Barcelona - Wer nur zuhört, der meint die Stimme von Michael Schumacher zu vernehmen. Wer dann hinguckt, der sieht das Kinn von Michael Schumacher. Der Andrang in dem weißen Pavillon am Circuit de Catalunya ist tatsächlich ähnlich groß, wie er beim Rekordweltmeister der Formel 1 immer war. Doch der da sitzt, ist Mick Schumacher. Er weiß, dass er im Namen des Vaters fährt, und von ihm erwartet wird, die rasende Familiengeschichte fortzuschreiben. Auch vor seinem dritten Rennwochenende in der Formel 2, dem ersten in Europa, gehört dem 20-Jährigen eine mindestens so große Aufmerksamkeit wie dem Schicksal von Sebastian Vettel bei Ferrari. Beide Deutschen stecken im gleichen roten Teamhemd, nur dass bei Schumacher junior der Zusatz „Driver Academy" steht. Vermutlich ist er gerade der prominenteste Fahrschüler der Welt.

Dafür pariert und parliert er sehr gelassen: „Ich konnte mich ja schon daran gewöhnen, aber ich finde es immer noch erstaunlich." Mit den iPhones, die vor ihm auf dem Tisch liegen, könnte man einen ganzen Telefonshop ausrüsten. Auffällig ist, dass er neben der Gelassenheit auch eine große Höflichkeit an den Tag legt. Selbst wenn er Fragen wie diese abblocken muss, ob er sich zusammen mit seinem Vater Rennen angucke. Bei allem jungenhaften Charme – die Privatsphäre weiß er immer zu wahren und zu verteidigen.

In der Formel 3 gewachsen

Er ist einer, der wie Vettel, Respekt noch für einen großen Wert hält, und in seinem Tun auf der Rennstrecke auch keinen Gegensatz sieht. In den letzten beiden Jahren in der Formel 3, aus der er sich als Champion verabschiedet hat, ist er gewachsen. Man könnte auch sagen: erwachsen geworden. Das gilt natürlich für das Cockpit, aber ebenso für die Umstände im Profi-Motorsport, an denen schon einige vielversprechende Karrieren gescheitert sind.

Die Konzentration in den Interviews ist eng verwoben mit seiner Vorgehensweise auf der Rennstrecke. In den vier bisherigen Wertungsläufen war ein fünfter Platz das beste Resultat, einmal stand er auf der Pole-Position, insgesamt ist er Neunter. Das erste Ziel ist: „So konstant wie möglich über das Jahr zu sein. Meine Erwartung ist derzeit immer die gleiche: Ich will so viel wie möglich lernen und mich weiter verbessern."

In der zweiten Liga des Motorsports gehört dazu ein noch größeres Reifenverständnis als in der Königsklasse. Einmal der Versuchung nachzugeben, eine Revancheattacke auf der Strecke zu fahren, erzählt Mick Schumacher, und das ganze Rennen sei dahin. Die Gummis sind empfindlich, entsprechend empfindsam muss deshalb der Chauffeur sein. Zurückstecken gehört dazu, auch wenn das Limit lockt.

Beflügelt vom Generationswechsel

Bloß nicht durchdrehen, das gilt für Reifen wie Fahrer. „Die Disziplin in der Formel 2 ist sehr hoch", bestätigt Schumacher. Beflügelt wird das von dem größeren Generationswechsel, vor dem die Formel 1 gerade steht. Charles Leclerc, der letzte Ferrari-Azubi, lebt das gerade eindrucksvoll vor.

Tatsächlich bestimmt Technik und Taktik Mick Schumachers ganze Denke, die Gespräche mit den Ingenieuren. Er fuchst sich da rein. Und wieder gilt: ganz der Vater. Der hatte in Barcelona seinen ersten Sieg für Ferrari eingefahren, 1996 im Regen. Klar kennt der Sohn das Video, er hat es wie so viele andere sogar studiert: „Natürlich sind die Autos schwer zu vergleichen, aber die Art zu fahren ist schon sehr ähnlich." Aber die wichtigste Erkenntnis ist wohl die: „Was er getan hat, war außergewöhnlich. Das erkenne ich mit jedem Tag mehr."

Die Zelte der Formel 2 stehen vor den Toren des Formel-1-Fahrerlagers, direkt hinter dem langen roten Teppich. Mick Schumacher spaziert dort zwischen den Welten: „Ich hole mir dort Tipps. Ich kann von jedem lernen, es gibt dort so viele talentierte Piloten." Er selbst hatte beim Großen Preis von Bahrain bereits zwei Einsätze als Formel-1-Testpilot – einmal für Ferrari, einmal für die Konzernfiliale Alfa Romeo. „Sein Verhalten, seine Herangehensweise waren sehr ähnlich wie die von Michael", bestätigt Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. Bei den Nachwuchstests kommende Woche in Spanien probiert er allerdings zwei andere Junioren aus. Mick Schumacher spricht, wird er auf eine Formel-1-Karriere angesprochen, gern von seiner „Bestimmung".

Ein weiteres Probejahr

Mick Schumacher kann noch soviel über die Formel 2 sprechen, die Spekulationen über seine Beförderung in die Königsklasse werden über die Saison hinweg zunehmen, gleichwohl auch die Möglichkeit besteht, ein weiteres Probejahr zu fahren. Doch dagegen spricht nicht zuletzt der Druck, den er sich selbst macht. Selbst die Veranstalter des Großen Preises von Deutschland auf dem Hockenheimring setzen bereits auf den Namen Schumacher, obwohl die Formel 2 in diesem Sommer gar nicht im Badischen Station macht.

Es könnte ja die Möglichkeit bestehen, dass er eine Freitags-Testeinheit bestreitet... Wird Mick Schumacher nach seiner Lieblingsstrecke gefragt, dann muss er keine Sekunde nachdenken: „Spa!" Dort begann die Karriere seines Vaters, die belgische Rennstrecke gilt als sein „Wohnzimmer". Mick Schumacher könnte dort einziehen.