Sie bezeichnet sich selbst auf ihrem Twitter-Account als „The Smiling Fighter“, also als die lächelnde Kämpferin, und gibt an, dass sie achtmal gefallen und neunmal wieder aufgestanden sei. Zudem verweist sie kurz und knapp darauf, dass sie mal im Finale von Wimbledon stand und noch immer den Weltrekord für den härtesten jemals im Frauentennis ins Feld gebrachten Aufschlag hält: 131 mph ist gleich 211 km/h.

Dies und ihre wuchtige Vorhand haben ihr als junge Erwachsene, also zu Zeiten, als sie als gerade mal 20-Jährige von den Boulevard-Medien gar als die „neue Steffi Graf“ gefeiert wurde, den Spitznamen „Bum-Bum-Bine“ eingebracht. Ein Spitzname, der, wie sie selbst mal gesagt hat, ganz gut zu ihrem Spiel passen würde, aber – und das hat sie nicht gesagt – letztendlich doch der Despektierlichkeit verdächtig ist.

Nervenflattern im Finale

Es geht natürlich um Sabine Lisicki. Um die Frau, die weiß, was es bedeutet, einen nichtlinearen Karriereweg hingelegt zu haben. Die 2013 mit ihrem Auftritt beim Grand-Slam-Turnier im All England Club zu Wimbledon ganz Deutschland begeisterte, fast ganz oben war, aber im Finale des prestigeträchtigsten Tennisturnieres der Welt das Nervenflattern bekam und in zwei Sätzen der Französin Marion Bartoli unterlegen war.

Die danach, sportlich und privat, allerlei düstere Stunden erlebt, aber nicht klein beigegeben hat. Ja, Sabine Lisicki, inzwischen 32 Jahre alt, will nach einer 18-monatigen, durch eine schwere Knieverletzung bedingte Pause noch mal das Glück eines gewonnenen Spiels, eines gewonnenen Satzes, eines gewonnenen Matches spüren. Und das natürlich gleich mal am kommenden Sonnabend, wenn sie im Rahmen des wirklich sehr gut besetzten Rasenturniers auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß Berlin, draußen im Grunewald, in der Qualifikationsrunde ihr erstes Spiel bestreitet.

„Ich freu mich unglaublich, in Berlin zu spielen, vor Freunden, vor meiner Familie. Hier in meinem Heimatverein, da, wo mein Weg begonnen hat – und das auch noch auf Rasen“, sagte sie in einer virtuellen Medienrunde am Donnerstag. Sie wolle das genießen, aber im Turnier freilich auch möglichst weit kommen. Denn: „Ich geh ja grundsätzlich auf den Platz, um das Match zu gewinnen. Wenn das nicht der Fall wäre, wäre ich hier fehl am Platz.“ Und überhaupt: „Ich muss hier niemandem etwas beweisen. Dafür bin ich nicht da. Ich habe eineinhalb Jahre hart gearbeitet, um hier mitspielen zu können. Das war ein riesengroßes Ziel, die Perspektive, die mir Kraft gegeben hat. Und nun will ich hier meiner Leidenschaft freien Lauf lassen.“

Die Top 100 als Ziel

Ihre mittelfristigen Ziele hatte sie schon vor vier Wochen, nachdem sie bei zwei kleineren Turnieren in den USA erstmals wieder auf dem Platz gestanden hatte, klar formuliert: Sie will zurück unter die Top 100 der Welt, an Grand-Slam-Turnieren teilnehmen. Was bescheiden klingt, aber ob der schwerwiegenden Verletzung, die sie im November 2020 beim WTA-Turnier in Linz erlitten hatte, und ob der nicht unproblematischen Reha im Anschluss doch eine große Herausforderung darstellt.

Unhappy Triad lautete damals die Diagnose, es war in ihrem linken Knie also nicht nur das vordere Kreuzband, sondern auch der Meniskus und ein Außenband gerissen, was für den einen oder anderen Profisportler schon mal das Ende der aktiven Laufbahn zur Folge hat. Aber nicht für Lisicki, die sich in den vergangenen Jahren wiederholt zu langfristigen Auszeiten gezwungen sah. Immer wieder bereitete ihr die rechte Schulter Probleme, immer wieder gab es Komplikationen an Sprung- und Kniegelenk, 2019 erkrankte sie am Pfeifferschen Drüsenfieber.

Nach dem Unglück von Linz habe sie nicht eine Sekunde an ein Karriereende gedacht, nach einer dreistündigen Operation allerdings bei null begonnen, um sich in den vergangenen sieben Monaten in Florida an der Academy von Nick Bollettieri schließlich wieder in eine konkurrenzfähige Form zu bringen.

Über die sozialen Medien kontaktiert

Woher sie die Kraft für das Comeback genommen habe, wisse sie selbst nicht, erklärte sie den zahlreichen Reportern in der virtuellen Runde, sie sei aber eben auch ein sehr, sehr starker Mensch, „was man nicht immer sieht, weil ich auch ein sehr emotionaler Mensch bin. Für mich war aber immer klar, dass ich zurückkommen werde. Sicher, wenn der Gang vom Schlafzimmer zum Bad zum Marathon wird, ist das nicht einfach. Aber ich habe auch immer wieder, was enorm wichtig war, aus meinem Umfeld Unterstützung bekommen.“

Und nicht nur das. Wie sie berichtete, habe auch Lindsey Vonn, die ehemalige Ausnahme-Skirennläuferin, ihren Teil zum wiedergewonnenen Glück beigetragen. Sie habe Vonn über die sozialen Medien kontaktiert, weil die US-Amerikanerin, die nach einer vergleichbaren Verletzung wieder zahllose Rennen gewonnen hatte, im Hinblick auf die Bewältigung einer Krise eine „große Inspiration“ gewesen wäre.

Der Austausch sei sehr, sehr hilfreich gewesen, sagte Lisicki, die eine weitere wichtige Lehre für ihr Leben aus den vergangenen Monaten gezogen hat. „Es ist für mich – wie für viele andere Menschen – nicht leicht, Hilfe anzunehmen, aber das muss man dann auch zulassen“, sagte sie und lächelte wie eine Kämpferin, die auch für das Leben nach dem Tennis bestens gewappnet zu sein scheint.