Berlin - Ein mutiges Vereinsmitglied wagte es und bat um eine detailliertere Aufschlüsselung der Finanzzahlen: „Ist es in Zukunft zu erwarten, dass wir die Konzernsicht zu Gesicht bekommen?“ Dafür gab es eine Runde Applaus. „Für mich gilt als oberstes Gebot, den Verein zu schützen“, lautete die Replik des Präsidenten. Schöne Umschreibung für: nein.

Egal, wieder wurde geklatscht.  Auch andere kritische Nachfragen entkräftete Dirk Zingler mit Witz und Eloquenz. Viele waren es ja ohnehin nicht auf dieser Mitgliederversammlung des 1. FC Union, und wenn waren die Lacher auf Zinglers Seite. Das wirtschaftliche Argument griff an diesem Abend immer. Denn es erklärt, warum sich das Profi-Team in der Nähe der Versetzungsränge hält.

Erfolgreiches Unternehmen

Am Mittag hatte sich Dirk Zingler eine kurze Pause gegönnt. Genau eine Zigarette lang, oben vor der Präsidentenloge mit Blick auf den grünen Rasen, der den Bundesligaregularien nicht entspricht − zu kleiner Abstand zu den Tribünen. Mit Blick auch auf die Sitzschalen aus Plastik, die ebenfalls von nächstem Sommer an nicht mehr regelkonform sein werden − zu wenige sind es. Er blickte auf die Tribünen links, rechts und gegenüber, auf denen sich die Fans bei jedem Heimspiel so dicht drängen, dass an den Tageskassen immer häufiger  Leute frustriert abgewiesen werden. Ausverkauft.

Dass sich das Stadion an der Alten Försterei  verändern wird, war abends dann das Thema mit dem größten Aufregungspotenzial. Jede winzige Veränderung wird misstrauisch beäugt, schließlich haben die Mitglieder 140.000 unentgeltliche Arbeitsstunden  für den Bau der Stehplatztribünen geleistet, 2,7 Millionen Euro durch den Erwerb von Aktien für die Haupttribüne gegeben. Aber der Hinweis, dass die Pläne  mit Fangruppen diskutiert und im März/April Ergebnisse vorgestellt werden, reichte, um die 855 Anwesenden zu beruhigen.

„Lasst uns dafür sorgen, dass noch mehr Menschen unsere Idee von Fußball und unseren Verein im Herzen tragen“,  schloss Dirk Zingler. Seit seinem Amtsantritt im Juli 2004 ist aus einem maroden Fußballklub ein erfolgreiches Unternehmen geworden. 31,2 Millionen Euro hat der Verein in der abgelaufenen Saison eingenommen, in der aktuellen sollen es  3,2 Millionen Euro mehr sein. Der Lizenzspieler-Etat erreicht 2016/2017 einen aufstiegstauglichen Wert: 12,4 Millionen Euro. Und Erfolg stellt die Mehrheit zufrieden, auch wenn das Wachstum einer Minderheit Angst macht.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Unternehmen zu einem Konzern ausgewachsen. Das provoziert keinen Protest mehr. Auch weil  Zingler unangenehm klingende Dinge in so weichwarme Worte zu kleiden  vermag wie: „Der Verein ist die Mutti, und die Mutti hat das Sagen.“ Das ist an diejenigen gerichtet, die fürchten, dass sich Tradition und Werte in dem Unternehmensgeflecht verflüchtigen und Union verschwindet.

Auslöser des strukturellen Umbaus war 2015, dass der 1. FC Union die Spielerlaubnis für die Zweite Liga nur mit Bedingungen erhalten hatte, und es begann mit der Ernennung von vier hauptamtlichen Geschäftsführern. Es folgte die Gründung der hundertprozentigen Vereinstochter mit dem Namen „FCU Verwaltungs GmbH & Co. KG“, die sich um die Buchhaltung  aller mit dem Verein verbundenen Gesellschaften kümmert. Dazu gehört seit neuestem auch die „Alte Försterei Veranstaltungs  GmbH & Co. KG“.  „Dort soll kommerzieller Erfolg erzeugt werden“, kündigte Dirk Zingler an.

Mit Veranstaltungsorganisation, Catering und Ticketing. Bislang waren das die Haupteinnahmequellen der Stadionbetriebs AG. Diese soll fortan als reiner Dienstleister zuständig sein für Stadionpflege und Infrastruktur. Das nötige Geld wird vom Verein per Miete zur Verfügung gestellt (geschätzt 3,5 bis 4 Millionen Euro pro Saison).

Wettbewerbsfähig für die Bundesliga

Die Übertragung der Geschäftsfelder an die neue Gesellschaft  mag all die freuen, die glauben, dass es die Mutti schon zum Wohle der Familie richten wird. Vertrauen ersetzt Kontrolle. Denn die GmbH ist nicht im gleichen Maße veröffentlichungspflichtig wie die AG. Mitglieder erfahren nur das, was das Präsidium für mitteilungswürdig hält. Gleichzeitig macht die Gründung der Fachgesellschaften den Verein unabhängiger von Einzelnen. „Leistung entsteht nur, wenn Leute eigenständig Verantwortung übernehmen können“, erklärte Zingler.

Kompetenz in allen Bereichen, damit Union auch in der Bundesliga wettbewerbsfähig sein kann; darauf zielen alle Bemühungen. Intendierte Nebenwirkung: Der Machtverlust geht mit einer reduzierten Verantwortlichkeit des ehrenamtlichen Präsidiums einher, das nicht mehr für alle Fehler haftet. Das tun die Geschäftsführer.

Ein regionalligataugliches Stadion

Zurück in die Präsidentenloge und zum Rundumblick: „Die Unioner werden in drei Jahren genauso stolz in die Alte Försterei gehen wie jetzt“, hatte Zingler vor seiner Zigarettenpause in der Medienrunde versichert. Ein großes Versprechen. Grund zur Eile sei  nicht geboten. „Die DFL weiß, dass wir die Erweiterung planen, deshalb wird sie uns immer eine Genehmigung für die Erste Liga geben“, sagte Zingler.

Dringlicher ist das Nachwuchsleistungszentrum. Dieses wird am Bruno-Bürgel-Weg 63 entstehen, wofür ein Erbbaurechtsvertrag mit dem Land Berlin geschlossen wurde. „Wir wollen das Internat so schnell wie möglich. Das ist der größte Nachteil bisher“, sagte  Zingler. Die Konkurrenz hat längst solche Zentren, in denen die Profis der Zukunft geschult werden. 24 Plätze für Jugendliche soll es bieten, im Sommer 2017 soll der Bau beginnen, ein Jahr später fertig sein. Wer Zingler kennt, der weiß: Das ist nur der Anfang. Ein regionalligataugliches Stadion mit circa 3000 Plätzen sowie eine Halle sollen auf der angrenzenden Gewerbefläche folgen.