Brüderlich: Franz Wagner umarmt in Albas Arena Zuschauer Moritz Wagner nach einer Partie der Berliner Basketballer.
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WashingtonIn Deutschland dämmerst es, in Washington scheint die Mittagssonne durch das Fenster hinter Moritz Wagner. Bruder Franz sitzt während des halbstündigen Videochats daneben. Er trägt eine Basecap, aber nicht wegen der Frisur, wie er versichert. Die Zeit in der Corona-Pandemie haben die Berliner Basketballer größtenteils gemeinsam mit ihren Eltern verbracht. Der Vater musste inzwischen aus beruflichen Gründen zurück nach Deutschland, ihre Mutter ist geblieben. Sie kann im Homeoffice auch aus Washington arbeiten.

Moritz, Franz, wie sehr prägt Ihre Mutter Ihr Leben in diesen Tagen?

Moritz Wagner: Gar nicht so sehr. Natürlich gibt es die eine oder andere Tendenz, die sich übers Leben so eingespielt hat und in die man zurückfällt. Aber wir geben uns Mühe, dass alle ein bisschen mithelfen im Haushalt und haben genug Platz, damit jeder auch mal sein eigenes Ding machen kann. Wir haben da eine ganz gute Balance gefunden.

Wie ist Ihre aktuelle Wohnsituation?

Franz Wagner: Ganz entspannt. Moritz Wohnung ist groß, ich habe sogar mein eigenes Zimmer. Hier stehen zwar überall Schuhkartons rum, aber ich beklage mich nicht.

Moritz Wagner: Das Zimmer war das Abstellzimmer, bevor ich Gäste hier hatte. Ich habe mir aber große Mühe gegeben, es für Franz umzugestalten. Er hat sogar einen eigenen Fernseher, darf sich also nicht beklagen. (lacht)

In Berlin gibt es Kontaktbeschränkungen. Wie ist das in Washington?

Moritz Wagner: Ich kenne die genauen Regelungen gar nicht alle.

Franz Wagner: Wenn man bei gutem Wetter aus dem Fenster guckt, denkt man manchmal, dass es gar keinen Virus gibt. Viele Menschen laufen ganz normal ohne Maske draußen herum.

Moritz Wagner: Ich muss sagen, dass ich ein bisschen Schiss habe, wenn ich draußen unterwegs bin. Die ersten drei Wochen war ich nur zuhause und habe mir meine Lebensmittel liefern lassen. Als ich dann wieder draußen war, war ich nervös. Und auch jetzt gehe ich nur mit Maske spazieren und warte an der Ecke, wenn mir jemand entgegenkommt. Ich habe auch aufgehört Nachrichten zu gucken, um zu verhindern, dass ich mir jeden Tag Stress mache.

Zur Person

Moritz Wagner: Der 23-Jährige aus Berlin-Prenzlauer Berg, 2,11 Meter groß, begann mit Basketball bei Alba Berlin. Nach seiner College-Zeit wurde er vom NBA-Franchise der Los Angeles Lakers gedraftet. Seit 2019 spielt er für die Washington Wizzards.

Franz Wagner: Der 18-Jährige (2,05 Meter) durchlief ebenfalls Albas Nachwuchsteams, half bei den Profis aus, spielte in der Zweiten Liga für Bernau und ist nun in Michigan am College.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Moritz Wagner: Unsere Mutter schläft auf der Couch im Wohnzimmer und ist immer als erste wach. Sie braucht für ihre Arbeit die Kontakte nach Deutschland. Franz kommt tendenziell nicht vor 11 Uhr aus seinem Zimmer.

Franz Wagner: Bei mir ist mehr Freestyle als bei Moritz. Ich muss noch Uni machen, dafür hat er noch ein paar mehr Sachen mit dem Team.

Moritz Wagner: Wir sind mit den Wizards ja noch nicht in der Offseason, weswegen viel getan wird, um uns sportlich und auch mental aktiv zu halten. Wir haben Workouts per Videochat und gucken als Team pro Woche zwei Spiele zusammen – quasi eine Art Buchclub für NBA-Spieler.

Wie läuft denn die Kommunikation mit den Wizards im Moment?

Moritz Wagner: Wir stehen ständig in Kontakt, Updates werden schnell und gut kommuniziert. Aber eigentlich haben selbst die Verantwortlichen bei den Wizards keine Ahnung. Wir waren letztens mit der NBPA (National Basketball Players Association, d. Red.) und der NBA in einer Telefonkonferenz, bei der man Adam Silver (Commissioner der NBA, d. Red.) zuhören konnte. Selbst der weiß nicht, ob, wann und wie es weitergeht.

Die College-Saison wurde Mitte März beendet. War das die bessere Lösung?

Franz Wagner: Definitiv. Natürlich war es am Anfang hart, dass die Saison so abrupt zu Ende war. Aber da ging es mir wie jedem anderen Menschen auch, der plötzlich nicht mehr das machen kann, was er normalerweise macht. Moritz hingegen muss versuchen, in Bestform zu bleiben, weil er nicht weiß, ob er nicht in zwei Wochen schon wieder ein NBA-Spiel hat.

Moritz Wagner: Physisch in Form bleiben zu müssen, ist das eine, der mentale Aspekt das andere. Wir sitzen hier seit zwei Monaten zu Hause rum und wissen nicht was los ist und wie es weitergeht. Du bist mental also noch total angespannt, was die viel größere Challenge ist.

Die Bundesliga plant, die Saison im Juni in einem dreiwöchigen Turnierformat zu beenden.

Franz Wagner: Ich habe gemischte Gefühle. Ich freue mich, dass wieder Basketball gespielt wird, finde aber, dass die Situation zu einfach dargestellt wird. Du hast zehn Teams, die zwar spielen sollen, aber abseits der Spiele wochenlang nur im Hotel sein dürfen. Das stelle ich mir schwierig vor.

Moritz Wagner: Man merkt, was für einen sozialen Wert Sport in unserer Gesellschaft hat. Ich meine, es sterben immer noch Leute und trotzdem geht es schon wieder um Sport. Gerade hier in den USA heißt es , dass die Leute ihren Sport brauchen. Ich persönlich verstehe zwar wo das herkommt, denke aber, dass Gesundheit das ist, was wir brauchen. Ich finde es schon krass, wie die Prioritäten da verschoben sind.

Franz Wagner: Auch vor dem Hintergrund, dass Profisportler mehrmals die Woche getestet werden, während die Tests an anderen Stellen fehlen.

Werden die Sportler zu wenig in Entscheidungen einbezogen?

Moritz Wagner: Ich habe gerade erst Statements von Neven Subotic und Akeem Vargas (Subotic ist Fußballerprofi von Union Berlin, Vargas Basketballprofi der Skyliners Frankfurt, d. Red.) gelesen. Die haben kritisiert, dass sie überhaupt nicht gefragt wurden, ob sie wieder spielen möchten. Klar bist du verpflichtet zu spielen, das steht schließlich in deinem Vertrag. Gleichzeitig steht da nicht drin, dass währenddessen eine Pandemie herumgeht. Da steht auch nicht, dass du wochenlang ohne deine Familie isoliert wirst. Das sind alles Ausnahmesituationen. Und wenn man die nicht bespricht, dann finde ich das schwierig.

Bezieht die NBA ihre Spieler mit ein?

Moritz Wagner: Ich will nicht behaupten, dass in der NBA die Spieler das Sagen haben, aber durch die Players Association wird viel Wert daraufgelegt, dass Entscheidungen zusammen getroffen werden. Die NBPA ist in engem Kontakt mit der Liga.

Franz, wie war Ihr erstes Jahr am College in Michigan?

Franz Wagner: Ich fühle mich sehr gut mit meiner Entscheidung. Sportlich habe ich mich nach meinem Handgelenkbruch zu Saisonbeginn immer weiter gesteigert. Das Wichtigste war, dass ich viele Chancen bekommen habe und auch Fehler machen durfte. Das hatte ich mir zwar genauso erhofft, aber man weiß ja nie, wie man in einem neuen Team mit neuem Spielstil zurechtkommt.

Sie sind mit 18 Jahren nicht bei Alba Berlin Vollprofi geworden, auch um das College-Leben zu erleben.

Franz Wagner: Mir ist in den letzten Wochen noch mal so richtig aufgefallen, wie geil es ist. Der Uni-Campus ist ein so besonderer Ort, weil du es dort mit Menschen aus verschiedensten Familien und Schichten zu tun hast. Nicht nur mit Sportlern, sondern auch mit angehenden Ingenieuren, Unternehmern. Ich würde sagen, ich habe als Mensch einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Half es, dass Ihr Bruder schon an der University of Michigan war?

Franz Wagner: Moritz hat mir natürlich vorab einiges erzählt und war auch während meiner ersten Collegewoche da. Das war gut, weil er mir beim Einziehen geholfen und mir ein paar Sachen auf dem Campus gezeigt hat. (lacht) Später waren es dann meine Teamkollegen, die mich immer mal eingeladen haben. Aber man muss auch sagen, dass Ann Arbor nicht so riesig ist wie Berlin.

Was vermissen Sie an Berlin besonders?

Franz Wagner: Ganz klar den Döner!

Moritz Wagner: Club Mate, Ayran und Döner! Den gibt’s hier zwar auch, aber eigentlich kannst du ihn nicht essen. Immer wenn ich nach Berlin komme, gibt es so um die fünf Mal die Woche Döner. Und natürlich das Familienessen. Obwohl wir das ja im Moment wieder bekommen.

Wird dann zusammen gekocht?

Franz Wagner: Ich koche ganz gerne. Ich hab mir zuletzt ein bisschen was abgeguckt. Lasagne zum Beispiel, weil man die gut wieder aufwärmen kann, und Kartoffelpuffer, obwohl die schon sehr aufwendig waren.

Moritz Wagner: Franz kann tatsächlich ganz gut kochen. Er hat nicht immer Bock, aber wenn er was macht, macht er es richtig. Vor allem beim Frühstück. Das ist seine Leidenschaft, da kann er fast alles. Man hat am College seine Mikrowelle im Wohnheim und wird in der NBA immer irgendwo bekocht. Ich wurde zuletzt also seit fünf Jahren jetzt zum ersten Mal wieder so wirklich mit Kochen konfrontiert. Eigentlich macht es Spaß, nur das Aufräumen hinterher nicht.

Können Sie sonst etwas Positives aus der aktuellen Zeit ziehen?

Franz Wagner: Moritz hat uns letztens gesagt, dass ihm die jetzige Zeit auf lange Sicht mit Blick auf seine Motivation helfen wird. Es gibt immer Tage, an denen man aufsteht und einfach keinen Bock hat. In den Momenten kann man sich erinnern, wie es war, acht Wochen lang zuhause zu sitzen und nichts machen zu können.

Moritz Wagner: Während der Saison hat man manchmal einfach keinen Bock, mit dem Auto in die Halle zu fahren und zu trainieren. Genau das vermisse ich jetzt total. Man realisiert gerade, dass es dafür keine Garantie gibt. Das wird mir immens helfen, wenn der ganze Bums hier vorbei ist. Ich freue mich einfach auf das tägliche Arbeiten, das Werfen und das Training. Mein Anspruch ans Leben ist klein geworden: Ich will einfach nur wieder meinen Job machen und der Rest soll egal sein. Einfach durchrutschen, sein Ding machen – die nächsten fünf Jahre keine High Fives geben und Hände schütteln.