Berlin - Anthony Modeste wusste ganz genau, wo er hinwollte. Der Franzose formte mit beiden Händen eine Brille, setzte sie sich zum gewohnten Torjubel aufs Gesicht und rannte geradewegs zur Bank des 1. FC Köln und in die Arme seines Trainers Steffen Baumgart. Für einen kurzen Moment herzten sich im Dreisamstadion des SC Freiburg zwei Typen, zwischen denen es offensichtlich passt.

Anthony Modeste findet zu alter Stärke zurück

Der zweite Fußball-Frühling des 33-Jährigen steht sinnbildlich für die erstaunliche Entwicklung des FC unter Baumgart: Nach der verkorksten Vorsaison galt der Sturm-Oldie schon als abgeschrieben, doch unter dem Ex-Angreifer findet Modeste nicht erst seit dem 1:1 vor 10.000 Zuschauern im Breisgau immer mehr zu alter Stärke zurück. „Bei Toni wissen wir, wenn wir ihn in die Abschlusshandlung kriegen, dann hat er die Qualität“, sagte Baumgart. Und weil der FC ihn in dieser Spielzeit bislang regelmäßig in diese Situationen bringt, steht Modeste nach vier Spieltagen schon bei drei Toren – und damit bei drei mehr als in der vergangenen Spielzeit. Alle Treffer erzielte Modeste per Kopf, was das simple, aber auch funktionierende Rezept Baumgarts bereits ein Stück weit erklärt.

Bekannt ist: Der 49-Jährige setzt auf Mut, offensives Pressing und permanente Angriffsbereitschaft, womit er Modeste und die gesamte Mannschaft angesteckt hat. Baumgart legt darüber hinaus Wert auf gezielte Angriffe über die Außenbahnen. Immer wieder segelten auch in Freiburg die Flanken in den SC-Strafraum auf der Suche nach Modeste oder Sturmpartner Sebastian Andersson. Weil der FC eben keine Sprinter, sondern großgewachsene Athleten im Sturm hat.

Genau so fiel auch das 1:0 durch Modeste (34. Minute), der wie gewohnt im Sechzehner lauerte und eine scharfe Hereingabe des erneut starken Außenverteidigers Benno Schmitz ins Tor köpfte. „Ich gehe mal davon aus, dass er sich auch bei Benno Schmitz bedankt hat, weil das nicht die erste Flanke von Benno war, die reinkommt“, sagte Baumgart, der aber noch einen weiteren Grund für den Aufschwung seines Torjägers nannte.

„Er hat seit langem mal wieder eine komplette Vorbereitung mitmachen können, fehlte bei keinem Training. Darum ist er in einem guten körperlichen Zustand.“ Auch deshalb steht der FC nach vier Spieltagen bei sieben Punkten, was für den Klub den besten Saisonstart seit 2016/17 bedeutet, als die Kölner letztlich auf Rang fünf einliefen.

Nach dem Spiel in Freiburg hätte der FC sogar noch besser dastehen können. Lange hatte es im Breisgau nach dem dritten FC-Sieg im vierten Baumgart-Spiel ausgesehen. Kurz vor Schluss aber lenkte Rafael Czichos eine Hereingabe von Freiburgs Noah Weißhaupt ins eigene Netz. „Solche Aktionen passieren einfach“, sagte Baumgart. „Da muss ich ihn nicht aufbauen. Ich habe ihm das auch ganz klar gesagt, dass ich mit seinem Spiel zufrieden war.“ Nach einem Platzverweis für Mittelfeldspieler Florian Kainz hatte Köln ab der 74. Minute in Unterzahl gespielt. Anthony Modeste saß da bereits auf der Bank, hatte sich bis zu seiner Auswechslung wieder einmal viel Laufarbeit geleistet.

Steffen Baumgart tigert unermüdlich in der Coachingzone hin und her

Genau wie sein Trainer. Ungeachtet aller Umstände gab der unermüdliche Steffen Baumgart, genau wie seine Mannschaft auf dem Platz, an der Seitenlinie alles. Der 49-Jährige tigerte permanent in seiner Coachingzone hin und her und war damit sogar noch präsenter als sein ebenfalls emotionaler Kollege Streich, der sich immerhin ab und zu ein paar Ruhepausen auf dem Sitzplatz gönnte. Die Freiburger, immerhin so gut wie noch nie in ihrer Vereinsgeschichte in einer Saison gestartet, taten sich schwer mit den unangenehmen Gästen. Gegen den aggressiv verteidigenden Fast-Absteiger aus der Vorsaison fand Streichs Mannschaft im Aufbauspiel nur selten Lösungen. Auch, weil bereits der abgeschriebene Anthony Modeste unter Baumgart aufblüht und seine Treffersicherheit wiedergefunden hat.

Weil der Sport-Club spät den Druck erhöhte und Kölns Kainz nach wiederholtem Foulspiel rund eine Viertelstunde vor Abpfiff mit Gelb-Rot vom Platz musste und Czichos ins eigene Tor traf, reichte es nicht zum dritten Saisonsieg. Dennoch war Baumgart letztlich zufrieden. Weil nicht nur Modeste, sondern die ganze Mannschaft erneut überzeugt hatte.