Kopenhagen - Die Deutschkenntnisse des dänischen Publikums reichten aus, um Hertha BSC richtig wehzutun. „Auf Wiedersehen“, schallte es von den Rängen in die Katakomben, durch die die Spieler nach dem verdienten, aber völlig unnötigen Aus zum Bus schlichen. Die Europa League wird also ohne die Berliner ausgetragen. „Wann wir das nächste Mal international spielen, ist ein riesen Fragezeichen“, sagte ein konsternierter Pal Dardai. Wie in der Rückrunde der Vorsaison hatten seine Spieler dem Druck kurz vor Erreichen des Ziels nicht standgehalten. „Wann und wie lernt man das?“ Riesen Fragezeichen.

Der Verein, der das Erreichen der Europa League als Saisonziel ausgegeben hatte, muss umplanen, das 1:3 bei Brøndby IF hat direkte Auswirkungen auf die neue Spielzeit. „Dass jetzt nicht mehr Geld zur Verfügung steht, ist natürlich klar“, sagte Manager Michael Preetz. „Nichtsdestotrotz werden wir bis zum Ende auf dem Transfermarkt dabei sein. Unsere Möglichkeiten haben sich aber leider nicht vergrößert.“ Statt den Kader zu verstärken, bisher wurde nur Ondrej Duda verpflichtet und heute der Leihvertrag mit Allan Rodrigues de Souza unterzeichnet, könnte nun die umgekehrte Entwicklung einsetzen; und manchem Spieler ein Abschied nahegelegt werden.

Weniger Spieler benötigt

„Wir haben nicht nachweisen können, dass wir schon reif sind für den internationalen Wettbewerb. Wir hatten dieses Ziel, um die Entwicklung der Mannschaft voranzutreiben und um den Beweis anzutreten, dass man mit der Doppelbelastung klarkommen kann“, sagte Preetz. „Wir wollten mit Blick auf den internationalen Wettbewerb die gesamte Breite des Kaders nutzen. Aber das Thema stellt sich jetzt nicht mehr.“ Weniger Rotation bedeutet auch: Es werden weniger Spieler benötigt.

Davon betroffen werden nicht diejenigen sein, die das Ausscheiden mit fahrlässiger Abwehrarbeit und Chancenauswertung verschuldet haben, sondern die Ersatzleute. Kandidat Nummer eins für einen Wechsel ist Alexander Baumjohann, der wie im Hinspiel nicht in den Kader berufen worden war. Ein anderer Reservist darf sich ein wenig Hoffnung machen. „Vielleicht bekommt Valentin Stocker jetzt mehr Chancen“, sagte Dardai. Die Begründung: „Wir müssen Tore machen.“ Daran hatte es gehapert, weshalb sich beim Coach ein schlimmer Eindruck der Abhängigkeit verfestigt hat: „Wenn Vedad Ibisevic kein Tor schießt, schießt keiner ein Tor. Das kann in dieser Saison schwierig werden“.

Gescheitert an der Perfektion

Deshalb war er froh, dass Sami Allagui nach der Einwechslung in der 62. Minute die Offensive etwas belebte, der 30-Jährige war lange verletzt gewesen. Doch zum entscheidenden Treffer reichte es nicht. Woran das gelegen hat? Salomon Kalou kratzte sich am Bart. „Unter Druck brechen wir zusammen, und ein europäischer Wettbewerb bedeutet viel Druck“, sagte der Angreifer. Ausgerechnet der Mann in Herthas Kader mit der größten Erfahrung und den größten Erfolgen war vor den nicht mal 20.000 Fans zu sehr ins Grübeln geraten. „Nach der Parade des Keepers bei meiner ersten Chance war er selbstbewusst, und ich habe versucht, es noch besser zu machen“, erklärte Kalou.

Wie schon am letzten Spieltag der Vorsaison in Mainz, als Hertha die direkte Teilnahmeberechtigung an der Europa League verspielte, vergab er am Tag vor seinem 31. Geburtstag beste Möglichkeiten. „Wenn ein Torwart zur richtigen Zeit rauskommt, kann er den Angreifer zu Zweifeln zwingen“, sagte Kalou. Etwa in der 86. Minute, als der Ivorer nicht am 24-jährigen Torwart Frederik Rønnow vorbeikam, und vorher, als er ihn zwar umspielt hatte, aber zu sehr abgedrängt worden war. Er scheiterte am selbst auferlegten Perfektionismus.

Die Berliner fürchteten sich

Eigentlich hatten Kalou und seine Kollegen nach dem Ausgleich durch Ibisevic dank der Auswärtstorregel alle Trümpfe in der Hand. Doch Brøndby-Coach Alexander Zorniger hatte mit seiner Beobachtung recht, dass seine „Jungs auf diese Sorte von Spiel gewartet haben“ und es nicht Herthas Entscheidung war, „wer dieses Spiel gewinnt, sondern unsere“. Die Berliner fürchteten sich. So desaströs stolperte die Defensive, dass Dardai in seinem Ärger von „drei Eigentoren“ sprach. Am Wechsel im Tor von Rune Jarstein zu Thomas Kraft habe die Unruhe jedoch nicht gelegen. Die ersten zwei Tore haben nichts mit dem Torwart zu tun, Thomas hat in der ersten Situation gut gerettet“, sagte Dardai. Stabil hatte das Gebilde aus Keeper und Abwehr aber nicht gewirkt.

Die Hoffnung ist dahin, dass Hertha mit Wettkampfhärte und dem damit verbundenen Vorsprung auf die Konkurrenz in die Saison startet. Die Playoffs fallen aus. Stattdessen besteht die Gefahr, dass Ernüchterung eintritt. Auf Fanseite sowieso, aber auch im Kader. Wenn Träume platzen, ist es nicht einfach, sofort neue Motivation zu schöpfen. „Alle, die bisher von Champions League und sowas geträumt haben, sollen endlich die Realität sehen“, sagte Dardai, „was wir haben und was wir können. Wenn nur einer denkt, dass wir ein bisschen besser und größer sind, haben wir riesen Probleme. Das haben wir in der Rückrunde gesehen.“ Und: „Wer weiß, zu was diese Niederlage gut ist?“ Ins Handgebäck passten die vielen Fragezeichen jedenfalls nicht, als die Herthaner den Flieger bestiegen.