Berlin - Klaus Schormann dürfte schnell begriffen haben, dass sich seine Einschätzung, beim Modernen Fünfkampf sei während der Olympischen Spiele in Tokio alles prima verlaufen, nicht ernsthaft würde halten lassen können. Nachdem die Union Internationale de Pentathlon Moderne (UIPM) am Donnerstag verkündet hatte, das Reiten nach Olympia 2024 in Paris als eine der fünf Disziplinen durch eine andere Sportart zu ersetzen, haben nach Angaben des Internetportals „Inside the Game“ mehr als 660 aktive und frühere Moderne Fünfkämpfer die Führung der UIPM zum Rücktritt aufgefordert. Die Unterzeichner kommen aus allen Teilen der Welt wie etwa Südkorea, Australia, Brasilien, USA, Kanada, Russland und Deutschland. 

Die Britin Kate Allenby warf UIPM-Präsident Schormann vor, er habe die Integrität des Sports beschädigt, indem er entschied, das Reiten auszutauschen. Allenby, die 2000 in Sydney Olympiabronze gewann, gehört zu den Unterzeichnern des „Misstrauensvotums“ an den Vorstand um den Präsidenten Klaus Schormann. Der Branchendienst zitiert aus dem Brief: „Ohne seine Athleten und Mitgliedsverbände zu konsultieren, hat der Vorstand 109 Jahre Modernen Fünfkampf untergraben.“

Versäumnis des Weltverbandes

Die Verbandsspitze zeigte sich ungerührt. „Wir haben die Namen überprüft“, sagte Schormann der Deutschen Presse-Agentur. Zwei Drittel seien „keine Athleten“, und ein anderer Teil seien „Athleten, die seit mehr als zehn Jahren keinen Modernen Fünfkampf betreiben. Nur eine sehr kleine Gruppe hat eine UIPM-Lizenz“ und nehme an Wettkämpfen teil.

Nun wirkt es nicht besonders souverän, Meinungen von Fünfkämpfern als irrelevant abzutun, nur weil sie zu einem Teil nicht oder nicht mehr im Wettkampf aktiv sind. Und tatsächlich hat die Verbandsspitze um Schormann es längst verpasst, das Problem mit den Pferden, das den Modernen Fünfkampf schon seit Jahrzehnten begleitet, durch ein verändertes Regelwerk zu beheben.

Denn der Fall der Berlinerin Annika Schleu bei den Olympischen Spielen in Tokio, die verzweifelt auf ein Pferd einschlug, das nicht bereit war, durch den Parcours zu gehen, war ja längst nicht der erste, der deutlich machte, dass mit dem bisherigen Regelwerk weder ein fairer Wettbewerb noch das Wohl der Tiere garantiert war.

Auf der anderen Seite wäre der Moderne Fünfkampf ohne Schormann als Weltverbandspräsident wohl schon längst aus dem Olympiaprogramm geflogen. Er verhinderte bereits 1996 das Aus, das der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch angekündigt hatte. 2002 gelang es Schormann erneut, den Modernen Fünfkampf im Olympia-Programm zu halten, als IOC-Präsident Jacques Rogge die Sportart bei der Session in Mexiko City streichen wollte. 2005 stand der Moderne Fünfkampf wieder zur Debatte. 

Radfahren steht nicht als Ersatzsportart fest

Trotz der Abschaffung des Reitens nach den Spielen 2024 in Paris kämpft der Moderne Fünfkampf mit seinen Disziplinen Fechten, Schwimmen sowie Combined, das es erstmals 2016 in Rio de Janeiro gab und das einen kombinierten Wettbewerb aus Laufen und Schießen enthält, nun weiter um seine Olympia-Zukunft. Offenbar ist am 9. November ein Treffen zwischen Schormann und IOC-Präsident Thomas Bach anberaumt.

Vom UIPM wurde ein kompliziertes Verfahren eingeleitet, um bis Ende 2022 eine Ersatzsportart für das Reiten zu finden. Anders als zunächst  berichtet, steht Radfahren nicht als solche fest. Mehrere Kriterien sind laut Weltverbandsmitteilung vom Donnerstag aufgestellt worden, darunter die von Erfinder Baron Pierre de Coubertin formulierte Anforderung „des vollkommenen Athleten“.

Schöneborn erlebte ähnliches Debakel 2016 wie Schleu 2021

Laut Schormann seien die Maßnahmen ohnehin keine Reaktion auf das Olympia-Drama um Annika Schleu in Tokio. „Wir haben schon 2016 diesen Gedanken aufgenommen, als wir eine Innovations-Kommission zur Modernisierung des Fünfkampfs gründeten“, sagte er. 2016 hatte Lena Schöneborn bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro ein ähnliches Debakel mit einem störrischen Pferd erlebt wie ihre Berliner Kollegin Schleu.

Die neue Disziplin müsse laut Schormann in das in Tokio erstmals praktizierte Konzept passen, den ganzen Wettkampf in einem Stadion zu präsentieren. Biegsamkeit hat der Präsident in all seinen Jahren an der Verbandsspitze schon oft bewiesen. Denn kurz nach den Spielen in Tokio hatte der Funktionär das schon lange davor umstrittene Springreiten noch als „integralen Bestandteil des Modernen Fünfkampfs“ bezeichnet.