Man musste sich für diesen Fußballspieler begeistern, so wie sich die Freunde des schönen Spiels in den Sechziger- und Siebzigerjahren wohl geradezu zwangsläufig für Franz Beckenbauer begeistern mussten. Weil da mal wieder einer war, der so anders auftrat als all die anderen Abwehrmänner aus Deutschland. Nicht so verbiestert, nicht so grobschlächtig und nicht bloß am Zerstören, sondern eben auch am Schaffen interessiert.

Da schien einer endlich mal wieder alle Ängste überwunden zu haben, die vor dem riskanten, aber hoch wirksamen Steilpass ins Mittelfeld, und die vor dem kecken Dribbling in die gegnerische Hälfte. Ja, Mats Hummels wirkte frei. So frei, dass er von vielen eine Zeit lang sogar als eine Art Symbolfigur für die neue Leichtigkeit im deutschen Fußball wahrgenommen wurde.

Aus der Vergangenheitsform lässt sich schließen, dass da etwas passiert sein muss mit dem Nationalspieler von Borussia Dortmund. Dass die Entwicklung des 24-jährigen Innenverteidigers vom Ausnahmetalent zum Ausnahmespieler offensichtlich doch nicht − wie von vielen erwartet und erhofft − einen linearen Verlauf nimmt, sondern einen mit bedenklichen Brüchen.

Dahin ist das ausgeprägte Gefühl für Raum und Zeit, mit dem sich Hummels wiederholt zielsicher durch die Unwägbarkeiten eines Fußballspiels navigierte. Dahin die Souveränität, mit der er tatsächlich auf Dauer Anspruch auf eine Führungsrolle in der Nationalmannschaft hätte erheben dürfen. So sieht sich Hummels immer öfter zur Grätsche gezwungen, zum Einsatz eines Stilmittels, für das es nur eine Wahrheit gibt: Wer grätscht, hat vorher einen Fehler gemacht.

Wieder so ein Aufmerksamkeitsfehler

Am Sonnabend war es wieder mal ein Aufmerksamkeitsfehler, der ihn in Verlegenheit brachte. So wie im Champions-League-Finale gegen den FC Bayern München in London, als er kurz vor dem Abpfiff nicht gedankenschnell genug war, um den Laufweg des Siegtorschützen Arjen Robben rechtzeitig zu deuten. Dieses Mal kreuzte der Mönchengladbacher Havard Nordveidt in den Dortmunder Strafraum, Hummels fuhr dazwischen, es gab Elfmeter und Rot für Hummels, Max Kruse verwandelte, am Ende hieß es 0:2 aus Sicht des BVB.

„Keine Ahnung, was man dazu sagen soll. Bittere Kiste und ein Kandidat für die Top 3 der unverdientesten, unnötigsten und unglücklichsten Niederlagen, die ich bislang erlebt habe“, schrieb Hummels am späten Abend bei Facebook: „Das Spiel müssen wir eigentlich schon lange gewonnen haben, als es zum Elfmeter kommt. Leider gibt es solche Tage.“

Doch so einfach ist das nicht, nicht für ihn selbst. Hummels steht nämlich vor der größten Herausforderung seiner Karriere. Der Arbeitstitel lautet: Verändere dein Spiel, aber nicht deinen Stil, um deine alte Klasse wieder zu gewinnen.