Etwa 14 Stunden später hatte der sonst so redselige Pal Dardai seine Worte wieder gefunden. Am Sonntagmorgen war der Trainer von Hertha BSC zu Gast beim Fußballtalk von Jörg Wontorra. Der Sender „Sky“ hatte Dardai sogar kurzfristig angeboten, nach der heftigen 0:5 (0:2)-Klatsche bei RB Leipzig dem TV-Auftritt fernbleiben zu können. Doch für Dardai, ein Mann, der sich auch in unangenehmen Momenten nicht davor scheut, sich zu stellen, dachte gar nicht daran.

Und so stieg der 43-Jährige im Morgengrauen in grauer Jeans, weißem Hemd und schwarzem Sakko in den Flieger nach München und nahm kurze Zeit später neben Kultmoderator Wontorra Platz. „Das ist besser für die Ruhe“, bemerkte Dardai, „wenn ich auf dem Trainingsplatz gewesen wäre, wer weiß, was passiert wäre. Ein bisschen Abstand tut gut.“

Unmittelbar nach der „gefühlt größten Niederlage in meiner Trainerkarriere“ hatte sich der Coach auf der Pressekonferenz noch selbst geschützt, in dem er sich auf die Lippen biss. Er habe gelernt, in solchen Situationen lieber seinen Mund zu halten, bevor er jemanden beleidige oder Sache sage, die nicht in Ordnung seien.

Was Dardai am Sonnabend innerlich so sehr zum Brodeln brachte, war der blut- und wehrlose Auftritt seiner Mannschaft. Vor 41939 Zuschauern in Leipzig gerieten die Blau-Weißen derart unter die Räder, wie kaum zuvor in Dardais viereinhalbjähriger Amtszeit. Im April 2016 gab es ein 0:5 in Gladbach. Seinerzeit lag Hertha nach 65 Minuten allerdings nur 0:2 zurück, in Leipzig war die Messe nach Toren von Yussuf Poulsen (27./56./62.) sowie Emil Forsberg (17.) und Amadou Haidara (64.) schon längst gelesen.

Auch die Kicker stellen sich

„Das war das schlechteste Spiel, seitdem ich Hertha-Trainer bin“, analysierte Dardai. „Aber das gehört auch dazu. Da muss man sich stellen.“ Der frühere Bundesligaprofi und Co-Moderator Jan Aage Fjörtoft lobte den Coach dafür: „Sich jetzt nicht zu verstecken nach so einer Klatsche – das ist stark.“

Während Dardai im Fernsehstudio in Unterföhring im Nordosten Münchens saß, leitete Co-Trainer Rainer Widmayer im Berliner Westen auf dem Schenckendorffplatz das Auslaufen. „Ich bin auch enttäuscht. Ich kann nicht verlieren – und wenn es dann so extrem ist, hat man dran zu knabbern“, bekannte der nach Saisonende zum VfB Stuttgart abwandernde Schwabe. „Aber die Jungs sind einsichtig. Sie haben schon nach dem Spiel in der Mixed Zone das Ganze selbstkritisch betrachtet – das ist der richtige Ansatz.“

In der Tat: Die Akteure verkrochen sich nach den desaströsen 90 Minuten keineswegs. „Wir haben jetzt drei Spiele verloren, ich bin sprachlos, das ist sehr enttäuschend“, sagte etwa Marko Grujic. „Wir lassen uns quasi verarschen“, befand Valentino Lazaro, während Niklas Stark von einem „scheiß Spiel“ sprach und Davie Selke die Leistung als „fatal“ bezeichnete. „Wer von uns Spielern jetzt von Europa redet...“, ergänzte Selke und stockte dann. Den Satz führte der Stürmer nicht weiter aus.

Chronischer Rückrundenenfluch

Eine Teilnahme im kommenden Jahr am europäischen Wettbewerb können sich die Herthaner abschminken. Erstmals in dieser Saison haben sie drei Spiele am Stück verloren. Mit 35 Punkten befindet sich Hertha, das sagt auch Dardai, „im Niemandsland“. Mit solchen Auftritten wie in Leipzig ist selbst das Minimalziel, ein einstelliger Tabellenplatz, in Gefahr. „So ein Gesicht habe ich von uns noch nicht gesehen. Ich bin extrem enttäuscht“, sagte Lazaro.

Und irgendwie bleibt auch in dieser Spielzeit wieder der Eindruck haften, dass Hertha in der Rückrunde schwächelt. Das ist fast schon chronisch. In den bislang zehn Spielen seit Jahreswechsel fuhrt Hertha nur drei Siege ein. Auch deshalb will Dardai ab Dienstag einen „ehrlichen Dialog“ mit den Spielern führen, um Fehler aufzuarbeiten und möglichst schnell in die Spur zu finden. Die richtigen Worte wird er bis dahin gefunden haben.