War es die Furcht vor der drohenden Abwahl, die Furcht vor den damit womöglich einhergehenden Anfeindungen, die er für die am kommenden Sonntag in der Halle 20 der Messe Berlin stattfindende Mitgliederversammlung zu erwarten hatte? Oder die Überzeugung, dass es nach 14 Jahren im Amt dann doch an der Zeit war, den Weg für einen Neuanfang freizumachen?

Oder hatten ihm die Männer aus den beiden Kontrollgremien des Klubs, also die Mitglieder des Aufsichtsrats des Gesamtvereins, aber auch die Mitglieder des Aufsichtsrates der von Investor Lars Windhorst inzwischen stark beeinflussten Hertha BSC GmbH & Co. KGaA den Abschied nahegelegt?

Es könnte von allem ein bisschen gewesen sein, was Werner Gegenbauer letztlich zum Rücktritt als Präsident von Hertha BSC bewogen hat. Am Abend bestätigte auch der Klub den Vorgang, nachdem er zunächst auf entsprechende Medienberichte noch mit einem Dementi reagiert hatte.

Unter Gegenbauer ist Hertha keinen Schritt weitergekommen

Es ist ein längst überfälliger Rücktritt, muss an dieser Stelle gleich ergänzt werden, weil der 71-Jährige eine letztlich desaströse Bilanz vorzuweisen hat. Unter seiner Führung hat der Traditionsklub die sich im Wachstumsmarkt Fußball bietenden Chancen und den Standortvorteil Hauptstadt nicht zu seinen Gunsten nutzen können.

Im Gegenteil, die Alte Dame ist unter Gegenbauer trotz des Investments der US-amerikanischen Beteiligungsfirma Kohlberg Kravis Roberts & Co, kurz KKR, und trotz des Investments der von Windhorst geführten Tennor-Holding B. V. keinen Schritt vorangekommen, wird inzwischen auch außerhalb von Berlin als ein in sich zerrissener Möchtegern-Großklub wahrgenommen.

Auch der Finanzvorstand verabschiedet sich aus der Verantwortung

Als ein Verein mit eklatanten Schwächen in der strategischen Führung, was im Jahr 2010, aber auch im Jahr 2012 konsequenterweise auch den Abstieg aus der höchsten deutschen Spielklasse, gleichwohl auf höchster Entscheidungsebene kein Umdenken zur Folge hatte. Ein neuerlicher Sturz in die Zweite Liga konnte am Montagabend ja erst durch ein 2:0 im Relegationshinspiel beim Hamburger SV abgewendet werden.

Die Ära von Gegenbauer, der aufgrund seines von einem Leben als erfolgreicher Unternehmer geprägten Selbstverständnisses sicherlich zu einem ganz anderen Schluss kommen wird, ist letztendlich eine Ära der Enttäuschungen. Ja, trotz seiner guten Verbindungen in die Berliner Wirtschaft und in die Berliner Politik ist es dem Boss der Gegenbauer-Unternehmensgruppe noch nicht einmal gelungen, mit dem Bau einer Fußballarena eine neue Heimat für den Klub zu schaffen.

Wenige Stunden vor ihm hatte sich schon mal Finanzvorstand Ingo Schiller aus vielleicht gar nicht so freien Stücken aus der Verantwortung genommen. Der 56-Jährige wurde über knapp 25 Jahre als der gute Geist im Verein angesehen, als derjenige, der in existenzbedrohlichen Situationen wiederholt einen Ausweg wusste. Der wie Gegenbauer aber bis dato auch nicht erklären konnte, wie man mit über 400 Millionen Euro, die die Deals mit KKR und Tennor gebracht haben, so wenig erreichen konnte.

Einer, der Windhorst zu nahe ist, darf es nicht sein

Hertha BSC ist jetzt erst mal führungslos, braucht aber flugs als Präsidenten eine neue Frontfigur, die mit einer zu Gegenbauer konträren Außendarstellung von allen akzeptiert wird, die einerseits die Basis versöhnt, andererseits mit Windhorst eine für alle Interessensvertreter im Klub zufriedenstellende Übereinkunft trifft.

Zwei Dinge sind im Hinblick auf die Wahl eines neuen Präsidenten jedenfalls klar: Einer, der Windhorst zu nahe steht, kann es im Sinne des Klubfriedens nicht sein. Und doch wird es ohne den Geldgeber, der für die Mitgliederversammlung eine richtungsweisende Rede angekündigt hat, mittelfristig am Schenckendorffplatz keinen sportlichen Erfolg geben können.

Hertha BSC versucht sich also aus einer durchaus riskanten Abhängigkeit heraus an einem kompletten Neustart, zu dem es infolge der jüngeren, doch so düsteren Vergangenheit keine Alternative geben kann.