Berlin - Um 23.10 Uhr am Dienstagabend kannte der Jubel keine Grenzen mehr bei den Frauen des TTC Berlin Eastside. Nach 2:40 Stunden war das dramatische Finale um die Tischtennis-Champions-League gegen Gastgeber Linz AG Froschberg mit 3:2 vom deutschen Meister gewonnen worden. Knapper konnte dieser Triumph nicht ausfallen. Am Ende lagen sich Shan Xiaona (37), Nina Mittelham (24), Britt Eerland (26) und Jessica Göbel (39) mit ihrer Trainerin Irina Palina in den Armen. In der zehnten Finalteilnahme in der Königsklasse war der fünfte Sieg gelungen. Eine grandiose Bilanz.

Im fünften und entscheidenden Duell des Abends lag alle Verantwortung auf den schmalen Schultern von Nina Mittelham, der deutschen Meisterin im Einzel. Sie bezwang in einem aufregenden Spiel Margarita Pesotzka in 3:2-Sätzen (4:11, 11:6, 11:9, 8:11, 6:4). Der fünfte Satz wurde im „Sudden Death“ entschieden, wobei nur bis zu sechs Punkten gespielt wird. Mit zittrigen Händen brachte Mittelham den Sieg nach Hause und riss ihre Arme in die Höhe.

Zuvor hatte Shan Xiaona, die nicht ihren besten Tag erwischte, Pesotzka mit 3:2 bezwungen, besaß aber gegen Liu Jia, die Europameisterin von 2005, beim 0:3 keine Chance. Mittelham unterlag zuvor gegen Sofia Polcanova, Europas Nummer eins, ebenfalls mit 0:3. Stark trumpfte Berlins Britt Eerland auf. Die Holländerin ließ Bernadette Szöcs keine Chance (3:0). Und dann musste es Mittelham richten.

Der TTC hatte in der Vorrunde alle drei Partien mehr oder weniger souverän gewonnen: 3:2 gegen Lille aus Frankreich, 3:1 gegen Cartagena aus Spanien und 3:0 gegen Do Juncal aus Portugal. Im Halbfinale gegen Metz TT aus Frankreich aber stand der Einzug ins Endspiel („unser Minimalziel“, so TTC-Manager Andreas Hain) auf Messers Schneide. Shan Xiaona (eine Niederlage, ein Sieg), Nina Mittelham (ein Sieg) und Britt Eerland (ein Sieg) sicherten in einer oft dramatischen Auseinandersetzung den 3:1-Erfolg. Anpassungsprobleme gab es etwa mit einer Neuerung: der entscheidende fünfte Satz in einem knappen Duell wird in Linz als „Sudden Death“ nur bis zu sechs Punkten ausgespielt. „Das ist gewöhnungsbedürftig“, sagte Trainerin Irina Palina.

Fünf Spiele auf höchstem Niveau binnen sechs Tagen stellten einen enormen Härtetest dar. Zum ersten Mal wurde die Königsklasse, die sonst über mehrere Monate in Gruppen mit Hin- und Rückspielen ausgetragen wird, in einem sogenannten „Bubble-Turnier“ entschieden. Das Corona-Virus war schuld. In Linz trafen elf der besten europäischen Mannschaften aufeinander und das unter strengsten Hygienevorschriften. Im Teamhotel waren zwei Etagen für die Spielerinnen reserviert, vom Hotel in die Sporthalle ging es per Shuttlebus. Die Schmetterkünstlerinnen bewegten sich in einer Blase, Zuschauer waren bei den oft hochklassigen Duellen nicht erlaubt. „Uns haben wegen des Modus natürlich wichtige Einnahmen gefehlt, unter anderem durch die Zuschauer bei den Heimspielen“, sagt TTC-Präsident Alexander Teichmann.

Es entstanden beim Turnier in Linz Kosten in Höhe von rund 10.000 Euro, auch weil wegen des Virus alle vier Spielerinnen individuell nach Österreich reisen mussten und nicht wie üblich in einem Fahrzeug. Bei der Ankunft musste ein negativer Test vorgelegt werden, während des Turniers gab es weitere Tests. Teichmann sagte, dass wichtige Sponsoren 80 Prozent der Zusatzkosten übernommen und auch somit das Projekt Champions League 2020 unterstützt sowie überhaupt erst ermöglicht haben.

Der neue Champion hätte ein sattes Preisgeld verdient gehabt, doch die Europäische Tischtennis-Union (ETTU) schüttete lediglich unabhängig vom Abschneiden an alle Teams eine Antrittsgage von rund 1000 Euro aus.

Der TTC Eastside wird nun seinen Triumph genießen und sich in der Winterpause, in der ein weiteres Mal Transfers erlaubt sind, für die Bundesliga und den nationalen Pokalwettbewerb noch einmal verstärken. Prominenter Zugang wird die schon 53-jährige Ding Yaping sein. Die gebürtige Chinesin mit deutschem Pass gehörte einst der chinesischen Nationalmannschaft an und wurde zweimal WM-Dritte im Doppel (1989 und 1991). Zuletzt spielte sie bei der DJK Kolbermoor in der Bundesliga eine gute Rolle. Dazu sollen vier weitere Asiatinnen kommen. Teichmann: „Der europäische Spielermarkt ist leer gefegt. Spielerinnen aus Asien können wir punktuell einsetzen. Die werden unsere hohe Qualität noch einmal anheben.“  Bleibt die Frage, wer den TTC dann noch schlagen soll?