Für den Fußballlehrer Carlo Ancelotti war die Sache mit den ganz großen Erfolgen eigentlich schon erledigt. Entlassen im September 2017 beim FC Bayern, wo er mit seinem Franz-Beckenbauer-Ansatz („Geht’s naus! Spuit’s Fuaßboi!“) die zuvor von Pep Guardiola in allen Facetten gebimsten Spieler gegen sich aufgebracht hatte. Entlassen im Dezember 2019 auch beim SSC Neapel, wo er sich bei einem Spielerboykott gegen ein vom Präsidenten befohlenes Straftrainingslager leidenschaftslos gegeben und damit seinen Rauswurf provoziert hatte. Und gleich im Anschluss ließ sich der Italiener auf die Mittelmäßigkeit des FC Everton ein, ohne Aussicht auf den Gewinn eines prestigereichen Wettbewerbs.

Zur 35. Meisterschaft gecoacht

Es sah also tatsächlich danach aus, als würde „Mister titoli“, wie sie Ancelotti in seiner Heimat nennen, nie mehr einen großen Titel gewinnen. Zu lasch, zu eindimensional in seinem Coaching, hieß es von den Kritikern. Dann aber meldete sich Real Madrids Präsident Florentino Pérez, der im Sommer 2021 bei der Suche nach einem Nachfolger von Zinédine Zidane in Zeitnot geraten war und letztlich auf seinen alten Kumpel zurückgriff.

Warum Ancelotti? Das fragten sich nicht nur die Madridistas. Aber siehe da: Im Mai 2022 ist Ancelotti als Trainer vollauf rehabilitiert. Der 62-Jährige hat Real zur 35. Meisterschaft gecoacht und steht mit den Königlichen, bei denen er bereits von 2013 bis 2015 in der Verantwortung gestanden hatte, im diesjährigen Endspiel der Champions League. Anstoß: Sonnabend, 21 Uhr. Gegner ist der FC Liverpool.

Ancelotti, der als einziger Trainer in allen fünf großen europäischen Ligen die Meisterschaft gewonnen hat, als Trainer zum fünften Mal (Rekord) im Champions-League-Finale steht und als Trainer schon dreimal (ebenfalls Rekord) den Henkelpokal in Händen hielt, wollte nie das Spiel an sich verändern, wie Pep Guardiola, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel das in ihrem Wahn zuletzt getan haben. Nein, er wollte nur die wichtigen Spiele gewinnen, mit Spielern, die es zu schätzen wissen, wenn sie nicht wie Schüler oder Erfüllungsgehilfen behandelt werden, sondern wie Profis, die Raum zur freien Gestaltung brauchen. Ancelotti ist also nicht unbedingt ein Trainergenie, aber ein großartiger Typ, der auf geniale Weise zu führen weiß.