Monte Carlo - Wer ihn mehr vermisst, ist nicht das übliche Wettrennen am Hafenkai von Monte Carlo. Es ist mehr ein kollektives Grundgefühl. Mercedes-Teamchef Toto Wolff, der ohne einen Freund und Teilhaber auskommen muss. Helmut Marko auf seiner schwimmenden Red-Bull-Plattform, dem das gemeinsame Granteln beim Frühstück fehlen wird

Die Ferrari-Familie in ihrer leuchtend roten Trutzburg, die im letzten Sommer mit Sergio Marchionne selbst einen Leader vom alten Schlag verloren hat. Der Tag vor dem Trainingsbeginn zum Großen Preis von Monaco ist auch der Tag, nachdem der Tod von Niki Lauda bekanntgeworden ist. Die Formel 1 trägt Trauer.

Das Klima ist drückend, die Stimmung bleibt gedrückt. Dazu passt der silbergraue Himmel. Mercedes hat ganzseitige Todesanzeigen in Auftrag gegeben, lediglich die Umrisse des Firmenemblems zieren den schwarzen Grund, dazu die Zeile: „Unser Stern im Himmel.“ Das ist ungewöhnlich, aber ehrlich emotional. Und wer  Lauda erlebt hat, der ahnt, dass ihm diese Ehre wohl zu viel gewesen wäre. Man kann sich vorstellen, wie er ein beiläufiges „Wurscht“ fallen lassen würde.

Lewis Hamilton, der  Seelenverwandte Laudas, hat im Gegensatz zu seinem ehemaligen Rivalen Nico Rosberg nur wenige Worte gewählt, auch keine verklärenden. Seine offiziellen Auftritte am Mittwoch hat er mit dem Verweis darauf absagen lassen, dass er gerade einen sehr engen Freund verloren habe. Der Brite verfasste nur einen kurzen Online-Brief: „Mein Kumpel, ich wehre mich zu glauben, dass Du gegangen bist. Ich werde unsere Gespräche, unser Lachen und die Umarmungen nach unseren gemeinsamen Siegen vermissen. Es ist wirklich eine Ehre für mich, mit Dir in den vergangenen sieben Jahren zusammengearbeitet zu haben. Ohne Dich wäre ich nie zu diesem Team gekommen. Möge Gott Deine Seele beruhigen. Danke, dass du ein strahlendes Licht in meinem Leben bist. Ich liebe dich, Mann. Dein Freund für immer.“

Trauer in Kraft umwandeln

Das Verhältnis der beiden verlief auf einer gedachten mentalen Ideallinie, die zwischen Piloten aller Generationen auch neben der Piste gilt. Lauda beherrschte sie: „Es gibt eine Rennfahrersprache, die versteht niemand anderes.“ In der Rolle des Übersetzers war Lauda wichtig, er beherrschte  auch die richtige Tonlage für die Gespräche mit den Mercedes-Managern. „Die Mercedes-Familie hat einen ihrer besten Mentoren verloren“, weiß der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche, der Lauda Ende 2012 als Berater geholt hatte. „Aus Respekt vor Niki werden wir versuchen, die Trauer in Kraft umzuwandeln“, verspricht  Pilot Valtteri Bottas.

Laudas Tod trifft auch mitten ins kommerzielle Herz der Königsklasse. Geschäft und Gefühle (erfolgreich) trennen, das war die Art des Österreichers, das wird nun auch von denen erwartet, die sein Erbe verwalten müssen. Was macht das Champion-Team ohne den Mann, der sein Mandat so wahrgenommen hat, wie man es sich von jedem Aufsichtsrat wünscht? Was geschieht mit seinen zehn Prozent Anteilen am Team? Wird Wolff, der 30 Prozent hält, diese auch noch übernehmen und damit eine noch mächtigere Rolle spielen?

Ein lohnender Deal

Die beiden hatten Anfang 2013 beim Amtsantritt auf Beteiligungen bestanden. Zum einen, weil beide zu Unternehmern taugen und nicht zu Angestellten, zum anderen aber, um auch richtig in die Verantwortung genommen zu werden können – das Geldverteilungssystem der Formel 1 beruht gnadenlos auf Erfolg. Für Mercedes war das zwar ein ungewöhnlicher, aber letztendlich lohnender Deal – seit Beginn der Hybrid-Ära wurden alle Titel gewonnen. Die wirtschaftliche Seite im Grand-Prix-Sport ist immer mindestens so wichtig ist wie die sportliche.

Ola Källenius, der neue Chef von Daimler, wird zunächst den Posten im Gremium neu besetzen müssen. Der Schwede ist selbst ein Racer, war einst Chef der heute siegreichen Rennmotorenschmiede und sitzt bereits im Aufsichtsrat. Wichtig für die Zukunft wird sein, wie gut Wolff und Källenius harmonieren. Wolffs Vertrag läuft noch bis Ende 2020, diese Laufzeit ist an das Vermarktungsabkommen der Formel 1 gekoppelt. So lange haben sich die großen Hersteller zur Teilnahme verpflichtet. Bereits jetzt wird Wolff, der einen neuen Typ Rennmanager verkörpert, als Nachfolger von Chase Carey gehandelt, der für den Rechtebesitzer Liberty Media die Geschäfte führt.

Wechselnde Rollen

Das kongeniale Duo Wolff/Lauda funktionierte nach dem bewährten Zusammenspiel vom good cop/bad cop – mit wechselnden Rollen. Die beiden konsequenten Logiker mussten sich erst aneinander gewöhnen, bevor sie sich anfreunden konnten, was sie dann tatsächlich taten. Der Altersunterschied von 23 Jahren spielte keine Rolle. Innerhalb von einer Saison hatten sie die Konzernmentalität im britischen Rennteam umgekrempelt, die beiden stets zielgerichteten Charaktere lebten das Leistungsprinzip vor.

„Er fehlt mir persönlich sehr stark, er fehlt mir menschlich als mein Kampfgefährte und er fehlt uns auf den Strecken“, beklagte Wolff bereits zum Saisonstart. „Seine Interaktion mit den anderen Teams ist wichtig, er war ja immer unser Außenminister und in Summe ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Teams.“ Das gilt jetzt umso mehr. Wolff sagte: „Es war ein Privileg, ihn zu unserem Team zählen zu dürfen, und es war bewegend zu sehen, wie viel es ihm bedeutete, Teil des Erfolgs dieses Teams zu sein.“