Salomon Kalou kehrt Hertha BSC den Rücken.
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Berlin-WestendExakt zweieinhalb Stunden vor Trainingsbeginn bei Hertha BSC am Sonntag nach Weihnachten sorgte eine Meldung für Aufsehen, die allerdings nicht ganz unerwartet kam: Der Bundesligist hat seinen Stürmer Salomon Kalou, 34, freigestellt. Der Ivorer fehlte also um 16 Uhr bei der ersten Übungsstunde vor dem Rückrunden-Auftakt, die die Berliner Profis nach dem vom neuen Cheftrainer Jürgen Klinsmann verkürzten Weihnachtsurlaub im Kraftraum auf dem Laufband absolvierten. Er wird auch nicht mit ins Trainingslager nach Orlando/Florida reisen, wo sich Hertha vom 2. bis 9. Januar fit machen wird. Wie der Verein bestätigte, soll Kalou Zeit bekommen, um sich einen neuen Verein zu suchen. Er selbst war bei Manager Michael Preetz vorstellig geworden und hatte um seine Freigabe gebeten.

Der 97-malige Nationalspieler der Elfenbeinküste galt schon länger als Streichkandidat unter Klinsmann, aber auch unter dessen Vorgänger Ante Covic erlebte Kalou bereits den persönlichen Abstieg zum Edelreservisten. Viermal wechselte ihn Covic in dieser verkorksten Hinrunde ein, nur einmal – am zweiten Spieltag bei der 0:3-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg – stand Kalou in der Startelf, wurde nach 70 Minuten vom Platz geholt. Ein Treffer gelang ihm beim 2:3 gegen die TSG Hoffenheim und Klinsmann setzte ihn nur bei seinem eigenen Debüt als Trainer der Hertha Anfang Dezember gegen Borussia Dortmund ein – für die letzten 12 Minuten kam er für Vladimir Darida. Dass es die letzten zwölf Minuten im Trikot von Hertha für den einstigen Stürmer von Weltgeltung waren, ahnte damals noch niemand wirklich.

Hertha will Santiago Ascacibar verpflichten

Klinsmann setzt in der Offensive vor allem auf Davie Selke im Zentrum und auf Javairo Dilrosun und Marius Wolf auf den Außenbahnen – und natürlich auf Dodi Lukebakio. Kalou, stets ein umgänglicher und sehr freundlicher Profi, beliebt bei Fans wie Journalisten, ahnte aber, dass er keine Zukunft mehr in Berlin haben würde. Sein Vertrag läuft im Juni aus und es ist wahrscheinlich, dass er in der am 1. Januar beginnenden Transferphase einen neuen Arbeitgeber finden wird. Vielleicht, so wird vermutet, zieht es ihn zurück zu Feyenoord Rotterdam, wo 2003 seine erfolgreiche Karriere begann.

Der Weggang des Ivorers wird nur der Startschuss für umfangreiche Umbauarbeiten im Kader sein. Noch befindet sich die Mannschaft im Abstiegskampf, soll aber schnell personell für höhere Ziele – sprich Europacup – aufgerüstet werden. Beinahe jeden Tag gibt   Meldungen über mögliche Zugänge. So soll der Schweizer Nationalspieler und ehemalige Kapitän vom FC Arsenal, Granit Xhaka, 27, nach Berlin kommen. Es wird wohl um die Ablöse gefeilscht, die zwischen 25 und 30 Millionen Euro liegen soll. Und das jüngste Gerücht besagt, dass der 22 Jahre alte Argentinier Santiago Ascacibar vom Zweitligisten VfB Stuttgart schon in den nächsten Tagen zu Hertha wechseln wird. Der defensive Mittelfeldmann, ein „giftiger Spieler“, wie Beobachter ihn beschreiben, soll dem Vernehmen nach einen Vertrag bis 2024 erhalten und rund zehn Millionen Euro Ablöse kosten.

Die Preise für gute Spieler sind rasant gestiegen. Das zeigt im Vergleich ein einst begehrter Profi wie Salomon Kalou. Als Hertha ihn 2014 verpflichtete, kostete er lediglich zwischen 2,5 und drei Millionen Euro Ablöse an den finanziell klammen OSC Lille aus Frankreich, wohin Kalou nach seinen sechs erfolgreichen Jahren beim FC Chelsea in London (156 Spiele und 36 Tore zwischen 2006 und 2012) gewechselt war. Bei Chelsea gewann er an der Seite seines kongenialen Landsmannes Didier Drogba einen Pokal nach dem anderen und im berühmten „Finale dahoam“ in München gegen den FC Bayern die Champions League. Auch Kalous Leistungen bei Hertha können sich sehen lassen. In 151 Erstligaspielen schoss er 48 Tore und liegt damit auf Platz fünf der klubinternen Torjägerliste.

Salomon Kalou engagiert sich in Afrika

Der Mann mit dem Zeug zum Publikumsliebling, der er einige Zeit auch war, ist kein stromlinienförmiger Profi, er ist ein Spieler, der eine eigene Meinung vertritt und soziales Engagement lebt. Kalou stammt aus einem kleinen Dorf in der Elfenbeinküste und weiß, dass nur wenige junge Männer den Sprung zum hochbezahlten Fußball-Profi schaffen. Es gibt sogar einen Film über Kalou, eine 50-minütige Dokumentation mit dem Namen „L’Elephant cheri“ (Der geliebte Elefant). Der Titel leitet sich vom Spitznamen der Nationalelf der Elfenbeinküste ab und zeigt etwa den Entwicklungshelfer Kalou, der mit seiner Stiftung den Bau von Dialysezentren in seiner Heimat ermöglichte und viele sportliche Angebote für Waisenkinder ins Leben rief.

Noch eine Episode beschreibt den Profi trefflich. Am 6. Oktober 2015 traf Kalou bei einem 3:1-Auswärtssieg in Hannover dreimal. Während des Spiels hatte er eine Kopfverletzung erlitten und spielte fortan mit einem blau-weißen Turban auf dem Kopf – ähnlich wie einst Dieter Hoeneß beim FC Bayern. Nach Kalous großem Auftritt plünderten viele Fans ihre Rot-Kreuz-Köfferchen und deckten sich mit Binden ein, die für einen Turban geeignet sind. Vor dem folgenden Heimspiel gegen Hoffenheim konnten sich zudem die Fans von Hertha-Mitarbeitern einen Kalou-Turban um den Kopf wickeln lassen. Der Erlös von jeweils fünf Euro ging an die Kalou-Stiftung.

Mit Kalou verliert Hertha BSC einen charismatischen Profi, der ein wenig Glanz und Glamour in den Verein brachte und die Ostkurve oft begeisterte. Viele werden ihn vermissen.