Ein klares Statement: Die Milwaukee Bucks treten nicht an.
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New YorkDie Milwaukee Bucks hätten nur noch einen Sieg gegen die Orlando Magic gebraucht, um in den Playoffs der US-Basketballliga NBA in die zweite Runde vor zu dringen, doch als am Mittwochnachmittag die Sirene für das Ende der Aufwärmzeit durch die Disneyland-Arena in Orlando tönte, verschwanden die Bucks in der Kabine und kamen nicht zurück. Ihre Gegner packten ihre Sachen und ließen sich wieder in ihr Hotel fahren.

Die Weigerung der Bucks, zu ihrem Spiel anzutreten, war ein Vorgang, wie es ihn im amerikanischen Sport bislang noch nie gegeben hat. Die Athleten streikten aus Protest gegen die Schüsse auf den Afroamerikaner Jacob Blake durch einen Polizisten im Heimatstaat ihrer Mannschaft, Wisconsin. Anstatt zu spielen, verlangten sie, mit dem obersten Staatsanwalt von Wisconsin zu sprechen. „Wir haben die Nase voll von dem Morden“, erklärte George Hill, der Spielmacher der Bucks, dem Sportsender ESPN.

Der Vorgang ist auch deshalb einzigartig, weil schwarze Athleten einen starken politischen Hebel nutzen. Vielleicht den stärksten, über den sie in den USA verfügen. Die NBA ist ein Unternehmen, das mit seiner Dienstleistung Basketball riesige Summen bewegt. Im vergangenen Jahr kamen die Klubs auf einen Umsatz von 8,8 Milliarden Dollar, ein Rekord in der Geschichte der Liga.

Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen mit ihrem Turnierformat im Vergnügungspark von Orlando der Corona-Pandemie trotzen und die Saison zu einem Abschluss bringen wollen. Fallen nämlich die Playoffs in diesem Jahr aus, dürften allen Beteiligten erhebliche Verluste entstehen. Nun droht die Bubble tatsächlich zu platzen.

Beim Franchise der Bucks jedoch ist die Haltung klar. Die Mannschaftsleitung stellte sich in ihrem Statement voll hinter die Spieler. „Die einzige Art und Weise, Veränderung herbeizuführen, ist es, das Scheinwerferlicht auf diese Ungerechtigkeiten zu werfen“, hieß es in der Mitteilung. „Und das haben unsere Spieler heute getan.“

Die Spieler der übrigen in den Playoffs verbliebenen Teams schlossen sich schnell den Bucks an, alle anderen Spiele vom Mittwoch in der Bubble, der abgeschirmten Blase, in der das Turnier wegen der Corona-Pandemie ausgetragen wird, wurden abgesagt. Um 20 Uhr Ortszeit trafen sich die Spieler, um das weitere Vorgehen zu beraten. Bis Mitternacht war nicht bekannt, ob die Playoffs weiter ausgetragen werden.

Die Streikstimmung machte jedoch nicht beim Männer-Basketball halt, der sich in den vergangenen Jahren stets dadurch hervorgetan hatte, politische Stellungnahmen nicht nur zu tolerieren, sondern sogar zu fördern. Die Spiele der Frauenliga WNBA wurden genauso abgesagt wie die Spiele der Fußballliga MLS. Und kurz nach der Absage des Spiels der Bucks gaben auch deren Baseball-Kollegen, die Milwaukee Brewers, bekannt, dass sie nicht zu ihrem Spiel gegen Cincinnati auflaufen würden. „Dies ist eine Zeit, in der wir nicht ruhig bleiben dürfen“, sagte der Pitcher der Brewers, Josh Harder. Später am Abend schlossen sich dann die San Diego Padres und die Seattle Mariners dem Streik im Baseball an.

Für Kenner des US-Sports war die Entscheidung der Baseball-Spieler, nicht zu spielen, noch weitaus bemerkenswerter als der Boykott der Basketballspieler. Denn während in der NBA der Anteil der schwarzen Profis bei zwei Dritteln liegt, sind es in der Major League Baseball (MLB) in dieser Saison gerade einmal acht Prozent und in keiner Spielzeit jemals mehr als 20 gewesen.

Dave Zirin, der Sportkolumnist der politischen Wochenzeitschrift „The Nation“, twitterte: „Dass der Baseball sich anschließt, ist so, als ob ein Stein einen Panzer sprengt.“ Baseball gilt in den USA als eher konservativer, vornehmlich weißer Sport, auch was das Publikum angeht.

Der Trend hin zu einem Streik im Basketball hatte sich bereits in den vergangenen Tagen abgezeichnet. Die Empörung der Spieler über die Schüsse auf Jacob Blake vor den Augen seiner Kinder war einhellig. Superstar LeBron James von den LA Lakers twitterte schon am Sonntag: „Wir fordern den Wandel. Ich habe die Nase voll.“

Am Montag hatten einige der Spieler der Milwaukee Bucks begonnen, infrage zu stellen, dass sie im Disneyland ihr Turnier abhalten und damit die Massen unterhalten sollen. „Wir hätten nicht hierherkommen sollen“, sagte George Hill von den Bucks. „Wir lenken doch damit nur davon ab, was in diesem Land passiert.“

Der Trainer der Denver Nuggets, Michael Malone, äußerte am Montag eine ähnliche Frustration. „Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas dadurch verändern, dass wir hier auflaufen und ein T-Shirt tragen. Wir müssen dazu bereit sein, wirklich etwas zu opfern.“

Vorangegangen war am Dienstagabend eine emotionale Ansprache von Doc Rivers, dem Trainer der Los Angeles Clippers. „Ich sollte eigentlich nur ein Trainer sein“, sagte er nach dem Sieg seiner Mannschaft gegen die Dallas Mavericks. „Aber ich bin auch ein schwarzer Mann.“

Es müsse aufhören, so Rivers, dessen Vater ein Polizist war, dass schwarze Väter Angst um ihre Kinder haben. „Die Republikaner sprechen auf ihrem Parteitag von Angst? Das ist ein Witz. Wir sind es, die Angst haben müssen. Wir lieben unser Land, aber unser Land liebt uns nicht zurück.“

Der Spielerstreik treibt die politischen Proteste amerikanischer Sportler, die vor genau vier Jahren mit der Weigerung Colin Kaepernicks, zur Nationalhymne aufzustehen, begonnen haben, noch einen Schritt weiter. Die amerikanischen Profisportler entwickeln sich somit zu einer immer bedeutsameren politischen Kraft im Land. Wie Dave Zirin, der Kommentator der „Nation“ schrieb: „Sie zwingen alle, die politisch sind und Sport hassen, und alle Sportfans, die Politik hassen, sowie alle, die schwarze Sportler lieben, denen aber das Schicksal der Afroamerikaner außerhalb der Arena egal ist, sich zu entscheiden, wo sie stehen.“