Olympiastadions liegenden Betrag – zustimmt?

Wir sind total überzeugt von unseren Plänen und sehr zufrieden mit dem Stand der Entwicklung. Wir haben sehr vertiefte Pläne zum jetzigen Zeitpunkt vorstellen können. Je weiter wir fortschreiten in diesem Prozess, desto größer wird die Begeisterung, dass es absolut das Richtige ist, was wir tun. Wir hoffen, dass sich dieser Enthusiasmus dann auch auf das Abgeordnetenhaus und den Senat überträgt.

Was ist der konkrete Vorteil für Berlin?

Ein sehr valider und konkreter Vorteil wäre, dass dieses Stadion komplett von Hertha finanziert würde und kein dreistelliger Millionenbetrag an Steuergeldern dafür verwendet werden müsste.

Aber Berlin würde auf Millionen an Mieteinnahmen verzichten.

Ich finde, dass das Land nicht so einfach den Blick davor verschließen darf, dass es für einen Verein wie Hertha BSC um die Sicherung der Zukunft geht. Der Eindruck aus den Gesprächen ist, dass der Senat sehr wohl unsere Sorgen und Nöte zu diesem wichtigen Zukunftsthema für Hertha BSC verstanden hat. Herr Geisel hat sich sehr positiv innerhalb unserer letzten Sitzung zu dem Thema Neubau geäußert. Ingo Schiller wird am Freitag in den Sportausschuss des Abgeordnetenhauses gehen und dort für unser Vorhaben werben. Wir sind begeistert von den Plänen und dem Stand der Planung bis hierhin. Wir hoffen, dass wir dort Überzeugungsarbeit leisten können.

Als Plan- und Bauzeit sind viereinhalb Jahre veranschlagt. Bis wann rechnen Sie mit einer Entscheidung des Abgeordnetenhauses?

Wir wünschen uns, bis Ende des Jahres in diesem wichtigen Thema Klarheit zu haben.

Im Olympiastadion leidet der Verein unter Zuschauerschwund. Statt wie geplant fünf Prozent mehr, kamen in der abgelaufenen Saison zehn Prozent weniger. Macht Ihr Investor KKR Druck in der Angelegenheit?

Nein. Wir tauschen uns mit KKR regelmäßig aus. Wir werden die Sommerpause nutzen, um sehr intensiv darüber nachzudenken, welches Bündel an Maßnahmen die Situation verbessert. Einige sind ja auf der Mitgliederversammlung bereits genannt worden. Unser Investor ist auch bei diesem Thema mit dem einen oder anderen Hinweis hilfreich. Das war auch in der Vergangenheit der Fall und wir haben davon ausschließlich profitiert. Aber ich kann Ihnen versichern, dass auch KKR nicht die Königslösung hat.

Eine der verkündeten Maßnahmen ist, dass Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren nächste Saison freien Eintritt erhalten. Was tun Sie, um zahlende Kundschaft zurückzuholen?

Sehen Sie mir nach, dass ich darauf keine fertigen Antworten habe. Die Zuschauerzahlen entwickeln sich dieses Jahr merklich nach unten, keine Frage. Wir werden die Sommerpause nutzen, um das Thema mit allen Fachabteilungen tiefgehend zu analysieren und ein Bündel an Maßnahmen präsentieren zu können. Eine erste ist, mehr Kinder und Jugendliche mit freiem Eintritt für einen Stadionbesuch zu begeistern. Das wird sich positiv auswirken. So werden wir möglicherweise eine neue Generation von Hertha-Fans gewinnen können.

Der Zwist mit den Fans, die für die Stimmung im Stadion zuständig sind, hat einen Tiefpunkt erreicht. Wie wollen Sie die Wogen glätten?

Durch Dialog. Anders geht es nicht. Die Bereitschaft von unserer Seite war in der Vergangenheit immer da und sie ist es auch jetzt – von Fanseite derzeit nicht. Das ist das Problem. Wir sind in einem Austausch, der aber eher formaler Art ist. Wir wissen, dass es im Moment Überlegungen bei den Fans gibt, an den Tisch zurückzukehren. Das würden wir begrüßen.

Die Fans sehen keine Grundlage, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen.

In einem Miteinander könnten wir viele Dinge erklären, die von den Fans kritisiert wurden. Wir wissen, dass wir sie bei der 125 Jahrfeier nicht optimal eingebunden haben. Das haben wir eingeräumt. Genauso wie wir zu Beginn der Digitalisierungskampagne eingeräumt haben, dass wir mit der Abholung und der Einbindung, nicht nur der Fans, sondern auch unserer Mitglieder und Gremien, nicht zufrieden waren. Das ist nicht optimal gelaufen. Aber anderseits gibt es natürlich einige Dinge in der Vergangenheit, bei denen Grenzen überschritten wurden. Deswegen hilft es nur, zurück an den Tisch zu kommen. Unsere Türen stehen offen, unser Angebot steht.

Ein wichtiger Aspekt das Stadion voll zu bekommen, ist attraktiver und erfolgreicher Fußball. Warum bekommt es die Mannschaft nicht hin, in der Rückrunde die gleiche Leistung abzurufen wie in der Hinrunde?

Wenn wir das wüssten, wären wir einen riesen Schritt weiter. Es ist richtig, dass die Rückrunde (19 Punkte, d. Red.) wieder schlechter war als die Hinrunde (24 Punkte, d. Red.), obwohl wir keine Mehrfachbelastung mehr hatten. Das ist enttäuschend und hat dazu geführt, dass wir am Ende nicht mehr erreicht haben. Keine Frage, das muss besser werden.

Wie?

Mir hat an der einen oder anderen Stelle der letzte Hunger nach mehr gefehlt. Die Mannschaft war immer da, wenn es kritisch wurde und ein Absacken drohte. Umgekehrt haben wir es nicht hinbekommen, wenn es darum ging, etwas Positives zu erreichen. Das hat schon was damit zu tun, dass man die letzte Bereitschaft auf den Platz bekommt. Wir haben immer gesagt, dass Hertha BSC an jedem Spieltag hundert Prozent geben muss, um ein Bundesligaspiel zu gewinnen. Das immer abzurufen, ist den Jungs nicht gelungen. Daran müssen wir arbeiten. Wir brauchen mehr Gier, mehr Entschlossenheit und dann auch mehr Wille zum Erfolg.

Trainer Pal Dardai sprach von einer Blockade im Kopf. Wie ist es zu erklären, dass die Spieler mit positivem Druck nicht umgehen können?

Ich glaube nicht an eine Blockade. Sondern daran, dass wir vielleicht an der ein oder anderen Stelle die Zügel etwas schärfer anziehen müssen. Profifußball ist leistungsorientiert und letztlich ein hartes Business. Wir haben es in den zwei Jahren zuvor geschafft, dass wir fast immer am Leistungslimit gespielt haben. Das ist uns in dieser Saison, vor allem in der Rückrunde, nicht gelungen. Wir müssen einfordern, dass die Jungs sich jeden Spieltag so fokussieren, dass sie an ihre Leistungsgrenze kommen. Ein, zwei Spiele in der Saison, in denen das nicht gelingt, gibt es immer. Aber wir hatten ein paar zu viele davon. Das muss sich ändern.

Es gab zwei Phasen, als Pal Dardai Kritik als persönlichen Angriff bewertet hat. Muss er cooler werden, damit die Mannschaft ruhiger wird?

Man muss einem Trainer zugestehen, dass er mal angespannt ist aufgrund von einer sportlichen Situation, die nicht befriedigend ist. Er ist immer noch ein junger Trainer, obwohl er derzeit nach Freiburgs Christian Streich am zweitlängsten im Amt ist. Generell geht es für Pal um die Erweiterung seines Repertoires. Er hat bereits angekündigt, was er für Veränderungen für die nächste Saison plant. Es wird um Flexibilität und Variabilität gehen, aber auch um die Herangehensweise an der einen oder anderen Stelle. Dafür bekommt er von uns jeden Support.