Es ist ein bisschen wie bei einem Klassentreffen nach vielen Jahren der Trennung. Man ist neugierig auf den anderen, fragt sich, ob man ihn noch erkennt oder ob man selbst noch erkannt wird. Ein wenig Aufregung ist auch dabei. Und mancher kommt gar mit klopfendem Herzen, weil man ja vielleicht auf seine erste Liebe treffen könnte. Gut, der Vergleich hinkt ein wenig, dennoch gibt es durchaus Parallelen vor dem Saisonauftakt der Dritten Liga.

Nach 25 Jahren und der letzten Saison der DDR-Oberliga treffen allein acht ehemalige Erstligisten der DDR hier aufeinander. Am Freitagabend geht es gleich los mit dem ersten von insgesamt 56 Ostderbys zwischen dem 1. FC Magdeburg und Rot-Weiß Erfurt (20.30 Uhr, live im MDR). Außerdem aus dem Ost-Fundus dabei: Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue, Hansa Rostock, Chemnitzer FC, Energie Cottbus und der Hallesche FC. Die Süddeutsche Zeitung nannte die Dritte Liga nun etwas süffisant „DDR-Oberliga mit Westbeteiligung“. Von den einst über viele Jahre etablierten Oberligisten zwischen Ostsee und Erzgebirge fehlen eigentlich nur der BFC Dynamo, der FC Carl Zeiss Jena und der 1. FC Lok Leipzig.

Tatsächlich gab es solch eine Ballung an traditionsreichen Ostklubs in einer der Profiligen im wiedervereinigten Deutschland bislang noch nicht. Das wird für nostalgische Gefühle bei einem Teil der Fans, vor allem der älteren Jahrgänge, sorgen. Dennoch ist die Zusammensetzung der Dritten Liga, die seit 2008/09 existiert, kein Ruhmesblatt. Es zeigt, dass die einstigen Vorzeigeklubs der DDR, die vor allem 1989 nach dem Fall der Mauer ihre besten Spieler reihenweise an zahlungskräftige Vereine im Westen Deutschlands verloren, längst nicht angekommen sind im deutschen Spitzenfußball – oder nur ein mehr oder weniger kurzes Gastspiel in der Ersten oder Zweiten Bundesliga gaben. Nur Hansa Rostock (immerhin 12 Spielzeiten), Energie Cottbus (6) und Dynamo Dresden (4) waren einst ganz oben dabei.

Dresden will es in Liga zwei schaffen

Vor allem Dresden geht nun das Ziel Wiederaufstieg in Liga zwei sehr offensiv an. Zur Saisoneröffnung kamen 4.500 Fans – mehr als bei einigen Bundesligisten. Die jubelten euphorisch, als der als zurückhaltend geltende neue Cheftrainer Uwe Neuhaus (früher 1. FC Union) ausrief: „Meine Ziele sind auch die des Vereins. Wir wollen aufsteigen. Ende. Aus!“ Sportdirektor Ralf Minge, 54, bestätigte dieser Zeitung: „Ja, der Aufstieg ist klipp und klar unser Saisonziel! Bei uns herrscht eine unglaubliche Euphorie.“ Der Verein, mit Abstand der Zuschauerkrösus der Dritten Liga (22 748 Besucher im Schnitt 2014/15) hat inzwischen 15 893 Mitglieder und verkaufte 12 000 Dauerkarten. „Es stehen viele intensive Spiele an“, sagt Minge, selbst ein Kind der DDR-Oberliga. Er bestritt als Mittelstürmer 222 Oberligapartien für Dynamo Dresden, in denen er 103 Tore schoss.

Mit Uwe Neuhaus hat Minge einen sehr erfahrenen Trainer verpflichtet, der zudem einen starken Kader zur Verfügung hat. „Wir konnten viele Stammspieler halten und haben uns mit qualitativ guten und auch erfahrenen Leuten ergänzt“, so der Sportdirektor. Für Aufsehen sorgte die Verpflichtung des einstigen Erstligaspielers und Düsseldorfer Urgesteins Andreas „Lumpi“ Lambertz, der 13 Jahre für Fortuna Düsseldorf spielte. Er soll mit seiner Erfahrung den Dynamos wichtigen Halt geben.

Das wird auch wichtig sein, wie Minge weiß: „Durch die vielen ehemaligen Oberligisten besteht viel Brisanz, die Liga ist auch mit einigen starken Westklubs wie Kiel oder Wehen Wiesbaden brutal ausgeglichen.“ Dass Dresden dieses Mal als Aufstiegsfavorit angesehen wird, stört den Sportdirektor nicht. „Das ist das übliche Schattenboxen und oft ein Ablenken von den eigenen heimlichen Ambitionen. Wir aber verstecken uns nicht.“

Auch Karsten Heine, 60, ist wie Minge von der DDR-Oberliga geprägt. Der Cheftrainer des Drittligisten Chemnitzer FC bestritt einst 170 Oberligaspiele für den 1. FC Union Berlin und 68 Einsätze für Stahl Brandenburg. Auch für ihn ist Dresden der Favorit. „Sie haben sich sehr gut verstärkt und mit der ungeheuren Wucht ihrer Fans sollten sie oben landen.“ Heine erwartet „gerade wegen der vielen Ostderbys eine sehr reizvolle und attraktive Saison. Diese Dritte Liga ist auch spielerisch sehr gut, der Abstand zu vielen Zweitligaklubs gar nicht so groß.“ Chemnitz, das bald ein neues attraktives Stadion erhält, landete in der Vorsaison auf dem fünften Platz. „Das ist eine hohe Messlatte“, sagt Heine, „aber wir wollen uns weiter verbessern und weit oben dabei sein.“ Dafür spricht, dass Heine in seinem Team mit Anton Fink, 27, den Rekordschützen der Dritten Liga hat. 86 Treffer stehen in Finks Vita. Heine hat ihn wohl auch deshalb zu seinem Kapitän ernannt.

Derbys in Dauerschleife

Gespannt sind nicht nur Heine und Minge auf den Aufsteiger 1. FC Magdeburg. Der einzige Europacupsieger der DDR (2:0 im Finale gegen den AC Mailand im Jahr 1974) ist nach 25 Jahren Abstinenz zurück im Profifußball. Die Erwartungen des Anhangs sind riesig. 17 000 Karten gingen bereits für das erste Duell gegen Erfurt an glückliche Fans, der Dauerkartenverkauf – bislang 6 000 – wurde sogar für einige Tage gestoppt.

Für Aufsehen sorgte auch der Zweitliga-Absteiger Erzgebirge Aue, früher ein Außenseiter in der DDR-Oberliga. Der neue Trainer Pavel Dotchev hatte vor Wochen nur noch vier Profis aus der Zweitligasaison zur Verfügung, dürfte nun aber nach einem enormen personellen Umbruch ein ordentliches Team beisammen haben. Seit dem Abstieg im Mai zeigten die Fans auch hier ihre Treue. 2 200 neue Mitglieder wurden gewonnen. Die Fans gehen in dieser Spielzeit sogar als Sponsor auf die Brust der Profis. „Kumpelverein – weil wir anders sind“, steht auf den Trikots. Darüber sind die Köpfe von Bergleuten zu sehen und die bekannten gekreuzten Hämmer. Mehr Verbundenheit zum Verein geht wohl kaum.

Noch ein statistisches Detail zum Schluss: Von den 38 Spieltagen gibt es laut Spielplan gerade einmal vier, an denen kein Ostderby über die Bühne geht. Turbulenter kann ein Klassentreffen nicht sein.