Auch er ist in der Bundesliga angekommen: Schlussmann Rafal Gikiewicz.
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Berlin-KöpenickDeutschland ist das Land der Torhüter. So jedenfalls ist die Meinung landauf und landab. Namen wie Jürgen Croy im Osten und Sepp Maier im Westen, René Müller hier und Oliver Kahn da und jetzt vor allem Manuel Neuer stehen dafür, dass es im schwarz-rot-goldenen Land ständig jemanden gegeben hat, der den Ball besser fangen und fausten konnte als die meisten anderen in Europa und sogar in der Welt.

Aber: Ist das trotz vier Weltmeisterschaften noch immer so? Hat nicht vielleicht ein Wandel stattgefunden? Haben die deutschen Schlussmänner die Dominanz verloren, selbst wenn Marc-André ter Stegen beim FC Barcelona und Bernd Leno beim FC Arsenal auch außerhalb der Bundesliga als Nummer 1 gelten? Wie steht’s um den Ballfänger Made in Germany allgemein?

Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Schaue ich auf die Startformationen aller Erstligisten vom zurückliegenden Wochenende, dann fällt mir auf: Die deutschen Nummer 1-Helden sind keine aussterbende Spezies, zumindest aber auf dem Rückzug. Nur sieben der 18 Torhüter haben einen deutschen Pass, wobei die Fans in allen Stadien Manuel Neuer von den Bayern und Alexander Nübel, den Schalker, wohl kennen, den Kölner Timo Horn und den Hoffenheimer Oliver Baumann vielleicht auch. Wer aber weiß, für wen Leopold Zingerle, Felix Wiedwald und Robin Zentner im Kasten stehen, wenn die Anhänger nicht gerade aus Paderborn, Frankfurt und Mainz sind?

Wie im Großen, nämlich international, gibt es diese Entwicklung auch eine Etage tiefer, in der höchsten deutschen Spielklasse nämlich. Womit ich beim Aufsteiger wäre, beim 1. FC Union. Auf starke Schlussmänner haben sich die Eisernen schon immer verlassen dürfen, auf Rainer Ignaczak etwa und Wolfgang Matthies. Mit beiden habe ich einst zusammengespielt und weiß: Es waren die besten Torhüter, mit denen ich jemals in einer Mannschaft stand.

Ronny Teuber, Martin Pieckenhagen, Oskar Kosche, Sven Beuckert, um nur einige zu nennen, haben diese Tradition fortgeführt. Sie alle haben Verdiente um diesen einmaligen Verein. Teuber ist Nationalspieler geworden und Pieckenhagen hat in der Bundesliga Karriere gemacht, Kosche ist einer der Väter des eisernen Aufschwungs und Beuckert der Elfmeterheld, mit dem 2001 der Sprung ins DFB-Pokalfinale gelang.

Im Schatten von Szczesny

Inzwischen aber gehen die Eisernen den Deutschland-Trend mit. Mit Jakob Busk, dem Dänen, begann es, seit anderthalb Jahren ist Rafal Gikiewicz die Nummer 1, die souveräne zumal. In drei Spielen hielt er nun schon seinen Kasten sauber. Vor genau zwei Monaten, beim 1:2 gegen Eintracht Frankfurt am 27. September, hat er zu Hause letztmals hinter sich greifen müssen. Mit anderen Worten: Auch Gikiewicz ist in der Bundesliga angekommen, seine glänzende Rettungstat gegen Mönchengladbachs Torjäger Alassane Plea beim 2:0 gegen den Tabellenführer ist der letzte Beweis dessen.

Woanders wäre Gikiewicz, wie seine Bundesligakollegen Yann Sommer in der Schweiz, Peter Gulacsi in Ungarn oder Lukas Hradecky in Finnland, wahrscheinlich längst die Nummer 1 auch im Nationalteam. Ist er aber nicht, weil vor ihm andere stehen oder standen. Artur Boruc zum Beispiel, 37 zwar schon, aber noch immer aktiv, hatte seine größte Zeit bei Celtic Glasgow, Lukasz Fabianski war sieben Jahre beim FC Arsenal und Wojciech Szczesny steht bei Juventus Turin im Kasten.

Stellt sich die Frage: Läuft Polen Deutschland den Rang als Land der Sahne-Keeper ab, zumal es zwischen Oder und Weichsel von Torhüter-Talenten nur so wimmelt? Selbst wenn, für den 1. FC Union wäre das alles andere als schlimm. Die Eisernen haben die Zeichen der Zeit erkannt und auf die Zukunft gesetzt. Kaum auszudenken, Gikiewicz würde am Freitag auch auf Schalke, erstmals auswärts dann, die Null festhalten.