Theo Reinhardt (l.) und Morgan Kneisky brachten sich schon in Bremen gegenseitig in Schwung.
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BerlinWird es Roger Kluge oder Maximilian Beyer? Vielleicht der junge Moritz Malcharek? Oder gar ein ausländischer Spitzenfahrer? Selten musste der Berliner Madison-Spezialist Theo Reinhardt so lange warten, bis sein Partner für die Sixdays in Berlin feststand. And the winner is ... Morgan Kneisky. Der 32-jährige Franzose ist alles andere als ein Unbekannter im Radsport. Er ist wie Theo Reinhardt ein Madison-Spezialist. Gleich drei Mal (2013, 2015 und 2017) wurde er Weltmeister im Zweier-Mannschaftsfahren, hinzu kommt der Titel im Scrach. Das verspricht einiges für die sechs Tage im Velodrom.

Den Startschuss für die 109. Auflage gibt heute um 20.45 Uhr der 14-fache Tour-de-France-Etappensieger Marcel Kittel. Neben dem Elitefeld im Madison sind auch wieder die Sprinter um den achtmaligen Berlin-Sieger Maximilian Levy am Start. Bei den Frauen fährt Olympiasiegerin Miriam Welte ihr Abschiedsrennen. Ihre härtesten Gegnerinnen kommen in Emma Hinze, Pauline Grabosch und Lea Sophie Friedrich aus dem eigenen Land. Für ein weiteres Ausrufezeichen will der Berliner Robert Förstemann sorgen, der Anfang 2019 zum Paracycling gewechselt war. Er plant mit seinem sehbehinderten Partner Kai Kruse auf dem Tandem einen Rekordversuch über 1 000 Meter. Insgesamt sind bis zum 28. Januar rund 1 000 Profis und 300 Nachwuchsathleten am Start.

Theo Reinhardt hatte die Sixdays Berlin im Vorjahr zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Stammpartner Roger Kluge gewonnen. Woran er sich noch heute gern erinnert: Mit einer fulminanten Schlussattacke 13 Runden vor dem Ziel hatten sich die beiden an die Spitze des Feldes gesetzt und diese nicht mehr abgegeben. Schon eine halbe Runde vor dem Ziel, berichtet Reinhardt, habe er damals „das absolute Glücksgefühl rausgebrüllt“. Natürlich würde er das gerne wiederholen. Morgan Kneisky ist für ihn kein Unbekannter. Vor einigen Wochen fuhren sie bereits beim Bremer Sechstage-Rennen gemeinsam, „doch ich musste vorher wegen einer starken Erkältung aussteigen“. Nun also wieder der Franzose. „Ich habe einen sehr guten Partner bekommen“, kommentiert Reinhardt. „Angesichts unserer WM-Titel“ – auch Reinhardt ist Doppelweltmeister im Madison – „sind wir in Berlin die Favoriten.“ In welcher Sprache sie sich verständigen würden? Reinhardt: „Für uns gibt es in Berlin nur ein Kommando: Allez!"

Schwierige Wunschkandidatenwahl

Bei allem Respekt für seinen Partner verhehlt Reinhardt aber nicht, dass er gerne auch mit einem deutschen Fahrer angetreten wäre. „So ein Duo mit zwei Lokalmatadoren aus Berlin, das hätte doch was für das Publikum“, sagt er. „Es war in diesem Jahr sehr schwierig, die Wunschkandidaten zu verpflichten“, erklärt der Sportlicher Leiter der Sixdays, Dieter Stein, der gleich mehrere Ausfälle beklagt. Das betraf eben auch Reinhardt. Nachdem Stammpartner Kluge frühzeitig aufgrund seines Einsatzes bei der Tour Down Under in Australien absagen musste, sollte Reinhardt eigentlich mit dem Berliner Maximilian Beyer starten. Beyer muss aber am Wochenende beim letzten Bahn-Weltcup in Kanada fahren, um dort einen deutschen WM-Startplatz abzusichern.

So bleibt Reinhardt wieder einmal allein zu Haus. Doch schon Anfang Februar werde er sich gemeinsam mit Kluge auf den nächsten Höhepunkt vorbereiten: Die Bahnrad-WM in Berlin und die Olympischen Spiele im August in Tokio. Was nicht so ganz selbstverständlich ist. Anfang Oktober nämlich hatte sich Kluge einer Herz-Operation unterziehen müssen. Der Grund war ein sogenannter PFO-Defekt – eine kleine Öffnung zwischen den Vorhöfen des Herzens. In den meisten Fällen ist ein solcher Defekt unproblematisch. Er erhöht jedoch das Risiko für einen Schlaganfall, was Kluge bereits im März 2018 erfahren musste. Kurz nach dem Gewinn des ersten Weltmeistertitels im Madison mit Theo Reinhardt hatte er einen leichten Schlaganfall erlitten. Kluge hatte daraufhin vorsichtshalber auf einige geplante Radrennen verzichtet, war aber 14 Tage später bereits wieder beim Radklassiker Paris-Roubaix dabei und feierte anschließend trotz des Handicaps Erfolge. Unter anderen eben jenen Triumph bei den Sixdays vor einem Jahr mit Reinhardt und den zweiten Weltmeister-Titel im Madison im März 2019 ebenfalls mit dem Berliner. Im Sommer fuhr Kluge die Tour de France mit. Danach allerdings hatte sein Teamarzt vom belgischen Rennstall Lotto Soudal dem Deutschen geraten, sich der OP am Herzen zu unterziehen.

„Für mich war das schon ein Schock“, berichtet Reinhardt. Kluge sei nicht nur sein sportlicher Partner, sondern ein sehr guter Freund. „Wir haben stets Kontakt, so war das auch vor und nach der OP. Alles ist zum Glück gut gelaufen und Roger schon wieder in guter Form.“ Die wird er brauchen. Denn 2020 soll für beide zu einem sehr erfolgreichen Jahr werden. Reinhardt: „Wir wollen bei der WM und den Olympischen Spielen in Tokio um die Medaillen mitfahren.“