Moskauer Fanmeile: Schaut auf diese Stadt

Moskau - Wer den schönsten Blick über Moskau haben will, der muss rauf auf die Sperlingsberge. Vor allem an einem Sommerabend ist der Blick kaum zu übertreffen: Links das Neubauviertel Moscow City, fünf der zehn höchsten Gebäude Europas stehen hier, dann das Hotel Ukraina im altsowjetischen Zuckerbäckerstil, weiter rechts die Akademie der Wissenschaften mit ihren futuristischen Türmen. Und da, in der Mitte: das Luschniki-Stadion, in dem am 14. Juni die Weltmeisterschaft eröffnet wird.

Es ist ein beeindruckender Blick auf Moskau und zugleich einer auf die Zukunft dieser Stadt, die mit den Folgen kämpft, ein Austragungsort zu sein – für das größte kommerzielle Event des Weltsports. Und wenn man mit Maria Tschekotschichina hier oben steht, hat sie vor allem eines vor Augen: schlechte Aussichten für sich und ihre Kommilitonen.

Um das zu verstehen, muss man sich nur umdrehen, weg von der grandiosen Aussicht. Dann fällt der Blick auf ein einziges, riesiges Gebäude: Moskaus Lomonossow-Universität, auf Russisch kurz MGU, der Stolz der Stadt, eine Hochschule mit Tradition. In dem imposanten Gebäude finden sich nicht nur Hörsäle und Seminarräume, es wird auch als Wohnheim genutzt, in einem der hohen, weißen Türme wohnt Maria. Doch nun fürchtet sie um ihren Schlaf – denn auf dem Platz zwischen Universität und Blick ins Tal soll während des Sommers eine Partymeile für feiernde Fußballfans eingerichtet werden.

Stundenlange Partys nach jedem Spieltag

„Juni, das ist bei uns genau die Prüfungsphase, wir müssen lernen, lernen, lernen“, erzählt Maria, „aber wie soll das gehen, wenn hier Massen bis spät in die Nacht feiern?“

Mit Lärmbelästigung haben die Studierenden schon ihre Erfahrungen, die Aussichtsplattform war lange ein populärer Bikertreff, Motorengeknatter und laute Musik inbegriffen. „Auch wenn wir die Fenster geschlossen haben, hat man den Lärm in den Zimmern gehört – wie soll das erst werden, wenn da an jedem Spieltag stundenlang Party ist?“

Maria, 25, arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit, Fachbereich Paläographie, sie befasst sich mit historischen Schriften. Dazu hat sie in Berliner Bibliotheken geforscht, müsste das von dort mitgebrachte Wissen diesen Sommer nun auswerten – das erfordert Ruhe und Konzentration. Maria und ein paar Hundert andere Studenten haben sich darum zusammengetan, um gegen die staatlich verordnete Sause vor ihrer Wohnheimtür zu protestieren. Sie haben Moskaus Bürgermeister bereits eine Petition mit rund 14 000 Unterschriften überreicht.

Englische Durchsagen in der Metro

Es war kein leichtes Unterfangen, denn die Universitätsleitung macht den Studierenden Druck. Beim Unterschriftensammeln wurden sie drangsaliert, erzählt Maria, ein Student sei vom Sicherheitsdienst festgesetzt worden, dabei habe er nur Flugblätter verteilt. Einige Protestierende hätten Angst, sich mit ihrem Engagement berufliche oder akademische Chancen zu verbauen. Vor allem deswegen möchte Maria kein Foto von sich in der Zeitung sehen.

Doch wer etwas bewegen will, der muss aus der Deckung kommen, das weiß auch Maria: „Neulich bin ich zu einem Professor gegangen und habe ihn gefragt, ob er nicht unsere Petition unterschreiben will – der war überrascht, weil er nicht wusste, dass ich mich in der Protestbewegung engagiere.“ Parallel dazu schmiedet sie Pläne für den Fall, dass ihr Anliegen kein Gehör findet: „Ich muss einen Teil meiner Promotionsarbeit nicht im Juni, sondern schon im Mai erledigen.“ Auch die Idee, für die Dauer des Turniers das Wohnheim zu verlassen, hat sie schon erwogen.

Dass Russland sich auf seine wichtigste Gastgeberrolle seit den Olympischen Spielen 2014 vorbereitet, merkt man in Moskau vielerorts. In den vergangenen Jahren wurden auf immer mehr Metrolinien englische Durchsagen eingeführt, Schilder zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind zunehmend nicht mehr nur in Russisch beschriftet. An der Fassade eines Einkaufszentrums in der Nähe des Kiewer Bahnhofs fuhr lange ein Werbewagen auf Schienen auf und ab – heute fliegt dort ein goldener Engel, einen Fußball fest in beiden Händen haltend.

Das ganze Gelände ein Urinal?

Je näher die WM rückt, desto sichtbarer werden ihre Vorzeichen: Auf Bussen behauptet eine Lebensmittelmarke, wer ihr Vollkornbrot esse, spiele „in der Nationalmannschaft der Gesundheit“. In Handyläden gibt es an der Kasse Aufkleber mit Sabiwaka, dem Wolfsmaskottchen des Turniers. Und alle Moskauer Schüler, die sich für Deutsch als Fremdsprache entschieden haben, können derzeit mit Unterstützung des Goethe-Instituts zwei Wochenstunden zusätzlich bekommen, in denen sie wichtige Fußballvokabeln wie „Abseits“, „Halbzeit“ und „Schiedsrichter“ lernen.

Maria legt Wert darauf, dass die Demonstranten nichts gegen Fußball, die Weltmeisterschaft oder die anreisenden Fans haben. „Wir möchten nur nicht, dass die bis in die Nacht bei uns vor der Tür feiern. Nicht nur wegen der Lautstärke und weil es die Metro überlastet – am Ende wird das ganze Territorium hier eine große Toilette sein.“

Der Rektor hat keine Zeit

40 000 Fußballbegeisterte sollten auf dem Platz an der Uni feiern, so steht es noch heute in der offiziellen Ankündigung. Um die Auswirkungen auf die Studenten zu reduzieren, habe man sich aber darauf geeinigt, das Fassungsvermögen auf 25 000 Zuschauer zu reduzieren, lässt eine Fifa-Sprecherin auf Anfrage wissen. Außerdem werde man aus Rücksicht die geplante Bühne nicht unmittelbar neben dem Hauptgebäude aufstellen, sondern „mehrere Meter“ weiter weg als geplant. Schließlich hätten „das Wohlbefinden und ein möglichst ungestörter Tagesablauf für die MGU-Studenten für die Fifa, das örtliche Organisationskomitee und die Stadt Moskau Priorität“. Außerdem biete sich durch das Fest ja auch die Chance einer „einzigartigen Erfahrung mit Fußballfans mit unterschiedlichen Nationalitäten, Kulturen und Hintergründen“.

Wenn schon von Chancen die Rede ist: Die protestierenden Studenten hätten ihrem Rektor gerne ein paar Fragen gestellt. Ob Alkohol verkauft werden darf rund um die Fanzone oder nicht, die Aussagen dazu sind widersprüchlich. Was aus den angedachten Plänen geworden ist, die Wohnheimbewohner für die Dauer des Turniers anderswo unterzubringen. Allein: „Als wir versucht haben, einen Gesprächstermin zu bekommen, hieß es, der Rektor hat keine Zeit, und wir stören bloß seine Arbeit. Wir sollten Delegierte schicken zu einem Termin, die Delegierten sind hingegangen, haben lange gewartet – aber der Rektor hatte wieder keine Zeit.“ Auch für diesen Artikel wollten sich weder das Rektorat noch die Moskauer Stadtverwaltung zum Thema Fanzone äußern.

Gute Fernsehbilder haben Priorität

Warum Stadt, Uni und Fifa in einer riesigen Metropole wie Moskau so sehr an dem Uni-Plateau festhalten? „Das liegt am Blick hier, klar – da bekommt man so gute Bilder fürs Fernsehen“, vermutet Maria.

Vor ein paar Tagen haben einige ihrer Mitstreiter noch mal Ein-Personen-Demos organisiert, um nicht unter die strengen Regeln des russischen Versammlungsrechts zu fallen. „Fanzone an der Uni – ein Eigentor“ stand auf ihren Plakaten, „Lasst uns in Ruhe studieren“ oder „Fanzone ans WDNCh“. Die Abkürzung steht für ein weitläufiges Park- und Ausstellungsgelände am anderen Ende der Stadt, mit guter Verkehrsanbindung. Dort, hofft auch Maria, könnten Zehntausende Fans feiern, ohne Anwohner um den Schlaf zu bringen. Zur Plattform in den Sperlingsbergen käme dann nur, wer die Aussicht über Moskau genießen will – in Ruhe, mit der Uni im Rücken.

Aktuell sieht es nicht aus, als ob sich die Studenten mit ihrem Protest noch durchsetzen können. Am Sonntagabend standen zwischen Unigebäude und Aussichtsplattform schon ein gutes Dutzend Kipplaster bereit, erste Bagger rollten und Baulärm war zu hören. 

Unter kscheib.de bloggt die Autorin über ihr Leben in Moskau.