Es war ein Jahr wie ein Gemischtwarenladen, für jeden Anlass etwas dabei. Michael Preetz, 51, hat sich über historische Siege gefreut und über peinliche Niederlagen geärgert. Es gab finanzielle Erfolgsmeldungen und wieder Probleme mit den Fans. Mit Herthas Manager sprachen wir über die wichtigsten Hochs und Tiefs 2018 – und den größten Wunsch für das neue Jahr. Lesen hier den ersten Teil des Interviews, Teil zwei folgt am 2. Januar.

Herr Preetz, werden Sie in der Silvesternacht Böller werfen oder Raketen abfeuern? In gewissen Kreisen würde das für Diskussionen sorgen.

Da konnte ich mich noch nie für begeistern. Ich habe als Kind Leute gesehen, denen der halbe Arm weggeflogen ist, und Briefkästen, die vor meinen Augen explodiert sind. Das ist nicht meine Welt. Ich habe bislang keine einzige Rakete abgeschossen in meinem Leben. Und ich bin auch keiner, der sich an einem Feuerwerk erfreuen kann. Es gibt Leute, die stehen ewig davor und machen uh und oh. Ich schaue kurz hin und gehe dann weiter.

Bleigießen?

Vielleicht. Es gibt keinen traditionellen Ablauf bei uns. Es ist immer davon abhängig, wo wir sind. Wenn wir zu Hause sind mit der Familie, ist es eher ruhig.

Was ist mit guten Vorsätzen für 2019?

Ich gehe mit keinen speziellen Vorsätzen ins neue Jahr. Über allem steht Gesundheit, das ist einfach so.

Viele Menschen nutzen den Jahreswechsel, um eine Bilanz zu machen. Als Manager sind Sie es gewohnt, erst im Sommer einen Schlussstrich zu ziehen. Sie müssten also geübt darin sein, die Dinge richtig einzuordnen.

Im Fußball ist die Tabelle das Maß aller Dinge. Eine Zwischenbilanz zur Weihnachtspause ist trotzdem richtig und angebracht, weil man idealerweise etwas justieren kann. Eine Halbserie hat schon eine gewisse Aussagekraft.

Welche denn?

Wir haben verschiedene Gesichter gezeigt. Wir sind sehr gut reingekommen in diese Saison, haben uns gerade in den Bereichen verbessert, in den wir uns verbessern wollten, Stichwort: offensive Wucht. Wir haben aber auch eine Phase eingestreut, die schlecht war, das muss man klar sagen. Wir haben uns dann wieder gefangen. Unterm Strich haben wir aber auch drei Spiele abgeliefert, die mir wirklich Sorgen bereitet haben, weil wir da nicht die Mentalität gezeigt haben, dass wir unbedingt alles erreichen wollen.

Sie meinen bestimmt das 1:4 in Düsseldorf, das 1:1 in Stuttgart und das 1:3 in Leverkusen.

Ja. Daran müssen wir zwingend arbeiten in der Rückrunde. Es darf keine Zufriedenheit aufkommen, wenn wir mal zwei oder drei Spiele hintereinander gewinnen. In dem Moment, wo es scheinbar gutgeht, haben wir noch nichts erreicht. Es muss der Reflex einsetzen, dass man jetzt richtig loslegen will und das Gaspedal durchdrücken muss. Das hat mir in diesen drei Spielen gefehlt, das ärgert mich. Wir hätten mehr erreichen können, als wir es getan haben. Ich will, dass wir lernen, in solchen Momenten zuzupacken.

Was waren die sportlichen Höhepunkte 2018?

Nach neun Jahren mal wieder gegen die Bayern zu gewinnen, verdient, wie ich finde, das war ohne Frage ein besonderer Moment. Es hat sich aber auch gut angefühlt, nach einer Ewigkeit wieder in Gelsenkirchen zu gewinnen.

Im negativen Jahresrückblick dürfen die Fanausschreitungen in Dortmund nicht fehlen. Die Ermittlungen laufen zwar noch. Aber würden Sie womöglich schon jetzt sagen, dass Sie die Schuldfrage zu früh zu einseitig beantwortet haben?

Ich finde es gut, dass wir nach zwei Jahren wieder miteinander reden. Auf der anderen Seite ist auch klar, dass Gewalt keine Lösung ist.

Positiv ist also auch, dass es wieder einen Austausch gibt zwischen Klubführung und aktiver Fanszene nach zwei Jahren Schweigen.

Für uns ist es wichtig, dass wir weiter miteinander sprechen, dass wir dieses zarte Pflänzchen hegen und pflegen. Wir wollen unbedingt aufarbeiten, was in den vergangenen zwei Jahren aufgelaufen ist, und Dinge ausräumen – soweit es geht. Es sind Fehler gemacht worden, auf beiden Seiten. Dieses Eingeständnis gehört bei der Bewältigung eines Konflikts dazu. Alles andere werden wir intern besprechen, bevor wir es öffentlich kommentieren. Meine Hoffnung ist jedenfalls, dass sich das Verhältnis deutlich verbessert.

Man hatte in der Vergangenheit das Gefühl, Herthas Probleme sind oft hausgemacht.

Das sehe ich anders. Was wir gemacht haben, ist: Haltung zeigen. Was Unrecht ist, das bleibt Unrecht, und das wird als solches benannt, daran wird sich nichts ändern. Über hausgemachte Probleme können wir uns unterhalten, wenn es etwa um das Thema Stadionhymne geht. Das war sicherlich die falsche Vorgehensweise, gar keine Frage.

Oder beim Thema Digitalisierung.

Dieses Thema beschäftigt alle Unternehmen, Digitalisierung ist in unser aller Leben schon seit längerer Zeit angekommen, auch im Leben derer, die sie kritisieren. Alle zahlen ihre Rechnungen online, Tickets werden übers Handy gebucht. Und wenn wir auch da über Fehler sprechen, dann ging es am Anfang dieses Veränderungsprozesses vielleicht zu schnell, wir haben nicht alle gut genug mitgenommen bei dem Thema. Aber dass wir diesen Weg weitergehen müssen, dass ist jedem da draußen bewusst. Trotzdem gilt natürlich, dass wir analog Fußball spielen, auch das wird sich nicht ändern. Wir wollen die Leute im Stadion haben, wir wollen eben nicht, dass sie zu Hause die Spiele verfolgen. Aber diejenigen, die unsere Spiele von zu Hause aus über Handy, Tablet oder wie auch immer verfolgen, über die sagen wir eben auch, dass sie Fußballfans sind.

Wurde das Thema vielleicht zu hoch gehängt? Sie haben als einziger Bundesligist die Digitalisierung auf leitender Ebene verankert und Paul Keuter eingestellt.

Dieses zukunftsträchtige Thema hat für das Wachstum von Hertha eine enorme Bedeutung, dementsprechend haben wir es auch im Unternehmen aufgehängt. Wir sehen deutlich mehr Chancen als Risiken.

Es wurde 2018 noch einmal schwerer, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Fallen Ihnen Falschmeldungen über Hertha ein?

Einige. Anfang November hat zum Beispiel einer geschrieben, dass wir vor der Verpflichtung irgendeines brasilianischen Abwehrtalents stehen. Der Spieler sagte, wie stolz er sei, dass er seinen ersten Profivertrag in Berlin unterschreiben konnte. Er hat sogar ein Papier in die Kamera gehalten, was der unterschriebene Vertrag sein sollte.

Muss sich Hertha gegen so etwas wehren?

Man kann das pauschal nicht beantworten. Es gab Geschichten in der Vergangenheit, und das wird in der Zukunft nicht anders sein, gegen die wir vorgehen.

Auch in diesem Jahr hat die Enthüllungsplattform „Football Leaks“ wieder viele brisante Details veröffentlicht. Haben Sie eigentlich das gleichnamige Buch gelesen?

Ich habe es geblättert, ich habe es noch nicht ganz gelesen.

Es geht darin um dubiose Machenschaften in der Fußballbranche. Wie empfinden Sie das, wenn Kollegen moralische und juristische Grenzen dehnen und überschreiten?

Aus dem Blick potenziell Betroffener ist die Frage immer: Woher kommen die Informationen? Es ist also auch eine Frage des Umgangs mit geheimen Dokumenten. Das ist etwas, das mir wichtig ist. Das, was wir bei Hertha machen, soll zwischen den Parteien bleiben und nicht irgendwo anders öffentlich werden. Insofern registriere ich die Enthüllungen mit Befremden. Es geht gar nicht um Schuldzuweisungen an die eine oder andere Seite. Es sind alle beteiligt, es gibt nicht den einen Bösen, der die Information veröffentlicht, sondern auch diejenigen, die Informationen gezielt zuspielen.

Haben Sie schon einmal von bestimmten Entscheidungen Abstand genommen, die Sie in einen Grenzbereich geführt hätten?

Ja, klar.

Können Sie das ausführen?

Sie können sicher sein, dass auch wir schon vor solchen Entscheidungen standen. Wenn man Transfers macht und Dinge vereinbart, dann kommt man zu dem Punkt, wo man alles verschriftlicht und manchmal merkt, dass gesetzliche Vorschriften womöglich außer Kraft gesetzt werden könnten. Mit uns wird das aber sicherlich nicht gehen.

Können Sie versprechen, dass Sie nicht Teil der Enthüllungen werden?

Enthüllungen sind es auch, wenn irgendwelche Verträge irgendwo auftauchen, das kann ich nicht versprechen. Aber ich kann sagen, dass ich mich nie aktiv daran beteiligen werde, die gesetzlichen Bahnen zu verlassen.

Das Gespräch führten Wolfgang Heise und Paul Linke.