Zugang Taiwo Awoniyi ist einer der großen Hoffnungsträger beim 1. FC Union. Ob er den Erwartungen standhalten kann?
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BerlinUnions Trainer Urs Fischer zu verstimmen ist eine ganz einfache Angelegenheit. Entweder fragt man ihn nach einzelnen Protagonisten, was er als getreuer Verfechter des Kollektivs und unverdächtig jeglichen Personenkults so überhaupt nicht mag. Oder aber man konfrontiert ihn mit Gedanken, die über die unmittelbar anstehende Aufgabe hinausgehen und ein Abwägen verlangen, was denn besser wäre, um kommende Woche zu punkten. 

So gesehen hat sich dieser Tage ein Reporter von Reuters-TV wenig beliebt beim eisernen Chefcoach gemacht. Dessen Frage, ob es nicht sinnvoll sei, das Spiel in Gladbach experimentell zu nutzen, um sich für den Kick darauf gegen Mainz – „das vermeintlich wichtigere Spiel“ – besser eingespielt zu wissen, war für Fischer ein Ding der Unmöglichkeit. Abschenken? Ein Punktspiel? Weil die Aussichten gering sind, am Niederrhein zum Erfolg zu kommen? Das ist in Fischers Welt unmöglich. Also so eine Haltung oder Denke überhaupt in Erwägung zu ziehen. „Nein, also zumindest nicht in einem Gedanken. Gladbach ist das Spiel, was ansteht. Darauf konzentrieren wir uns. Auch da versuchen wir zu punkten. Das gilt es, im Fokus zu haben. Wenn das Spiel gespielt ist, werden wir uns mit Mainz beschäftigen“, erteilte der 54-Jährige dem Fragesteller eine deutliche Abfuhr.

Als bodenständiger Übungsleiter ist Fischer keiner, der Luftschlösser baut, nach dem Motto: Was wäre wenn?  Und auch wenn er um die Schwere der Aufgabe weiß („Wir brauchen einen perfekten Tag“), ist er keiner, der von vorneherein die Flinte ins Korn wirft. Das wäre für ihn unsportlich. Ein grober Verstoß gegen den Sport als solchen.

Für 90 Minuten ist er sicher noch nicht bereit.

Urs Fischer über Max Kruse

Die Hoffnung, dass man auch als krasser Außenseiter etwas am Niederrhein ausrichten kann, nährt sich beim Schweizer Fußballlehrer aus zwei Komponenten. Zum einen wäre da Max Kruse, der am vergangenen Wochenende ja mit seiner Einwechslung gegen Augsburg erstmals seit März dieses Jahres Minuten auf die Uhr bekam, auch wenn es mit deren 19 nicht allzu viele waren. Doch Fischer weiß, dass der Kreativspieler Tag für Tag näher an sein Ziel („Ich will der Mannschaft helfen“) heranrückt. „Das in Zahlen zu fassen ... Ich glaube, wenn man eine solch lange Zeit nicht im Training war, aus dem Spielrhythmus ist, braucht es dann eben auch ein bisschen. Aber zumindest konnte er auch diese Woche wieder – und das ohne Schmerzen – alle Trainingseinheiten mitmachen“, so Fischer zu seinem Königstransfer. Man wird also Kruse in Gladbach sehen, wenn auch nicht in der Startelf. „Für 90 Minuten ist er sicher noch nicht bereit. Aber er ist weiter als vor einer Woche“, stellte Unions Chefcoach klar.

Komponente Nummer zwei ist ebenfalls in der Abteilung Attacke angesiedelt. Natürlich geht es dabei um Zugang Taiwo Awoniyi. Der 23-jährige Mittelstürmer aus dem Hause des vormaligen Champions-League-Siegers FC Liverpool soll die Lücke in der Angriffszentrale ein wenig kleiner machen, die durch den Abgang von Sebastian Andersson nach Köln – für immerhin sechs Millionen Euro – und den sich immer noch mit Knieproblemen herumplagenden Anthony Ujah entstanden ist. 

Awoniyi vor Startelfdebüt

Bereit dafür scheint der Nigerianer zu sein. Ungeachtet der Tatsache, dass ihm nach zwei, drei Einheiten mit dem Team natürlich noch ein wenig die Bindung zu den neuen Kollegen fehlen muss. Entscheidend aber ist ja sowieso auf dem Platz. „Ich habe Taiwo absolut positiv erlebt. Er hat sich schnell zurechtgefunden. Er hat schnellstmöglich unsere Prinzipien verinnerlicht und uns den Eindruck vermittelt, dass er spielbereit ist. Ich werde mir das beim Abschlusstraining noch mal genau anschauen, aber er ist schon ein Kandidat für Sonnabend“, verriet Trainer Fischer und gab im gleichen Atemzug auch noch preis, welche Sonderbehandlung der 1,83 Meter große, bullige Angreifer in den vergangenen Tagen erfahren hat. „Mit ihm haben wir auch individuell gearbeitet, weil wir es als wichtig erachten, dass er unsere Prinzipien verinnerlicht“, so Fischer. Das weckt natürlich Erwartungen.

Erschrecken aber werden sich die Borussen darüber sicherlich nicht, nur weil der Nigerianer vom ruhmreichen FC Liverpool stammt. Klingt zwar verheißungsvoll als Drohkulisse. Wobei man aber mit Fug und Recht darüber streiten könnte, ob Awoniyi als LFC-Spieler zu führen ist. Sicher, die Besitzverhältnisse sagen das aus. Aber in den fünf Jahren seit Überschreitung der Adoleszenzschwelle hat der U23-Nationalspieler zwar viele Kicks bestritten, aber eben noch keins im Dress der Merseysider.