BerlinMikaela Shiffrin wusste nicht wohin mit all ihren Gefühlen. Mal schossen der besten Skirennfahrerin der Welt Tränen in die Augen, dann musste sie wieder lachen. So einen Weltcup hatte die Amerikanerin noch nie erlebt - und so hatte sie einen zweiten Platz noch nie gefeiert. „Das war ein ganz spezieller Tag“, sagte Shiffrin nach dem Slalom von Levi am Sonnabend, bei dem sie nach fast zehn Monaten Rennpause wegen des Unfalltodes ihres Vaters ein Comeback gegeben hatte. „Es hat sich angefühlt wie mein erster Sieg.“

Wer Shiffrins alpines Renn-Wochenende in Lappland anhand der nackten Zahlen analysiert, der sieht: Im ersten Slalom fehlten ihr als Zweitplatzierter 0,18 Sekunden auf Siegerin Petra Vlhova. Beim zweiten Erfolg der Slowakin am Sonntag verpasste eine sichtlich erschöpfte Shiffrin dann als Fünfte (+0,93) das Siegerpodest.

Ergebnisse und Statistiken aber spielten für die 25-Jährige bei ihrem Trip an den finnischen Polarkreis kaum eine Rolle. Nach 300 Tagen Rennpause wegen des Todes ihres Vaters im Februar, des abrupten Endes der Saison in der Corona-Pandemie und zuletzt einer Rückenblessur war der Start in Levi vor allem ein emotionaler Erfolg für sie. „Ich habe so viel Glück gespürt beim Skifahren“, berichtete Shiffrin am Sonnabend, „diesen zweiten Platz genieße ich mehr als je zuvor. Natürlich kann ich schneller fahren. Aber ich hatte Spaß.“

Shiffrin ist fünfmalige Weltmeisterin und zweimalige Olympiasiegerin, mit 66 Siegen fehlt ihr nur noch einer zum jahrelangen Dominator Marcel Hirscher auf Platz drei der ewigen Weltcup-Bestenliste. Ihre Erfolge fuhr sie oft beeindruckend cool und souverän ein, auch weil ihr Mutter Eileen als Betreuerin an der Strecke und Vater Jeff als Organisator und Ruhepol daheim in den USA den Rücken frei hielten.

Früher schickte Jeff seiner Tochter zwischen zwei Durchgängen oft Nachrichten aufs Handy - in Levi wartete Mikaela Shiffrin vergeblich auf eine SMS ihres Dads. Das war dann ein Moment, in dem Freude und Zufriedenheit verdrängt wurden von den schmerzhaften Erinnerungen. Die Amerikanerin will in diesem Winter lernen, den Schicksalsschlag weiter zu verarbeiten und zugleich schnell Ski zu fahren. Natürlich sei sie „unglaublich wütend“, weil ihr Vater gestorben sei und „wie allein ich mich manchmal fühle“, sagte sie dieser Tage. Zugleich aber hofft sie: „Wenn man es durch eine so schwere Tragödie geschafft hat, dann sind manche Dinge in deinem Leben ein bisschen besser sortiert.“