Sagt immer, was er denkt: Volleyball-Trainer Stelian Moculescu.
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BerlinStelian Moculescu, der  erfolgreichste Volleyball-Trainer Deutschlands, ist diesen Monat 70 Jahre alt geworden. Seit seinem Abschied vom Profisport, den er als Berliner Coach vor zwei Jahren mit dem Meistertitel für die BR Volleys feierte, verfolgt der frühere Bundestrainer weiterhin alles, was im Volleyball passiert. Auch den Streit, der nach den Gedankenspielen von Volleys-Manager Kaweh Niroomand, mit seinem Team nach Polen zu wechseln, zwischen der  Volleyball Bundesliga (VBL) und den Berlinern entstanden ist.

Herr Moculescu, was halten Sie von Kaweh Niroomands Überlegungen, sein Team in Polens Plusliga weiterzuentwickeln, weil er ein Wachstum in der Bundesliga nicht mehr sieht?

Ich kann den Kaweh gut verstehen. Diesen Gedanken hatte ich auch, als wir mit dem VfB Friedrichshafen so dominant waren. Damals haben wir mit der italienischen Liga gesprochen, auch Innsbruck wollte nach Italien. Das Ende von Kawehs Gedanken ist mir noch nicht schlüssig. Wie will er dann Champions League spielen? Aber dass er in Polen spielen will, kann ich verstehen.

Und die Reaktion der VBL, wo sich Präsident Michael Evers und Geschäftsführer Klaus-Peter Jung empören, statt sich inhaltlich mit Kritik an der Liga auseinanderzusetzen, die gerade in Eltmann, Rottenburg und Innsbruck-Haching drei Klubs verloren hat?

Außer sich zu empören, kann die VBL nichts. Als ich noch Trainer war, habe ich immer gefragt: Wo ist mein Mehrwert? Die Vereine zahlen immer höhere Beiträge, aber ich sehe den Mehrwert nicht. Immer feiert die Liga ihre Pläne und glaubt, in irgendeinem Micky-Maus-TV gezeigt zu werden, ist eine große Errungenschaft. Wir sind die einzige Liga, die keinen Ligasponsor hat.

Seit zwei Jahren hat die VBL Sport 1 als Fernsehpartner für ausgewählte Spiele bei Männern und Frauen, zudem werden Spiele gestreamt. Allerdings bringt der TV-Vertrag den Klubs, anders als im Fußball, sehr wenig direktes Geld.

Ja, das ist null. Micky-Maus-TV, sage ich doch.

Zur Person

Stelian Moculescu gilt als erfolgreichster Volleyball-Trainer Deutschlands. Der 70-Jährige wuchs in Timișoara auf und setzte sich  während der Olympischen Spiele 1972  vom rumänischen Team in die BRD ab. Nach seiner Spielerkarriere räumte er in Deutschland mit etlichen Vereinen als Trainer Meister- und Pokaltitel ab. Zwischen 1997 und 2016 gewann er mit dem VfB Friedrichshafen 13-mal die deutsche Meisterschaft sowie den DVV-Pokal. 2007 gelang ihm der Champions-League-Sieg. Als  Bundestrainer führte er Deutschland 2008 zu Olympia. 2018 wurde Moculescu mit den BR Volleys Meister und zu Berlins Trainer des Jahres gewählt.

Vor sechs Jahren mussten schon mal drei Vereine aufgeben. Jetzt sind wieder nur zehn Erstligaklubs übrig. Dreht sich die VBL im Kreis?

Natürlich, diese Beweihräucherung …Wenn Sie lesen, wie toll die Liga ist, wie toll die Vereine sind, nur Erfolgstories. Im Narrativen sind die sensationell, du denkst: boah. Dann schaue ich dahinter, wie sie spielen und sehe: gar nichts. Nur Geschwätz.

Die United Volleys in Frankfurt und die Kooperation Innsbruck-Haching hatte die Liga zuletzt schon belebt.

Natürlich. Aber das sind zwei Vereine. Aber wenn ich als Liga von den Vereinen etwas fordere, dann muss ich auch etwas geben. Das passiert ja nicht. Wenn du dich nach denen richtest, endest du wie Rottenburg.

Sehen Sie eine Chance, dass der Volleyball in Deutschland wächst?

Nein. Volleyball entwickelt sich wieder dahin zurück, wie es damals war, als ich 1972 nach Deutschland kam: Die Spieler waren Studenten, haben 400 Mark gekriegt, dass sie am Abend nicht arbeiten gehen müssen, sondern trainieren können. Jetzt käme die große Stunde für Trainer zu zeigen, dass sie deutsche Spieler entwickeln können. Das hatten wir in den 70er-Jahren, als ich die 60er-Jugend in München hochgeholt, Nationalspieler aus ihnen gemacht hab’. So sind wir ja auch dominant geworden – ohne Geld. Wenn Trainer kein Geld haben, müssen sie mehr können. Da bin ich gespannt, wie sich das entwickelt, bundesweit.

Gute Nachwuchsspieler gehen ja sofort nach Polen, Russland, Italien.

Wieso sollen sie in Deutschland spielen, wenn sie hier nur 1 000 Euro im Monat verdienen?

Hat Corona alles beschleunigt?

Es ist wie in den Betrieben: Die, die sowieso krank waren, sind jetzt über den Jordan gegangen. In der Öffentlichkeit wird über Fußball geredet, Eishockey, Basketball, Handball. Volleyball findet nicht statt.

Dann kam Niroomand mit der Polen-Idee. Was würde der Liga helfen? Ein Austausch der VBL-Spitze?

Da ist es reichlich spät. Das hätte man schon viel früher machen müssen. Die VBL ist ein subventionierter Betrieb. Pläne haben wir auch im Ostblock gemacht, ohne Ende. Die Vereine zahlen, und die erzählen von oben, was du alles machen musst. Und dann wird eine elektronische Bande als Weltsensation gefeiert. Es ist so scheißegal, ob die Vereine die haben oder nicht, wenn sie in keinem Fernsehen zu sehen sind.

Dabei ist Volleyball attraktiv.

Der Rumäne sagt: Volleyball, da hat’s gedonnert, und die ganzen Blöden sind zusammengelaufen. Also alle, die nicht wirtschaftlich denken können und keine Vorstellung haben, wo sie hinwollen. Volleyball ist Utopia. Der Masterplan der VBL ist Utopia. Man muss kleinere Schritte gehen. Als einziger, der  weiß, wie man so was macht, auch wirtschaftlich, ist Kaweh übrig geblieben. Er hat noch Herzblut für den Sport.

Wie meinen Sie das?

Er kann eine gute Mannschaft machen, hat einen guten Trainer. Er steht allein, wie ich vor 50 Jahren allein gestanden bin. Ihm hat es gestunken, dass ich mit Friedrichshafen immer vorne war. Dann hat er angefangen zu machen, zu tun. Das müssten jetzt die anderen Vereine auch machen. Aber wenn man jetzt Trainer hat, die für 800 Euro arbeiten, wo soll da  Qualität herkommen?

Was halten Sie vom Abbruch der Liga zwei Spiele vor Hauptrundenschluss?

Man hätte ruhig die zwei Spiele machen können. Aber ohne Abbruch hätte ja unter Umständen bei den Frauen Stuttgart Erster werden können und nicht Schwerin (dort ist VBL-Präsident Evers Mitglied der Teamleitung des SSC, Anm. der Redaktion). Die Tabelle hätte kippen können. So kann man das auch sehen.

Wäre eine europäische Liga eine Lösung für die BR Volleys?

Kann man machen. Aber man muss es zu Ende denken. Wenn wir eine europäische Liga haben, fällt die Champions League weg. Dann ist die Bundesliga die Zweite Liga.  Herrsching, Lüneburg, Bühl, Rottenburg, Friedrichshafen sind alles kleine Städte. Früher gab es Bundesliga-Volleyball noch in Berlin, Hamburg, München, Bonn, Stuttgart.

Andere Sportarten haben dort den Volleyball verdrängt?

Ja, in den 90er-Jahren hat kein Mensch über Basketball geredet. Berlin hatte damals in der Sömmeringhalle Volleyball gespielt und mehr Zuschauer als die Basketballer. Basketball hat aber den Durchbruch geschafft, weil sie den Vorteil der NBA hatten und sich dafür interessiert haben, den Sport bekannt zu machen.

Ein bisschen etwas hat sich ja auch im Volleyball getan.

Von Nichts ist es ein bisschen besser geworden, ja.

Berlins Manager Kaweh Niroomand sagt, die Waggons der Liga kommen der Lokomotive BR Volleys nicht hinterher.

Kaweh tut mir leid. Er ist vorn. Er prescht weiter vor. Er hat ja jetzt meine Rolle. Früher war ich der Buhmann. Jetzt ist er es.

Das Gespräch führte Karin Bühler.