Moskau - Es war ein Fußballabend, der erst zur Partynacht wurde und später zu einem Morgenkater führte. Bestimmt schliefen noch die meisten, die dabei waren und sich trotzdem erinnern können, als die Agentur Reuters meldete, was sie von den Moskauer Gastronomen erfahren hatte: ernste Nachschubsorgen, akute Lieferengpässe. „Wir haben nicht erwartet, dass sie nur Bier trinken werden“, zitiert Reuters einen Barmann, der weder seinen noch den Namen seines Arbeitgebers verraten wollte. Aus Angst vor zukünftigen Umsatzeinbußen. Aber auch in der Hoffnung auf all die Kisten und Paletten, die bald kommen sollen.

Der Abend begann mit dem Sieg der russischen Nationalmannschaft gegen Ägypten, der dem Gastgeber mit folgender Hilfe durch Uruguay die Achtelfinalteilnahme bescherte. Die letzten Spielminuten in St. Petersburg waren nicht nur in Moskau ein Countdown, und dann, bei irgendwie Anormalnull, ging das los, was als die größte Feier in die russische Fußballgeschichte eingehen muss. Als die bislang größte.

Pinkfarbene Tschapkas

Denn groß kann hier manchmal nicht groß genug sein. Oder wie einer es sagte, der seinen persönlichen Anteil an der Bierknappheit bereits vor dem Abpfiff geleistet hatte: „Jetzt will ich Weltmeister werden! Ros-si-ja! Ros-si-ja!“ Mit einem anderen, der sich wie ein weiß und hellblau gestreiftes Kätzchen an ihn geschmiegt hatte, war er sich dann schnell über die Finalpaarung einig. Gemeinsam, sich haltend und stützend, sangen, nein, besser: krächzten sie: „Ar-gen-tina! Ar-gen-tina!“

Die Nikolskaja Ulica führt von der Metrostation Lubjanka im Norden bis zum Warenhaus GUM in Süden, sie ist eine Fußgängerzone mit mal mehr, mal weniger edlen Geschäften, vielen Bars, Restaurants und kunstvoll verdeckten Fassaden, wo Baulücken klaffen. Dazwischen Souvenirläden, die pinkfarbene Tschapkas mit Hammer und Sichel anbieten und natürlich auch in Gruppen herumstehende Matrjoschkas. Die ergeben ein eindrucksvolles Bild, falls man eines sucht, das erklären könnte, wie Russland mit all den Brüchen und Widersprüchen aus Vergangenheit und Gegenwart umgeht.

Eine besonders illustre Matrjoschkagruppe im Uhrzeigersinn: die Präsidenten Trump und Macron, Kiss-Sänger Gene Simmons, die großen und ehemals großen Führer Xi Jinping, Stalin und Lenin – und in der Mitte John Lennon. „Imagine all the people …“

Die Nikolskaja ist ungefähr einen Kilometer lang, vielleicht dreißig Meter breit, zehn gemütliche Schlenderminuten sagt die App. Wer am Mittwochabend gegen zehn Uhr losging und nach über einer Stunde merkte, dass er am Ende vor dem GUM zwar einen schönen Blick auf die beleuchteten Kremlmauer erhaschen kann, aber keinen Ausgang findet – der musste eben wieder zurück und zwar den ganzen Weg.

Knutschflecken am Hals

Die wenigen Seitenstraßen waren ebenfalls abgesperrt mit Zäunen oder Menschen, die Hasenohrenmützen trugen, Bärentattoos oder Knutschflecken am Hals, die aussahen als hätten sie Schmetterlingsflügel. Zurück also zu den Massen, die ein Fest der Völkerfreundschaft feierten, einen Karneval der Fußballkulturen. Und das hier ist ein Stimmungsbericht aus einem ausgeschnittenen Ausschnitt eines Ausschnitts. Aus nur einer Realität von vielen.

Zunächst noch ein Hinweis für alle, die bei russischen Fußballpartys zu Gast sind und ihre Gäste noch mehr beeindrucken wollen. Das A und O bei dem Sprechchor „Ros-si-ja! Ros-si-ja!“ ist der richtige Umgang mit den Vokalen. Das O ist nämlich kein O und auch kein U, wie nicht nur argentinische Fußballfans glauben. Das O ist ein A. Ist halt so. Und richtig heißt es also: „Ras-si-ja! Ras-si-ja!“ Dann kann der Rückweg ja losgehen.

Auf den Schultern des Begleiters

Über den Köpfen von zig Tausenden Menschen hängen zig Tausende Lichterketten, die am Ende zu einem Knäuel zusammengebunden sind und blinken wie Sterne, nach denen einige unbedingt greifen wollen. Dazu müssen sie sich nur auf die Schultern ihrer Begleiter stellen oder auf einen Laternenmast klettern.

Die wenigen, entlang der Nikolskaja postierten Polizisten, schauen da weg oder erst gar nicht hin. Man kann die Beamten sogar um Feuer bitten und sich anschließend mit zwei internationalen und natürlich auch in Russland anerkannten Gesten bedanken: Daumen hoch, high five.

Gemeinsame Erinnerungsfotos sind meistens erlaubt. Bei Umarmungen mit einem Mitglied der Mobilen Einheit besonderer Bestimmung OMON kann es schwieriger werden. Mag nicht jeder. Wahrscheinlich auch nicht der etwas nervöse Kollegen, der seinen Schlagstock ständig gegen die Wade prallen lässt. Kennt man ja aus dem Schanzenviertel. Und die Bierflasche in eine braue Papiertüte wickeln, ist grundsätzlich nicht nötig. Nicht hier. Nicht jetzt. 

„Where are you from?“, fragt eine mit Nationalfahne behängte, in Nationalfarben im Gesicht bemalte Russin einen Marokkaner. „Morocco“, sagt er. Sie: „Welcome!“ Und er: „Schukran!“ Danke. Die Gespräche zwischen all den Kroaten, Polen und Portugiesen, zwischen den Senegalesen, Peruanern und Australiern sind nicht immer so knapp. Sie sind aber meist herzlich. Dass der argentinische Peso seit dem Turnier über zehn Prozent an Wert verloren, was die Reisekasse vieler Fans schrumpfen lässt, muss kein Mexikaner wissen, um einen Rucksack zu öffnen und sein Bier zu teilen.

Das Chaos in Kategorien

Während man sich so entlangschlängelt und vorbeidrängt und immer weiter geschoben wird, kann es von Vorteil sein, sich das Chaos in Kategorien zu denken. Etwa: Ihre Frauen schützende Männer. Da ist zum Beispiel ein älteres Pärchen, offensichtlich russische Fans. Sie lacht und tänzelt und filmt alles, was sich vor ihrem Smartphone abspielt. Er schaut eher skeptisch, hat seine Hände um ihre Hüften gelegt und bemisst bei jeder fremden Berührung den Grad der dahintersteckenden Absicht.

Das machen viele so. Der Marokkaner, der seine vollverschleierte Frau durch die Menge manövriert. Genauso wie der supranationale Oberkörperproll oder der staatenlose Anzugträger, der nach einem Menschenzug Ausschau hält und sich aus praktischen Gründen einer Polonaise anschließt.  

Eine andere Möglichkeit, ein bisschen Ordnung zu schaffen, ist der Wettbewerbsgedanke. Man kann sich etwa fragen, wer hier eigentlich das hässlichste Bekleidungsstück trägt. Der Mann mit GUCCI vorne drauf und hinten mit Strasssteinen LOVED ist ein Geheimfavorit. Man darf aber auch nicht vergessen, dass man selbst beäugt und kategorisiert wird. „Why no soccer?“, fragt ein Mann, der mehr Finger zu haben scheint als Zähne. Ein Lächeln hilft. Daumen hoch, high five.

Ins Glück mischt sich Angst

Es gibt an einigen Stellen auch die anderen Momente, die es immer gibt, wenn zu viele Menschen zu viel auf einmal wollen. Dann wird es plötzlich hektisch und eng, und in eben noch glückliche Blicke mischt sich Angst, gegen eine Wand gedrückt zu werden, das Gleichgewicht zu verlieren.

Der spanische Fernsehreporter, der seine Fanfrontkontakte von zwei Begleitdamen dokumentieren lässt, ist jedenfalls froh, dass er sich in eine Bar rettet. Die Blicke, der kurz nach Mitternacht einrückenden Putzkolonne sind nicht ganz so leicht zu deuten.

Kurz vor der Metrostation Lubjanka öffnet sich der Weg, als hätte Moses das Meer geteilt. Es gibt auch wieder Netz, erste Meldungen und Infohäppchen aus einer anderen Realität laufen ein. Die USA kündigen den Rückzug aus dem UN-Menschrechtsrat an. Bei Markus Lanz soll Waldemar Hartmann gesagt haben: „Fußball ist Krieg.“ Ist er nicht, denke ich. Er kann sogar das beste Gegenteil sein.