Früher war es so. Ein Reporter erreichte den Ort seiner Recherche, nahm sich erst mal ein Taxi, und egal, was der Fahrer unterwegs zu erzählen hatte über Sport, Politik, Kultur oder irgendeine Wirtschaftskrise, es stand danach häufig in der Zeitung. Eine Stadtrundfahrt war nun mal der einfachste Texteinstieg. Und ein Small Talk der erstbeste Zugang zum Thema.

Seit den Fünfzigerjahren galt der Taxifahrer daher als verlässliche und immer verfügbare Quelle. Er war der kleine Mann, der sich auskannte auf der Straße. Er war eine für faule Journalisten repräsentative Stimme des Volkes. Doch das konnte ja allein schon deswegen nicht stimmen, weil in den allerseltensten Fällen eine Taxifahrerin zu Wort kam. Zuletzt haben die fahrenden Zitatlieferanten an Bedeutung verloren. Wer heute Volkes Stimme sucht, muss nicht mal die Redaktion verlassen, er filtert sie aus den sozialen Netzwerken.

Michael Preetz ist kein Journalist. Er ist Geschäftsführer bei Hertha BSC, und dort vorrangig verantwortlich für den sportlichen Erfolg. Zu seinem Aufgabenfeld gehören aber auch Kommunikation und Medien. Und vielleicht hat er bei der Mitgliederversammlung am Montagabend ja deshalb den alten Journalistentrick angewandt und von einer Begegnung mit einem Münchener Taxifahrer berichtet.

Dieser soll geschwärmt haben von dem tollen Fußball, den Hertha zurzeit spielt. Aber auch von dem neuen Weg, den der Verein eingeschlagen hat, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Teambusaufschrift („Eigentlich wollten wir mit dem Flieger kommen“) muss dem Taxifahrer besonders gut gefallen haben. Vielen in der Messehalle 11 gefällt er nicht.

Fehler einkalkuliert

So eine Mitgliederversammlung ist der größte anzunehmende Berührungspunkt, den es geben kann zwischen Klubspitze und Fanbasis. Man trifft sich zwei Mal im Jahr, und die Stimmung ist vor allem vom Tabellenplatz der Profifußballer abhängig. Aber eben nicht nur. Wann immer ein Redner am Montag Applaus einheimsen wollte, erwähnte er das Team, den Trainer, die sechs Heimsiege in Serie. Versuchte einer hingegen, für die neue Klubimagekampagne oder für Brandenburg als notwendigerweise zu prüfenden Standort für einen Stadionneubau zu werben, grummelte hier und da ein Magen. Manchmal gab es Pfiffe. Manchmal Zwischenrufe.

Preetz war der Basisauftritt wichtig. Er war vorbereitet. Er war angespannt. In kleinen Runden kann er frei sprechen. In so großen hält er sich an sein Skript. „Die Welt verändert sich“, sagte er einleitend und beschrieb zwei verschiedene Wege, wie man mit Veränderungen umgehen kann. Entweder: Verweigerung, Blockade, früher war alles besser. Oder: Mut, Lust auf Neues, aktive Mitgestaltung der Zukunft. Preetz ließ keinen Zweifel daran, dass zu dieser sich ja für alle sichtbar verändernden Welt auch der Fußball gehört. Dass vieles nicht bleiben kann, wie es mal war. Dass Hertha ein modernes Unternehmen werden muss. Stichunwort: digitale Transformation. Und dass der Verein eine gelebte Haltung braucht, eine Leitidee, wie er mit alldem umgehen soll.

Preetz hat wohl bewusst das vor dieser Saison von Werbesprechkünstlern erdachte Motto „We try. We fail. We win.“ weggelassen in seiner Rede. Er hat lieber davon gesprochen, dass Hertha ein Verein sei, „der in seiner Geschichte schon oft auf die Schnauze geflogen ist“– im Nachhinein ja vielleicht sogar fliegen musste, um daraus zu lernen. Und genau dieser Lernprozess, in dem Fehler einkalkuliert sind, also auch das Scheitern, soll die neue Vereinshaltung ausmachen. Nur dafür steht das Motto. Aber wahrscheinlich nicht mehr lange. Preetz hat ja in einem Interview mit dieser Zeitung erstmals angedeutet, dass We usw. nur für diese Saison gelten könnte.

Die Fans sind skeptisch

Die Klubführung hat nach all der Kritik durchaus verstanden, dass der Inhalt zwar richtig sein kann, aber nicht die Verpackung. Und auf die kommt es vielen Fans besonders an. (Wobei an dieser Stelle nicht noch einmal diskutiert werden soll, ob Pink ein Verrat an der Tradition ist und Orange auf der Auswechselbank suggeriert, dass da Fußballordner sitzen und nicht Fußballspieler.) Tradition lässt sich nun mal am besten in Traditionsfarben verpacken und in einer Sprache, die mehr eint als trennt. Vor allem: die nicht ausschließt.

Und genau das ist das Problem, das am Montagabend immer wieder auftauchte. Die Fans sind skeptisch, weil sie nicht eingebunden werden in Entscheidungsprozesse, die sie direkt angehen. Sie tragen die Trikots in ihrer Freizeit. Warum kann man sie vor der Saison also nicht abstimmen lassen über Farbe und Design? Bei so einer Umfrage wäre übrigens die Hemmschwelle, ein paar persönliche Daten preiszugeben wohl niedriger als bei einem Wettspiel. Und sie verkörpern den Verein, füllen das Stadion. Warum also können sie nicht selbst vorschlagen, welcher (lustige) Spruch zu ihnen am besten passt? Dazu braucht es keine Werbetexter. Und auch keine Münchener Taxifahrer.