Emanuel Buchmanns ganz besonderes Talent fürs Klettern erstaunte selbst die tierischen Experten. In flottem Tempo kraxelte der deutsche Radprofi im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada vorbei an einer irritiert dreinschauenden Herde wilder Bergziegen, den Blick nach vorne gerichtet, das große Ziel vor Augen: Das Podium beim 105. Giro d’Italia.

Buchmann hat schließlich eine Rechnung zu begleichen mit der Italien-Rundfahrt. Schon im Vorjahr lag eine Top-3-Platzierung im Bereich des Möglichen, ehe ein heftiger Sturz das vorzeitige Aus bedeutete. Nun ist der Tour-Vierte von 2019 bereit für einen neuen Anlauf. Aber: Eine Bronchitis störte Buchmanns Vorbereitung auf die erste große Landesrundfahrt des Jahres. Sein deutscher Teamkollege Lennard Kämna sieht Buchmann dennoch „auf einem guten Weg“, wie er im „ARD-Tourfunk“ sagte.

Kämna zählt als Tour-Etappensieger zu den prominenten Fahrern der stark besetzten deutschen Mannschaft Bora-hansgrohe – und spielt dennoch eine untergeordnete Rolle. Das große Ziel der Mannschaft aus dem oberbayerischen Raubling ist das Podium in Verona, wo der Giro am 29. Mai nach 3410 Kilometern endet. Bora setzt dabei auf eine Dreierspitze aus Buchmann, dem Niederländer Wilco Kelderman und Zugang Jay Hindley aus Australien. Kelderman und Hindley standen 2020 beim Giro bereits auf dem Podest.

Dem Erfolg im Gesamtklassement und der Jagd nach Etappensiegen im hügeligen Terrain ordnet Bora beim Giro alles unter. Auf einen Sprinter verzichtet die Equipe. Stattdessen soll die Konkurrenz mit einer aggressiven und offensiven Fahrweise zermürbt werden, in den Bergen will Bora auf jede Situation reagieren können.

Buchmann könnte sich dabei früh als Anführer herauskristallisieren, wenn auf der vierten Etappe der Ätna auf Sizilien erklommen werden muss. Kelderman stürzte kürzlich bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, Hindley verzichtete erkrankt gar auf einen Start beim belgischen Klassiker – die Vorbereitung des Duos lief alles andere als optimal. Und obwohl Buchmann selbst noch nicht in Bestform ist, ist er zumindest in der ersten Woche der wohl stärkste der drei Bora-Kapitäne. Trotzdem, glaubt Kämna, wird es mit einem Podestplatz für Buchmann und Co. schwer: „Aber der Giro hat viele Gesichter, gerade in der letzten Woche kann viel passieren.“

Das gilt auch für die Rivalen im Kampf um das Rosa Trikot, deren Liste namhaft und lang ist. Zwar fehlt der kolumbianische Titelverteidiger Egan Bernal nach seinem schweren Trainingssturz im Januar. Sein Team Ineos Grenadiers schickt dennoch eine äußerst schlagkräftige Mannschaft um Olympiasieger Richard Carapaz ins Rennen. Der Ecuadorianer hat den Giro bereits 2019 gewonnen. Auch der Brite Simon Yates oder Miguel Angel Lopez aus Kolumbien dürften Buchmann das Leben schwer machen.